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In Unterhosen und oben ohne für mehr Gleichberechtigung. Hilft Provokation? (Foto: Brixa/.rufo)
In Unterhosen und oben ohne für mehr Gleichberechtigung. Hilft Provokation? (Foto: Brixa/.rufo)
Mittwoch, 14.03.2012

Russlands Feministinnen: in Höschen auf die Barrikaden

St. Petersburg. Topless gegen Sexismus? Was FEMEN kann, können Petersburgs Feministinnen schon lange: Provozieren. Die Gender-Diskussion steht in Russland erst am Anfang. Das wollen sie ändern – mit Debatte und Modenschau.

„Setzen Sie sich ruhig ganz nach vorne, wie eine richtige Feministin!“, schallt es einem etwas verlegenen Herrn entgegen, der zögerlich einen Fuß in den prall gefüllten Veranstaltungsraum des Buchladens „Porjadok Slow“ („Wortordung“) setzt. Die Petersburger Feministinnen haben anlässlich des Frauentags am 8. März zu einer Debatte über Genderfragen in Russland geladen – und das Fest mit einer untraditionellen Diskussionsreihe kurzerhand verlängert. Zur ersten Runde sind ganze 50 Gäste erschienen.

Sprache als Mittel der Gleichberechtigung


Gleichberechtigung beginnt bei der Sprache, so die Überzeugung der Feministinnen. Dass die Umsetzung der Theorie in die Praxis nicht immer ganz einfach ist, bewies die erste Rednerin gleich in der Vorstellungsrunde: „Ich bin Olga Samojskaja, ein feministischer Aktivist. Herrje! – eine feministische Aktivistin“, eröffnete sie den Abend.

15. März Diskussion: Feminismus und Aktivismus: Welchen Stellenwert hat Kleidung für den alltäglichen Widerstand?
17. März Diskussion: Anarcho-Feminismus: Radikale Praktiken im Kampf gegen die Unterdrückung
18. März Diskussion/Filmvorführung: Metamorphosen der Filmsprache: Vom „Männlichen“ zum „Weiblichen“ und umgekehrt
21. März Vortrag/Diskussion: „Weiblicher Raum“: Geschichte und Theorie
22. März Vortrag/Diskussion: Gender-Transformationen in der Kleidung. Queer als eine neue Denkform
27. März Kleidung und Weiblichkeit. Diskussion im Format der feministischen „Gruppe zur Steigerung der Selbstwahrnehmung“
In das darauf folgende amüsierte Lachen fielen sowohl Publikum als auch Organisatorinnen ein – denn im Russischen ist es ungleich schwieriger als im Deutschen, feine Gender-Akzente zu setzen. Viele Berufsbezeichnungen etwa sind ungeachtet dessen, welches Geschlecht dem Job in der Praxis nachgeht, nur in der männlichen Form gebräuchlich. Und umgekehrt existiert bei „reinen Frauenberufen“ oft gar keine männliche Form. Feministisch formuliert bedeutet das: Russland fehlt es auf diesem Gebiet noch an Bewusstsein.

In westlichen Ländern hingegen hat das „Gendern“, also die Verwendung einer geschlechtsneutralen Ausdrucksform wie „PolitikerInnen, Studierende“ längst Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden. Und selbst wer sich aufgrund einer besseren Lesbarkeit weigert, in wissenschaftlichen Arbeiten zu „gendern“, thematisiert dies wenigstens in einer entsprechenden Fußnote – so viel gehört mittlerweile zum guten Ton.

Unten ohne Rüschen, oben ganz ohne


Um das fehlende Gender-Bewusstsein in Russland zu stärken, hatten die Petersburger Feministinnen am 8. März einen „internationalen Unterhosentag“ ausgerufen. Dieser sollte ihre Kritik am internationalen Frauentag ausdrücken, an dem die hiesigen „süßen Damen“ mit Konfekt, Blumen und Geschenken geehrt werden.

Hinter der Forderung „Keine Rüschen!“ steht die Überlegung, wie sehr Geschlecht über Kleidung definiert wird – und ob Damenunterwäsche wirklich den Bedürfnissen ihrer Trägerinnen, oder eher denen der Herren gerecht wird. Neun junge Designerinnen hatten phantasievolle Unterhosen entworfen, die am Frauentag von Topless-Models präsentiert wurden und noch bis 15.3. im Club „GES-21“ zu sehen sind.

Sexistische Werbung ist in Russland häufig anzutreffen. Hier wirbt ein Massagesalon um männliche Kunden (Foto: Brixa/.rufo)
Sexistische Werbung ist in Russland häufig anzutreffen. Hier wirbt ein Massagesalon um männliche Kunden (Foto: Brixa/.rufo)

Öffentliche Diskussion erhofft


Die Feministinnen erhoffen sich von der provokanten Aktion öffentliche Diskussionen. Allerdings könnte diese gesteigerte Aufmerksamkeit auch den Gegendruck erhöhen – wie unlängst am neuen Petersburger Homogesetz gesehen, das nicht nur primär Kinder schützen, sondern auch der Debatte um alternative Lebens- und Liebesformen den Boden nehmen soll. Passend dazu wird aus traditionellen Lagern zuweilen argumentiert, dass Feminismus die Ausbildung von Homosexualität sogar befördern könnte.

Feminismus für alle


Die russischen Feministinnen selbst meinen dagegen, dass von ihrer Bewegung alle nur profitieren können – denn Männer litten genauso unter patriarchalischen Machtstrukturen wie Frauen, sobald sie das herrschende Ideal von Männlichkeit nicht erfüllen können. Tatsächlich beteiligen sich einige Herren im Saal aktiv an der Diskussion. Auf der anderen Seite üben nach Angaben der Feministinnen gerade russische Frauen erheblichen Druck aufeinander aus, dem gesellschaftlichen Ideal als Mutter und Hausfrau zu entsprechen.

Bei Russland-Aktuell
• Gebet für "Pussy Riot" führt zu neuen Festnahmen (08.03.2012)
• Pussy Riot: zwei Feministinnen im Hungerstreik (05.03.2012)
• FEMEN: Einzelheiten aus der „KGB-Gefangenschaft“ (22.12.2011)
• FEMEN: KGB quält Frauen und setzt sie im Wald aus (21.12.2011)
• Barbusig für die Opposition vor Russlands Hauptkirche (09.12.2011)
Das hier vorherrschende „maskuline Macho-Schema“ würde vor allem von Wladimir Putin befördert, klagten die Feministinnen. Der alte und neue Präsident ist dafür bekannt, dass er sich gerne als Haudegen mit freiem Oberkörper präsentiert, heldenhaft Wildtiere er- und zerlegt, Waldbrände löscht und im Neoprenanzug antike Amphoren birgt. Ähnliche Bilder von Männlichkeit würden auch aktiv vom Fernsehen propagiert, wo auch Gewalt gegen Frauen in Vorabendserien unkommentiert zur Tagesordnung gehört.

Pussy Riot und FEMEN auch bei Feministinnen umstritten


Eine erhitzte Diskussion über russischen Feminismus hatte unlängst die Kunstaktion der Band „Pussy Riot“ ausgelöst, die in der Moskauer Christi-Erlöser-Kirche ein Punk-Gebet gegen Putin angestimmt hatte und sich seitdem in Haft befindet. Auch in der Ukraine sorgen die Topless-Aktivistinnen der Gruppe „FEMEN“ regelmäßig für Medienaufruhr.

Ob es sich hier um „richtige Feministinnen“ oder eher um Eigen-PR handelt, und welche Grenzen im Interesse der Gleichstellung überschritten werden dürfen, ist freilich auch unter den Petersburger Feministinnen umstritten. Konsens der Diskussion war dabei das zu hoch angesetzte mögliche Strafmaß von bis zu sieben Jahren, da zwei der Punkerinnen Mütter von Kleinkindern sind.

Feministinnen Teil der Zivilgesellschaft


Den Petersburger Feministinnen waren noch spürbare Definitionsprobleme anzumerken. Einige ihrer Ideen (wie etwa die Gründung einer feministischen Partei) muten reichlich utopisch an. Auch beim Recht auf Abtreibung schieden sich die Geister. Auf der anderen Seite zeigen solche Diskussionen, dass die Zivilgesellschaft in Russland sich belebt.

Wer mitdiskutieren und den Petersburger Feminismus live erleben will: Die Unterhosen-Ausstellung ist noch bis Donnerstag zu sehen, die Diskussionsreihe endet am 27. März.

(Anna Brixa/.rufo/St. Petersburg)


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