Geldwäscheverdacht: Kein US-Visum für Vizeminister
Binnenwasserwege für ausländische Yachten jetzt frei
Russland-Aktuell zur Startseite machen


Igor Golubizki, Leiter des Grenzübergangs Tschernyschewskoje, vor den neuen, von der EU geförderten Gebäuden (Foto: Jahn/.rufo).
Igor Golubizki, Leiter des Grenzübergangs Tschernyschewskoje, vor den neuen, von der EU geförderten Gebäuden (Foto: Jahn/.rufo).
Mittwoch, 17.10.2007

EU-Russland-Partnerschaft: High-Noon an der Grenze

Kaliningrad. In Kaliningrad fördern Europäische Union und Russland gemeinsam Projekte in Grenzverkehr und Umweltschutz. Wichtige Infrastruktur entsteht. Mit dem Programm „Nördliche Dimension“ wird die Arbeit fortgesetzt.


Die Gebäude der neuen Grenzanlage in Tschernyschewskoje stehen noch leer. Kein Mensch, kein Auto ist weit und breit zu sehen. Alles ist ruhig. Fehlt nur, dass der leichte Wind einen „Tumbleweed“, einen rollenden Busch, vor sich her über das helle, neu verlegte Pflaster treibt.

High-Noon am Grenzposten



Doch die Stille trügt. So ruhig ist es am Grenzübergang an der russisch-litauischen Grenze nur von Montag bis Mittwoch. Ab Donnerstag bricht am Checkpoint Tschernyschewskoje die Hölle los. Dann herrscht hier Verkehrs-High-Noon: Neben den Lkw verstopfen dann auch viele Pkw die zweispurige Landstraße A 229, die auf EU-Seite E 28 heißt und das russische Kaliningrad mit dem litauischen Vilnius verbindet – und von dort weiter nach Minsk und Moskau führt.

Bei Russland-Aktuell
• Finnland überlegt Grenzschließung zu Russland (28.09.2007)
• Noch zwei Jahre Schlange stehen an russischer Grenze (24.08.2007)
• Super-Staus an lettisch-russischer Grenze (23.07.2007)
• Kaliningrad: Dauerstau verschreckt Reisende (27.07.2006)
• Einfache Einreise nach Kaliningrad ein Wunschtraum (11.05.2006)
Noch müssen sämtliche Fahrzeuge am alten Übergang abgefertigt werden. Früher, in den 90er Jahren, sagt der Leiter des Checkpoints Igor Golubizki, hätten gerade einmal 9.000 Fahrzeuge pro Jahr den Grenzübergang Tschernyschewskoje passiert. Mittlerweile ist die Zahl auf fast 100.000 angeschwollen. Bis zu 600 Lkw und Pkw seien das pro Tag. Hinzu kommen 2.000 Personen, die täglich von Russland nach Litauen und umgekehrt über die Grenze wechselten. Man ahnt es: Der kleine, verwahrloste Grenzposten ist hoffnungslos überlastet.

Bitte nicht bestechen!



An einem rostigen Pfosten hängt ein Schild mit der Aufforderung an die Autofahrer, den Zollbeamten kein Geld zuzustecken. Die Beamten sollen ihren Dienst streng nach Vorschrift verrichten.

Eine harte Probe bei nur 10.000 Rubeln Monatsverdienst. Von den rund 285 Euro müssen die Männer die Miete zahlen, Nahrungsmittel, Kleidung und Benzin einkaufen. Wer von ihnen „Nein“ sagt und das Schmiergeld für die schnelle Weiterfahrt ablehnt, den halten seine Kollegen wahrscheinlich für nicht zurechnungsfähig.

Tatsächlich hat sich an den Grenzübergängen des Gebiets Kaliningrad auf beiden Seiten des Schlagbaums ein echtes System des Gebens und Nehmens eingespielt. In den Warteschlangen vor dem Grenzübergang zeichne ein Zollbeamte für fünfhundert Rubel (rund 15 Euro) ein fast nicht zu erkennendes „Y“ in den Reisepass und schon werde das Fahrzeug bei der Kontrolle schneller abgefertigt, berichten zwei Reisende. Ähnliche Anekdoten hört man im Gebiet Kaliningrad immer wieder.

35 Euro für den Grenzgang



Noch sind die Metalldetektoren in Plastikfolie verpackt. Ab Ende 2007 können in Tschernyschewskoje bis zu 4.000 Personen täglich abgefertigt werden (Foto: Jahn/.rufo).
Noch sind die Metalldetektoren in Plastikfolie verpackt. Ab Ende 2007 können in Tschernyschewskoje bis zu 4.000 Personen täglich abgefertigt werden (Foto: Jahn/.rufo).
Mit der neuen Grenzanlage soll sich die Situation bessern. Die EU hat in Tschernyschewskoje fast 8 Millionen Euro investiert. Laut Planung können an den fabrikneuen, hellblau-grauen Zollhäuschen täglich 1.500 Fahrzeuge und 4.000 Personen abgefertigt werden – also ungefährt doppelt so viele wie bisher. Ob mit der Öffnung der neuen Anlagen im vierten Quartal des laufenden Jahres und den voraussichtlich kürzeren Wartezeiten auch das „Zöllner-Schmieren“ ein Ende hat? Zweifel sind angebracht, denn am Wohlstandsgefälle ändert sich erst einmal nichts.

Die EU will an ihren östlichen Außengrenzen einheitliche, strikte Standards einführen. Seit dem 1. Juli 2007 gilt an der Grenze mit Russland ein neues Visa-Abkommen. Jetzt müssen auch die russischen Bürger des Kaliningrader Gebiets für jeden Grenzübertritt ein Visum erwerben – früher konnte sie die Checkpoints ohne Visum passieren. Jeder Grenzgang kostet somit 35 Euro. Ein Dauervisum bekommen lediglich eng begrenzte Personenkreise – etwa Fernfahrer oder Pendler mit Arbeitgeber auf der anderen Seite der Grenze.

Vielleicht nimmt der Schmuggel jetzt zu



Wer bisher vom kleinen Grenzhandel lebte und beispielsweise billige Zigaretten aus Russland nach Litauen brachte, um sie dort zu verkaufen, der hat jetzt ein ernstes Problem. Zöllner Golubizki ahnt nichts Gutes. „Es ist möglich, dass der Schmuggel zunimmt. Die bekannten Gruppen werden Wege suchen und auch finden. Bisher sind uns aber noch keine Aktivitäten und Planungen bekannt geworden“, gibt sich Golubizki entspannt.

Wenige Kilometer weiter, in der Nähe der Stadt Gusew, verlässt ein Feldweg die Landstraße. Der schlammig braune Boden ist durchwühlt von den schweren Profilreifen der Kipplaster und Bagger, die eine gewaltige Grube ausgehoben haben. Hier entsteht die einzige moderne Kläranlage in der Oblast Kaliningrad, einem Gebiet, das eine Ausdehnung von fast 14.000 Quadratkilometer hat und damit etwas kleiner ist als das Bundesland Thüringen.

Starkes Interesse am Umweltschutz



Bis vor kurzem nutzte man Kläranlagen, die noch aus der Zeit stammten, als Kaliningrad noch Königsberg hieß. Diese entsprachen in keiner Weise den Anforderungen an eine moderne Kläranlage. Fast ungefiltert plätscherte verseuchtes Abwasser in die Ostsee.

Sieht derzeit noch aus wie eine prähistorische Kultstätte: Ab 2009 soll die moderne Kläranlage bei Gusew sauberes Wasser liefern (Foto: Jahn/.rufo).
Sieht derzeit noch aus wie eine prähistorische Kultstätte: Ab 2009 soll die moderne Kläranlage bei Gusew sauberes Wasser liefern (Foto: Jahn/.rufo).
Verständlich, dass die EU und vor allem ihre neuen östlichen Mitgliedsstaaten ein starkes Interesse an der Förderung des Umweltschutzes in ihrer unmittelbaren russischen Nachbarschaft haben. Das Budget für das Klärwerk in Gusew beträgt insgesamt 6,6 Millionen Euro – drei Millionen kommen von der EU, 3,6 Millionen Euro ist aber auch der russischen Regierung sauberes Wasser wert.

Sauberer als in der EU



Bis Ende kommenden Jahres sollen die Arbeiten abgeschlossen sein und ab Januar 2009 werden dann die Abwässer aus Gusew und Umgebung in einer mechanischen und einer biologischen Stufe gereinigt werden.

Müll-Business in Gusew



Im Rathaus von Gusew, einem schmucklosen weißen Gebäude mit grauem Schieferdach, trumpft Bürgermeister Nikolaj Zukanow mit einem weiteren, für ein russisches Verwaltungsgebiet revolutionären Projekt auf: Mit einer halben Million Euro fördert die EU in dem verschlafen wirkenden Örtchen mit den schmuddeligen Häusern den Bau einer Müllsortieranlage. Kaum zu glauben, landen doch sonst russlandweit beschichtete Milchtüten mit alten Zeitungen, Bananenschalen, Kaffeefiltern und Plastikverpackungen auf einer gemeinsamen Halde.

Wozu aber Trennung, wenn es in Russland ohnehin kein landesweit einheitliches Müllverwertungssystem gibt? Will die Stadtverwaltung in Gusew womöglich harte Euro verdienen und Müllladungen aus den europäischen Nachbarländern trennen?

Ziel ist höhere Lebensqualität



Bürgermeister Zukanow reagiert gelassen auf Zweifel und Fragen des Journalisten. „Die Mülltrennungsanlage ist sehr klein. Hier wird ausschließlich der Müll der Stadt und der Umgebung getrennt. Verschiedene Müllbestandteile werden dann in einer angeschlossenen Verbrennungsanlage verbrannt“, so der hochgewachsene blonde Mann, der in seiner Jugend boxte.

„Wir wissen auch, dass Müllentsorgung ein Business ist. Dennoch werden wir nur unseren eigenen Müll verarbeiten“, erklärt der 42-jährige gelernte Elektro- und Gas-Installateur mit zusätzlichem Jura-Diplom einer Moskauer Hochschule. Langfristiges Ziel sei, die Wasserqualität der Flüsse Krasnaja und Pissa und in der Folge die Lebensqualität im Gebiet zu verbessern.

Labor Kaliningrad



Bei Russland-Aktuell
• Polen blockiert weiter Russland-EU-Verhandlungen (15.10.2007)
• EU-Russland: Regionale Kooperation trotz Veto aus Polen (12.10.2007)
• Kaliningrad: Konferenz-Testlauf mit Blick auf EU-Europa (12.10.2007)
• Kaliningrad: Königin-Luisen-Brücke einsturzgefährdet (07.09.2007)
• Kaliningrad: 13 Millionen Euro für neuen Grenzübergang (27.07.2007)
Die Projekte im Gebiet Kaliningrad könnten Pioniercharakter für Russland haben. Auf diesem eng begrenzten Territorium direkt an der Ostgrenze der EU scheint es die idealen Bedingungen für eine erste „Marktforschung“ gegeben zu sein. Was sich in Kaliningrad bewährt, lässt sich später vielleicht in anderen russischen Regionen anwenden.

Doch ein neues Abkommen konnten die Parteien zum 01. Dezember nicht abschließen. Neu-EU-Mitglied Polen hat sein Veto eingelegt. Begründung: Solange Russland die Einfuhr von Schweinefleisch über Polen verbietet, sagt Polen entschlossen „Nie“, also „Nein“, zu einem neuen Abkommen zwischen Russland und der EU.

Die Zukunft heißt „Nördliche Dimension“



Dabei ist längst bewiesen, dass über Polen verdorbenes und falsch etikettiertes Gammelfleisch über die Grenze nach Russland verschoben wurde. Die wahren Gründe für das „Nein“ verschweigt Warschau lieber vor der Öffentlichkeit.

So verlängert sich zunächst zum 01. Dezember 2007 das alte Abkommen, was die Planung und Finanzierung neuer Projekte erschwert. Da die meisten Ostsee-Anrainerstaaten jedoch vom Sinn der EU-Russland-Zusammenarbeit überzeugt sind, fanden sie einen Ausweg: Innerhalb des Programms „Nördliche Dimension“ wurden mehrere Zukunftsprojekte angebahnt, die demnächst umgesetzt werden sollen.

(cj/.rufo/Moskau)


Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Mittwoch, 17.10.2007
Zurück zur Hauptseite








Auf jedem guten russischen Dorfmarkt: Sauna-Mützen für die Ohren (Foto: mig/.rufo)


Mail an die Redaktion schreiben >>>






Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Als Chef vom Dienst ist für Sie
im Moment im aktuellen Einsatz
André Ballin, Moskau

Schnell gefunden
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
St.Petersburg
Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns mehr zeigen!“
Kopf der Woche
Deripaska setzt auf Ex-Stasi-Agent und Putin-Spezi
Kommentar
G-8 u ASEAN: russische-amerikanische Beziehungsprobleme
Moskau
Protest-Lager: Barrikadnaja statt Saubere Teiche
Thema der Woche
Ämtertausch vollendet: Medwedew ist Premierminister
Kaliningrad
AirBerlin nimmt Kaliningrad wieder in Flugplan auf
Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Montag, 28. Mai
13:20 

Tatarstan: Innenminister steigt nach Folterskandal auf

10:22 

Orenburg wirft ausländische Studenten aus Wohnheim

08:51 

Opposition beantragt neuen Protestmarsch am 12. Juni

01:03 

Geschichte Russland: Rust landet auf dem Roten Platz

Sonntag, 27. Mai
01:03 

Russland Geschichte: St. Petersburg und Tsuschima

Samstag, 26. Mai
01:03 

Geschichte Russland: Nikolaus II. wird gekrönt

Freitag, 25. Mai
20:02 

CH-Staatsanwälte legen Deripaska-Klagen zu den Akten

18:27 

Geldwäscheverdacht: Kein US-Visum für Vizeminister

18:03 

Baku: Missklänge beim Grand Prix – vorrangig politisch

17:09 

26-facher Mumienmacher muss in psychiatrische Klinik

16:26 

Medwedew will „Einiges Russland“ intern demokratisieren

14:37 

Russische Motorradfahrer im Irak freigelassen

13:28 

Fünf Tote: Familientragödie unter Russen in den USA

12:47 

Schlägerei bei Sprach-Debatte im ukrainischen Parlament

11:09 

Binnenwasserwege für ausländische Yachten jetzt frei

09:27 

Ferien! Heute letzter Schultag für Russlands Schüler

01:03 

Russland Geschichte: Aus finstersten Tiefen

Donnerstag, 24. Mai
18:22 

ESC: udmurtische Äffin sagt Sieg der Babuschki voraus

17:57 

Russland verliert Raketen-Radarstation in Aserbaidschan

17:22 

Trotz Timoschenko: Polen und Ukraine erwarten gute EM

16:14 

Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns zeigen!“

15:04 

Alu-Zar Deripaska verliert Petersburger Großprojekt?

13:58 

Minister verspricht Abschleppdienst per Helikopter

12:42 

Irak: Vier russische Biker sitzen in Militär-Gefängnis

12:13 

Vergewaltigtes Kind im Müllschlucker: 22,5 Jahre Haft

10:53 

Kremlwache kauft Atomschlag-sichere Kinder-Wiegen

09:23 

Demonstrantenführer Udalzow wieder auf freiem Fuß

01:03 

Geschichte Russland: Die „Aurora“ läuft vom Stapel

Mittwoch, 23. Mai
18:23 

Moskauer sollen eigene Speakers Corners bestimmen

17:53 

Ukraine lehnt Behandlung von Häftlingen im Ausland ab

17:13 

Verletzte bei Bruchlandung von Militärflugzeug

16:24 

Vor der EM: Sportjournalist pöbelt über Nationalspieler

15:11 

Tschetschenische Saurier-Eier sind profane Steine

13:51 

Kapitalflucht aus Russland kann auf 100 Mrd. USD steigen

12:35 

Anti-Alkoholkampagne: Wodka in Jakutien nur nachmittags

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
russland-news.RU

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru, www.puschkin.ru, www.wladiwostok.ru, www.sotschi.ru ... und noch einige andere mehr!
Russia-Now - the English short version of Russland-Aktuell





google.com
yahoo.com