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(Foto: poissk.ru)
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Kargopol: Oase der Kirchen und Kaufleute

So würde Russland wohl aussehen, wenn es keine Revolution und keine Industrialisierung gegeben hätte: Eine Stadt, wo noch weiße Kirchen und nicht Plattenbauten die höchsten Gebäude sind. Wo die Menschen in Holzhäusern und nicht in Betonklötzen leben.

Eine Stadt ohne rauchende Fabriken und das ewige Geratter eines Bahnhofs. In Kargopol darf es auch nicht wundern, wenn die Nachkommen einer ehrwürdigen Kaufmanns-Sippe seit 150 Jahren ungestört deren Privathaus bewohnen.
Alte Bäume, kleine Holzhäuser und große Brennholzstapel, Fischerboote am unbefestigten Ufer des Onega-Flusses, das ganze Panorama überragt von kaum zählbaren Zwiebeltürmchen - Kargopol strahlt provinzielle Ruhe aus.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte Kargopol 22 Kirchen und zwei Klöster – bei 3.000 Seelen. Heute sind es 13.000 Einwohner und nur noch halb soviele Kirchen, was nach 70 Jahren des staatlich verordneten Atheismus im Landesschnitt aber noch immer eine eindrucksvolle Quote ist.


Christi-Geburtkathedrale/foto:Deeg
Christi-Geburtkathedrale/foto:Deeg
Allerdings „arbeitet“ nur eine Kirche, einige andere dienen als Museen. Darüber hinaus gibt es in Kargopol eine kleine Hochschule in Form eines Lehrerseminars - aber keine Industrie, von ein paar Sägewerken und einer Konservenfabrik einmal abgesehen. Ein Betrieb zur Herstellung von Leinenstoff wurde unter Chruschtschow als „perspektivlos“ zugemacht.

Das Haupt-„Exportgut“ der Kleinstadt im Gebiet Archangelsk sind heute bemalte Spielzeugfiguren aus gebranntem Lehm, die man hier traditionell in Handarbeit fertigt.

Trotzdem ist hier von der sonst auf dem russischen Lande übliche Depression wenig zu spüren. Kargopol ist es eine alte und entsprechend selbstbewusste russische Stadt: Das 850. Gründungsjubiläum feierte man hier ein Jahr früher als Moskau.

Im Jahre 1146, so die allerdings auf wackeligen historischen Beinen stehende Stadt-Chronik, legte der Nowgoroder Fürst Wladimir nach einem Feldzug gegen die Tschuden, die wilden finno-ugrischen Stämme des Nordens, ein Päuschen ein – und gründete eine Festung. Daraus entstand Kargopol, das im Mittelalter zum Handelszentrum für ganz Nordrussland aufstieg:

Hier, am Ausfluss des Onega-Flusses aus dem Latscha-See (der vielfach größere Onega-See liegt 150 Kilometer weiter westlich!), kreuzten sich die Handelswege von Nowgorod zur Dwina-Mündung und vom Weißen See zum Weißen Meer.

Pelze, vor allem Zobel – „weiches Geld“, wie man damals sagte – aus der unendlichen nordrussischen Taiga und Salz, das man an der Küste aus Meerwasser gewann, machten Kargopol reich. Im 16. Jahrhundert gewährte Iwan der Schreckliche den Kargopoler Kaufleuten das Monopolrecht auf den einträglichen Salzhandel.


Glockenturm/foto:Deeg
Glockenturm/foto:Deeg
Von der – aus Holz gebauten - Festung ist außer einigen Erdwällen nichts mehr übrig. Erhalten blieb aus dieser Zeit aber die Christi-Geburt-Kathedrale, ein mächtiger Kubus mit pittoresken Anbauten und fünf saftig wirkenden Zwiebel-Kuppeln. Als eines von wenigen Gebäuden überstand dieser Kirchenbau das verheerende Feuer, das 1765 die Stadt heimsuchte.

Allerdings mit einigen Beschädigungen, weshalb die rissig gewordenen Mauern mit dicken Stützpfeilern an den Ecken gesichert werden mussten. Das macht die Kathedrale, nur wenige Schritte vom Flussufer entfernt, noch bodenständiger.

Zarin Katharina die Große stiftete nach dem Feuer 1.000 Rubel für den Wiederaufbau und entsandte professionelle Stadtplaner nach Kargopol. Die dankbaren Bürger errichteten auf dem Marktplatz einen barocken, 60 Meter hohen Glockenturm.

Man kann unter ihm hindurchgehen, denn in seiner Zweitfunktion als Triumphbogen wurde er genau in die Perspektive der Petersburger Landstraße gerückt. Die Zarin, für die das Prunk-Tor angelegt wurde, kam auf ihren Reisen allerdings nie bis Kargopol.
Schon damals lag die Stadt also ab vom Schuss, denn mit dem Aufstieg von St. Petersburg (gegründet 1703) hatten sich die Handelsströme vom Weißen Meer weg verlagert. Kargopol degradierte von einer Handels- zur Provinzmetropole – auch weil viele seiner hoch geschätzten Handwerker „zur dauerhaften Ansiedlung mit Frauen und Kindern“ in die neue Haupt- und Hafenstadt befohlen wurden.

Gänzlich zum stillen Pflaster wurde das Städtchen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Bau der Bahnlinie nach Archangelsk: Sie führt 80 Kilometer weiter östlich vorbei. „Die Kargopoler Kaufleute und Flussschiffer waren sogar froh darüber, denn so, meinten sie, bliebe ihnen dieser Konkurrent vom Halse“, erzählt Sergej Ragusow, ein Musiklehrer und Hobby-Heimatforscher.

Aber ein stolzer Eingeborener wie Ragusow nimmt es seinen Ahnen nicht übel, dass sie sich damals bewusst ins Abseits bugsierten: Nach ein paar Stunden in Njandoma, der Nachbarstadt an der nächsten Bahnstation, dröhne ihm vom Lärm und Gestank der Kopf, erzählt er. In Kargopol gebe es dafür, nachdem die Holzflößerei über die Onega eingestellt wurde, seit drei Jahren wieder Krebse im Fluss.

Verschont blieb Kargopol auch von den Errungenschaften des sowjetischen Städtebaus: Fährt man aus der Stadt zu den eindrucksvollen alten Holzkirchen der Umgebung, verschandeln keine Plattenbauten oder fünfstöckige Standard-Wohnkisten die Landschaft.

Hingen in Kargopol nicht an jeder Ecke Schilder mit den klassischen bolschewikischen Straßennamen wie „Uliza Lenina“, „Oktober-Prospekt“ und die „Straße der III. Internationale“, könnte man meinen, dieser Ort sei 1917 in einer Zeitblase verschwunden und erst vor kurzem wieder auf russischen Boden zurückgekehrt.


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Eine der Kaufmanns-Sippen, die damals im konservativen Kargopol mit den Ton angaben, waren die Urywajews. 1848 kaufte Wassili Urywajew ein schon damals 30 Jahre altes, zweistöckiges Holzhaus an der Hauptstraße. In der unteren Etage, heute schon fast vollständig im Erdboden versunken, hausten die Bediensteten.

Die obere Etage beherbergte nacheinander drei Generationen von Kaufleuten, die hier unter Stuckdecken, zwischen eleganten Öfen und Wanduhren ihr bürgerliches, städtisches Leben führten. Heute lebt hier auf 200 Quadratmeter Wohnfläche Nina Alexandrowna Klotschewa, eine Enkelin des letzten Kaufmanns Urywajew mit ihrem Ehemann.

Das Haus ist altersschwach. Seine Ecken scheinen unterschiedlich schnell abzusacken. Doch die alten Möbel, Wandspiegel, Zeitschriften von 1901, eine französische Taschenuhr – Nina Alexandrowna hält, so gut es geht, den Familienbesitz und das aus den Fugen gehende Haus zusammen.

Ein so großes Heim für ein Rentnerehepaar - das heißt, im langen, eisigen nordischen Winter in einer Stube zusammenzurücken, die man sich zu beheizen leisten kann. Hier bewirtet Nina Alexandrowna ihre Gäste mit Tee und Käsekuchen an einem 13-beinigen Ausziehtisch – ursprünglich stand er im „Saal“, für die großen Festessen.

Wer die Sowjetgeschichte kennt, glaubt seinen Ohren nicht zu trauen: Das Kaufmannshaus blieb immer in Privatbesitz der – inzwischen zusammengeschrumpften - Großfamilie. Es gab keine Enteignung und keine Einquartierungen von Proletariern, berichtet Nina Alexandrowna.
Verbannung, Gulag oder Todesurteile für „Volksfeinde“ – die Urywajew-Nachfahren erfuhren den landesweiten Revolutionsterror und die Herrschaft des Kommunismus nur in einer weichgespülten, offenbar Kargopol-typischen Version.

Nina Alexandrownas Vater, der vor fünf Jahren im Alter von 102 Jahren starb, brachte es unter der Sowjetmacht vom einfachen Soldaten zum geachteten Rechtsanwalt und wurde trotz der bourgoisen Familie, in die er eingeheiratet hatte, auch noch Ehrenbürger.
Nur in den 20er Jahren war es einmal kritisch für die Familie: „Der NKWD, die Geheimpolizei, steckte alle Reichen aus Kargopol in den Karzer“, erzählt Nina Alexandrowna, „die Babuschka ging wie befohlen hin und gab allen Schmuck und das Gold ab“. So rettete sie den Mann und das Haus - meinte sie. „Aber am nächsten Tag wurden alle wieder freigelassen.“

(Lothar Deeg/.rufo/04.02)

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