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Rote Rosen sind als Mai-Symbol beliebter als rote Fahnen (foto: cj/rufo)
Rote Rosen sind als Mai-Symbol beliebter als rote Fahnen (foto: cj/rufo)
Dienstag, 02.05.2006

1. Mai in Moskau: Volkstanz und üble Hetzparolen

Moskau. Für die meisten Moskauer ist der 1. Mai ein unpolitischer Feiertag. Allein Kommunisten und Nationalisten beschworen alte Zeiten. Die Schuld für den Niedergang Russlands gaben sie Ausländern und Schwulen.

Wie macht man aus dem Feiertag der internationalen Arbeiterbewegung und einem der wichtigsten russischen Feiertage ein ganz gewöhnliches Volksfest? Die Moskauer Stadtregierung zeigt es bei den Feierlichkeiten zum 1. Mai. Rot, die traditionelle Farbe der Revolution und des Arbeiterfeiertags, ist rund um das Rathaus fast vollständig dem Blau von Putins Regierungspartei „Einiges Russland“ gewichen.

Bei Russland-Aktuell
• Geschichte Russland: Erste freie Demo auf dem Roten Platz (01.05.2006)
• Moskauer demonstrieren am 1. Mai alkoholfrei (28.04.2006)
• Russland streitet um Lenin und das Mausoleum (21.04.2006)
• Skinheads verprügeln Kulturminister und Journalist (03.04.2006)
• Bauern-Demo auf dem Roten Platz von OMON beendet (17.04.2006)
Wo das Farbsymbol doch noch auftaucht, ist es von seinem politischen Inhalt befreit und geschickt uminterpretiert worden: Rote Papierfähnchen beispielsweise, die an die Passanten verteilt werden, tragen statt einer kämpferischen Losung einen unverfänglichen Aufdruck, etwa „1. Mai“ oder „Moskau“. Die Schwerter der Revolution werden umgeschmiedet zu kultigen Marketingartikeln.

Gewerkschafter haben Kreide gefressen


Eitel Freude herrscht über den offiziellen 1. Mai selbst bei der Stadtreinigung (foto: cj/rufo)
Eitel Freude herrscht über den offiziellen 1. Mai selbst bei der Stadtreinigung (foto: cj/rufo)
Auch die Reden der Politiker und Gewerkschaftsvertreter an diesem Montag sind auffällig unauffällig. Ein Vertreter der Bahngewerkschaft lobt die letzten Gesetzentwürfe der Regierung und anschließend wünscht Bürgermeister Juri Luschkow allen Anwesenden einen schönen Feiertag. An die kämpferischen Tage des schlitzohrigen Stadtoberhaupts erinnert nur noch die speckig-schwarze Proletarierledermütze auf seinem Kopf. Dann verlassen die Politiker und Gewerkschaftsführer die Bühne und machen Platz für Folkloregruppen.

Unpolitischer könnte der „Tag der Arbeit“ in Moskau nicht sein. Das Zentrum Russlands will offenbar die letzten Erinnerungen an die sozialistische Vergangenheit abschütteln. Die Mehrzahl der Moskauer will das auch längst. Ausgelassen tanzen die Menschen an diesem Montag auf den Straßen zu Folklore-Musik und Schlagern.

Schritt in eine vergangene Welt


Der Zugang zu der kommunistischen Kundgebung führt durch Metalldetektoren (foto: cj/rufo)
Der Zugang zu der kommunistischen Kundgebung führt durch Metalldetektoren (foto: cj/rufo)
Politisch wird es erst hinter der nächsten Straßenecke. Kurz vor dem Theaterplatz, wo Kommunisten und Nationalisten ihre gemeinsame Versammlung abhalten, hat die Stadtregierung die Sicherheitsmaßnahmen erhöht: Hier ist die Mehrzahl von insgesamt 4.000 Polizisten im Einsatz. Rund um den Platz bestimmen graue Uniformen das Bild. Der Theaterplatz selbst ist nur durch türrahmengroße Metalldetektoren zu betreten.

Dies ist ein Schritt in eine andere, eine vergangene Welt. Ein ehemaliger General der Roten Armee stolziert mit Orden behängter Brust durch die Menge. Ein ausgemergelter Alter, hoch gewachsen wie eine Fahnenstange, reckt die Sowjetflagge in den Himmel und wird sofort von Fotografen umzingelt. Plötzlich rollt ein Lieferwagen durch die Menge.

Stalin ist mit uns! Für russische Hardcore-Kommunisten ist der Diktator noch immer Idol Nr. 1 (foto: cj/rufo)
Stalin ist mit uns! Für russische Hardcore-Kommunisten ist der Diktator noch immer Idol Nr. 1 (foto: cj/rufo)
Auf der Fahrerkabine ist ein lebensgroßes Stalinporträt montiert, auf der Ladefläche schunkeln alte Frauen und Männer zu pathetischen Revolutionsliedern, die in ohrenbetäubender Lautstärke aus den Boxen scheppern. Jemand skandiert ins Mikrofon: „Stalin, Russland, Sozialismus!“. Die Menge antwortet entzückt: „Hurra!“

Auf dem Theaterplatz versammeln sich die Verlierer der gewaltigen sozialen Umwälzungen, die Russland beim Wechsel vom Sozialismus zur Marktwirtschaft bewältigen musste. Es sind vor allem alte Menschen. Den Aufbruch in die Moderne hat dieser Teil der russischen Bevölkerung verpasst.

Hier wird offen sichtbar, was sonst hinter den glänzenden Fassaden der neuen Bankgebäude, den Shopping-Malls und Kasinos, hinter den Wachstumsstatistiken und den Erfolgsmeldungen der täglichen Nachrichtensendungen verborgen bleibt: In Russland wird die Kluft zwischen denjenigen, die am Fortschritt teilhaben, und denen, die von der Gegenwart ausgeschlossen sind und in der Vergangenheit verharren müssen, immer tiefer.

Weghören ist die falsche Strategie


KP-Chef Sjuganow spricht unscheinbar - dort vorne, unter der Marx-Figur (foto: cj/rufo)
KP-Chef Sjuganow spricht unscheinbar - dort vorne, unter der Marx-Figur (foto: cj/rufo)
Emotionslos starren die alten Menschen in Richtung Bühne. Die Stimmung ist ruhig, fast depressiv. Aggressivere Töne kommen später vom Podium. Nachdem Gennadi Sjuganow, der Führer der Kommunistischen Partei, noch weitgehend sachlich gegen Preissteigerungen und die Erhöhung der Abwasser- und Stromgebühren argumentiert hat, beschimpfen andere Redner Wladimir Putin und die russische Regierung als Seuche.

Bei Russland-Aktuell
• Rechte Gewalt in Russland eskaliert immer weiter (24.04.2006)
• Schüler wegen Messer-Mord in der Metro verhaftet (24.04.2006)
• Russen wollen Zuzug von Ausländern begrenzen (20.04.2006)
Wer sein Russlandbild nur aus dem Mainstream der Westmedien bezieht mag seinen Ohren nicht trauen, dass öffentliche Präsidentenbeschimpfungen in Russland ungestraft möglich sind. Gehen doch die Behörden ansonsten manchmal nicht gerade zimperlich mit unliebsamen Kritikern um. Aber offenbar stellt man sich diesmal besonders taub. Bloß keine unnötigen Skandale – das scheint die Losung zum 1. Mai zu sein.

“Haut die Schwulen auf die Fresse“


Einst standen rote Fahnen für internationale Arbeitersolidarität, heute flattern sie auch zu Ausländerhass-Parolen (foto: cj/rufo)
Einst standen rote Fahnen für internationale Arbeitersolidarität, heute flattern sie auch zu Ausländerhass-Parolen (foto: cj/rufo)
Als die ergraute Gewerkschaftsvertreterin Nadeschda Paschkowa ans Mikrofon tritt, wird jedoch klar, dass Weghören auf Dauer die falsche Strategie sein dürfte. Mit sich überschlagender Stimme hetzt die bieder gekleidete Frau gegen Ausländer und Homosexuelle, die sie für den Niedergang Russlands mit verantwortlich macht. „Die Schwulen und Lesben feiern in den kommenden Tagen in Moskau Partys. Ich rufe alle hier Versammelten dazu auf, zu den Veranstaltungen zu gehen und diesen Typen auf ihre widerlichen Fressen zu hauen.“

Sprüche, für die es in Russland empfängliches Publikum gibt. Das wurde in den vergangenen Wochen mit äußerster Brutalität deutlich, als ein dunkelhäutiger armenischer Student im Moskauer Zentrum von Rechtsradikalen erstochen wurde.

Auch diesmal fallen die Hetzparolen der Agitatoren auf fruchtbaren Boden: Noch in der Nacht zum 2. Mai versammeln sich 40 Randalierer vor einer Diskothek, in der Moskauer Schwulen und Lesben feiern. Glücklicherweise sind die Sicherheitskräfte rechtzeitig zur Stelle und verhaften die Schläger. Und so gehen in dieser Nacht nur einige Autoscheiben zu Bruch.

(Christian Jahn/.rufo)


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