Wahl auf turkmenisch: 97 Prozent für Berdymuhammedow
Handball: Berliner Füchse überlisten russischen Bären
Russland-Aktuell zur Startseite machen


Abgehängt: Der Kurswagen Thessaloniki-Moskau wartet wieder einmal auf einem Abstellgleis  auf eine Mitfahrgelegenheit (Foto: Packeiser/.rufo)
Abgehängt: Der Kurswagen Thessaloniki-Moskau wartet wieder einmal auf einem Abstellgleis auf eine Mitfahrgelegenheit (Foto: Packeiser/.rufo)
Dienstag, 10.11.2009

Skopje-Moskau: Auf den Abstellgleisen des Ostens

Skopje/Moskau. Sie sind wie Fossilien der Verkehrsgeschichte. Schlafwagen der Russischen Eisenbahn fahren bis heute in viele europäische Hauptstädte - über Tausende von Kilometern und allen Billigfliegern zum Trotz.

Im Sommer können echte Bahnfreaks einmal pro Woche mit der sinnlosesten Schlafwagenverbindung des Kontinents reisen: Ein grüner Waggon aus DDR-Produktion verbindet sechs europäische Staaten, rollt von Moskau bis ins griechische Thessaloniki und wieder zurück, die einfache Fahrtzeit beträgt laut Fahrplan knapp 64 Stunden. Faktisch kann es bedeutend länger dauern.

Tag 1, 22:00 Uhr, Skopje, Republik Mazedonien


Etwa hundert Menschen springen auf, greifen hektisch nach ihren Koffern und wuchten schwere Reisetaschen über die Schultern, als sie die Lichter der Lokomotive in der Dunkelheit näherkommen sehen. Doch wieder ist es nur ein Güterzug, der durch die spärlich beleuchtete Halle des Bahnhofs rattert und bald wieder hinter einer Kurve verschwindet.

Bei Russland-Aktuell
• Zum 2. Teil der Reisereportage Skopje-Moskau
• Zum 3. Teil der Reisereportage Skopje-Moskau
Zum dritten Mal nur falscher Alarm. Der Nachtzug von Thessaloniki nach Belgrad ist seit anderthalb Stunden überfällig, aber bislang gab es noch nicht einmal eine offizielle Durchsage.

Wer in Deutschland schon über eine zehnminütige Verspätung seines ICE schimpft, sollte besser nie im Leben mit der mazedonischen Eisenbahn reisen. Jugoslawien war nie ein wirkliches Eisenbahnland, der praktische Nutzwert von Fahrplänen auf dem Balkan schon immer äußerst begrenzt.

Hauptstadt-Bahnhof: Fahrkartenverkauf ohne Computer


Ob es im Schlafwagen nach Moskau noch freie Plätze gab, wusste die freundliche junge Eisenbahnerin am Fahrkartenschalter nicht. Im unabhängigen Mazedonien besitzt nicht einmal der Bahnhof der Hauptstadt einen Computer.

Immerhin: Die Schalterfrau sprach passables Englisch, stellte von Hand die Fahrkarte in die russische Hauptstadt aus, knallte dicke Dienst-Stempel darauf, was das eigenartige Ticket gleich wichtiger aussehen ließ. Die Bahnfahrt Skopje-Moskau kostet mich einfach 7.146 mazedonische Dinare, doch der Schlagwagenplatz ist nicht eingeschlossen.

Bei Russland-Aktuell
• Medwedew in Serbien: Solidarität in Sachen Kosovo (20.10.2009)
• 1989: Letzter Blick hinter den Eisernen Vorhang (III) (13.10.2009)
• Schock am Urlaubsort: Hilfe, die Russen kommen! (31.08.2009)
• Super-Luxus-Schnellzug mit Video und Kitschmöbeln (27.04.2009)
• Bahn frei für neues Breitspur-Gleis bis Wien (28.05.2009)
Endlich, mit etwa zwei Stunden Verspätung, kommt der Zug aus Griechenland dann doch. Überfüllte Waggons, Reisende drängen sich mit ihrem Gepäck in die heruntergekommenen alten Liegewagen. Nur zum dunklen Waggon ganz am Ende des Zuges geht niemand.

"Moskau - Thessaloniki" steht in russischen und griechischen Buchstaben auf dem Zuglaufschild. Kein Licht brennt im Gang. Erst auf hartnäckiges Klopfen hin öffnet ein grauhaariger Mann mit nacktem Oberkörper die Tür, dem ein kleines silbernes Kreuz vor der Brust baumelt - offensichtlich der Schlafwagenschaffner.

Der Schlafwagenschaffner verteidigt sein Territorium


Die Bahnfahrt nach Moskau beginnt relativ skurril, denn ich darf nicht einsteigen. Statt Freude über einen Fahrgast gibt es nur Probleme. "Wie viel willst Du zahlen?" fragt der Schaffner ziemlich unwirsch. "Ist das hier etwa ein Basar?" entgegne ich, aufrichtig verblüfft. Doch das ist offenbar die falsche Antwort.

Woher ich komme, ob auch der Pass in Ordnung sei, ob ich wirklich alle nötigen Visa für alle Länder besitze. Und überhaupt, knurrt der Mann schließlich, ohne Schlafwagenkarte von der Bahnhofskasse gebe es auch kein Abteil. Dann klappt er die Tür einfach wieder zu.

Hauptsache: Ich bin mit an Bord


Zwei Wagen weiter vorne verkauft der mazedonische Liegewagenschaffner noch Schlafplätze für 8 Euro, nur bis Belgrad, aber besser als nichts. Die meisten Abteile sind schon mit Interrail-Touristen auf dem Heimweg vom Griechenland-Urlaub belegt.

Die nüchternen Interrailer diskutieren bis tief in die Nacht, ob die Serben allein Schuld sind an den Tragödien des Balkans, die besoffenen grölen durch die offenen Fenster Lieder in die kühle Nacht hinaus.

Tag 2, 9:30 Uhr, Belgrad, Serbien


Wegen der katastrophalen Unpünktlichkeit warnen alle einschlägigen Reiseführer vor der Bahnverbindung zwischen Belgrad und Griechenland. Die letzten 100 Kilometer bis in die serbische Hauptstadt war der Nachtzug mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von geschätzt 30 Kilometern pro Stunde über die marode, eingleisige Strecke gerattert. Sein Ziel erreicht der Expresszug mit soliden viereinhalb Stunden Verspätung.

Die Interrail-Touristen machen sich schnell auf die Suche nach ihren Anschlüssen. "Schau, ein Zug aus Griechenland nach Russland", raunt ein amerikanischer Rucksackreisender im Vorübergehen seinem Freund zu. "That is crazy!"

Der Anschlusszug nach Ungarn ist weg


Vor dem russischen Schlafwagen stehen rauchend ein paar Fahrgäste. Gennadi, so heißt der mürrische Mann aus der letzten Nacht, und ein zweiter Schlafwagenschaffner haben sich ihre Eisenbahner-Uniformen angezogen. Unter ihren Schirmmützen machen die beiden eine besorgte Miene: Der Anschlusszug nach Ungarn ist vor über einer Stunde abgefahren, und eigentlich hätte der Moskauer Waggon an ihn umgehängt werden müssen.

Feilschen um ein Schlafwagen-Abteil


Ich unternehme trotzdem einen neuen Versuch, noch in dem Waggon unterzukommen. "Immer noch alles belegt?" frage ich spöttisch. Gennadi will jetzt 80 Euro für einen Schlafwagenplatz nach Moskau, ich biete 30. Wir einigen uns auf 50 für ein Einzelabteil. Der alte Waggon aus dem VEB Waggonbauwerk in Ammendorf hat komfortable Abteile mit Waschbecken und Klimaanlage, wurde vor einigen Jahren komplett überholt.

Das einzige Problem ist: "Niemand kann jetzt mehr sagen, wann wir in Moskau ankommen werden", sagt Gennadis Kompagnon. Er gibt sich gleich von seiner charmanten Seite: "Aber wir bemühen uns, Ihnen allen den Aufenthalt bei uns so angenehm wie möglich zu machen."

Die beiden Schlafwagen-schaffner haben zudem etwas Hoffnung, dass wir doch noch irgendwie rechtzeitig nach Budapest gebracht werden, um den vorderen Teil unseres Zuges wieder einzuholen.

(Karsten Packeiser/.rufo)

Zweiter Teil der Reisereportage hier >>>

Dritter Teil der Reisereportage hier >>>

Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Dienstag, 10.11.2009
Zurück zur Hauptseite







(Topfoto: Plath/.rufo)


Mail an die Redaktion schreiben >>>










Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Als Chef vom Dienst ist für Sie
im Moment im aktuellen Einsatz
Susanne Brammerloh, St.Petersburg

Schnell gefunden
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH




Die Top-Themen
Kopf der Woche
Wahlkampf auf südossetisch: Staatsanwalt wird entlassen
Kommentar
Sozial und gerecht: Putin verteilt Wahlgeschenke an alle
St.Petersburg
Medwedew feuert Petersburger Polizeichef nach Skandal
Thema der Woche
Gemeinsam frieren: Dauer-Eiszeit in Russland und Europa
Moskau
Präsidentenwahl: für Putin 28, für Sjuganow 22 Prozent
Kaliningrad
Moskaus Ex-Bürgermeister macht jetzt Mist in Ostpreußen
Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Montag, 13. Februar
19:22 

Russland will Blauhelm-Mission für Syrien prüfen

18:38 

Korruption: Oligarchen wollen Geld für Sotschi zurück

18:06 

Handball: Berliner Füchse überlisten russischen Bären

17:15 

Russische Jugendliche 4 Mal depressiver als im Westen

15:49 

Wahl auf turkmenisch: 97 Prozent für Berdymuhammedow

14:51 

Baustelle am Kreml – weiter unklar, was dort entsteht

13:49 

Wahlkampf auf südossetisch: Staatsanwalt wird entlassen

12:38 

Hurra! Kältefrei! Schule in Moskau fällt wegen Frost aus

10:46 

Sozial und gerecht: Putin verteilt Wahlgeschenke an alle

09:53 

GLONASS Navigations- und Ortungsgeräte werden Pflicht

09:02 

VTB-Chef: Putin wählen, damit er in 6 Jahren abtritt

01:01 

Russland Geschichte: Ein Sänger und ein Vizeadmiral

Sonntag, 12. Februar
01:01 

Russland Geschichte: Ochrana, Kant, Tadschikistan

Samstag, 11. Februar
02:15 

Russland Geschichte: Iran und Russland vor einem Krieg

Freitag, 10. Februar
18:47 

Offizielle Umfragewerte: Putin im 1. Wahlgang durch

18:13 

9. Russlandlounge: Russland und der deutsche Markt

17:09 

Viel Wind um nichts: 25 Euro Strafe für Putin-Demo

16:14 

Medwedew feuert Petersburger Polizeichef nach Skandal

15:22 

Sotschi-2014: Ski-Weltcup als erste Bewährungsprobe

13:45 

Der potomkinsche Express-Bus - langsam und unbequem

12:48 

Politischer Karneval und Menschenkette um den Kreml

12:15 

Chodorkowski gewinnt Gerichtsverfahren gegen Lagerchef

11:01 

Gemeinsam frieren: Dauer-Eiszeit in Russland und Europa

09:12 

Nach Überfall - Siegerin bei Präsidentenwahlen im Koma

01:01 

Russland Geschichte: Pasternak geboren

Donnerstag, 9. Februar
18:45 

KHL: Hockeyclubs fliegen nur noch mit Airbus und Boeing

18:17 

Putin will freie Januartage auf Anfang Mai verschieben

17:24 

Gorbatschow möchte Wählerliga anführen, soll aber nicht

16:37 

Putin plant patriotisches Meeting mit 200.000 Menschen

15:55 

Skepsis gegen schweizer Riesenpaar Glencore-Xtrata

15:18 

Fußball: Spalletti verlängert Vertrag bei Zenit SPb.

14:01 

Super-Flugzeugträger: Kosmos- und Unterwasser-Einsatz

11:40 

Präsidentenwahl: für Putin 28, für Sjuganow 22 Prozent

10:26 

Neue Atom-U-Boote und Atomraketen für Russland in 2012

09:02 

Noch ein Moskauer Jugendlicher springt in den Tod

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
russland-news.RU

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru, www.puschkin.ru, www.wladiwostok.ru, www.sotschi.ru ... und noch einige andere mehr!
Russia-Now - the English short version of Russland-Aktuell








google.com
yahoo.com