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Handgemenge: Attacke der Wehrmacht gegen Stellungen der Roten Armee (Foto: Michin)
Handgemenge: Attacke der Wehrmacht gegen Stellungen der Roten Armee (Foto: Michin)
Freitag, 22.02.2008

Faszination Krieg: Weltkrieg als Schlachtenspiel

André Ballin, Moskau. Es ist ein heiterer Herbstnachmittag in Borodino, 100 km westlich von Moskau. Friedlich liegt das freie Feld, Vögel zwitschern, Blätter rauschen im Wind. Rumms – ein lauter Knall zerstört die Idylle.

Von Westen her taucht ein zweimotoriges Flugzeug auf. Weitere Explosionen ertönen, Verwundete schreien. Panzer und Soldaten in Wehrmachtsuniformen rücken vor. Nun wird auch von Osten her geschossen, Rotarmisten leisten erbitterten Widerstand. Es entbrennt eine wilde Schlacht – über 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der Name Borodino ist aus der Zeit der Napoleonischen Kriege geläufig, doch auch im Zweiten Weltkrieg gab es hier heftige Gefechte. Alljährlich veranstalten nun militärhistorische Klubs in Russland eine „Rekonstruktion“ dieser Schlacht.

Minenwerfer im Einsatz. Die Rote Armee schlägt den Angriff zurück - 2006. (Foto: Michin)
Minenwerfer im Einsatz. Die Rote Armee schlägt den Angriff zurück - 2006. (Foto: Michin)

Detailgetreue Nachstellung angestrebt


So detailgetreu wie möglich wird eine Episode des Gefechts nachgestellt. Laut Szenario gelingt es den Deutschen, zunächst die erste Verteidigungslinie der Roten Armee zu nehmen. Auch die zweite Linie fällt, erst an der dritten Verteidigungslinie können die Sowjets die Wehrmacht aufhalten und eine Konterattacke starten.

„So ist das Gefecht auch in Wirklichkeit verlaufen, obwohl am Ende die Deutschen die Schlacht gewonnen haben“, erklärt Michail Michin. Michin ist Fotograf und beschäftigt sich seit langem mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Dabei stieß er schließlich auch auf die militärhistorischen Vereine. Von denen gibt es in Russland etwa 100. Einige haben nur fünf – zehn Mitglieder, andere hingegen Tausende.

Militärhistorische Clubs „rekonstruieren“ die Vergangenheit


Jeder dieser Vereine beschäftigt sich mit der Rekonstruktion eines bestimmten militärischen Verbandes. Da gibt es das „156. Schützenregiment des NKWD“ aus Tula oder den Petersburger Verein „Grenzschutztruppen der UdSSR“. Der „RKKA“ aus Moskau, einer der ältesten Verbände in Russland, hingegen vereinigt fast alle Truppengattungen jener Epoche. Der Klub nennt sogar einen Panzerspähwagen FAI-M, Artilleriegeschütze und Fahrzeuge aller Art aus Zeiten des 2. Weltkriegs sein Eigen.

Die Ausrüstung ist so originalgetreu wie möglich (Foto: Michin)
Die Ausrüstung ist so originalgetreu wie möglich (Foto: Michin)

Wehrmacht ersteht wieder auf


Doch für die Gefechtsnachstellung braucht die Rote Armee einen Gegner. „Also bildete sich eine Gruppe Enthusiasten, die Literatur und Fotografien sammelten, Materialien suchten, um aus Tüchern und Leder Wehrmachtsuniformen herzustellen“, beschreibt der russische Klub des „22. Infanterieregiments“ der Wehrmacht seine Entstehung.

Inzwischen gibt es in Russland eine ganze Reihe von Wehrmachtsclubs, sogar das SS-Regiment „Der Führer“ lebt wieder auf. Die Clubs legen freilich Wert darauf, dass sie keinerlei politische Agitation betreiben.

Versuch, den Soldatenalltag zu verstehen


Es ist vielmehr der Versuch, zu verstehen, wie die Soldaten jener Zeit gelebt haben, wie ihr Frontalltag aussah, mit welchen Schwierigkeiten und auch mit welchem Grauen sie konfrontiert wurden.

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Er sei einmal als Fotograf auf dem Schlachtfeld herumgelaufen, als ein Sprengsatz unerwartet dicht neben ihm explodierte, berichtet Michin. „Ich habe mir wirklich in die Hosen gemacht, obwohl das sicher nur ein Bruchteil der Angst ist, die ein Lanzer damals erlebt haben muss“, sagt er.

Viele Teilnehmer versuchen mittels der Rekonstruktionen zu verstehen, wie sie sich selbst in einer solchen Situation verhalten hätten.

Zweiter Weltkrieg als Kitt der Nation


Wohl gut ein Dutzend Schlachten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs werden nachgespielt, u.a. in Borodino, vor Wolgograd (dem früheren Stalingrad), in den Gebieten Rostow und Kaliningrad (Königsberg) oder am Peipus-See in der Nähe von St. Petersburg. Es gibt natürlich auch Schlachtennachstellungen aus anderen Epochen, doch keine Zeit stößt in Russland auf ein solches Echo wie der Zweite Weltkrieg.

„Das liegt daran, dass der Zweite Weltkrieg wie kein zweites Ereignis in der jüngeren Vergangenheit die Nation zusammengeschweißt hat“, erklärt Michin die steigende Popularität der Rekonstrukteure. Er selbst sei beim ersten Anblick „deutscher“ Soldaten auf einer russischen Landstraße regelrecht „erstarrt“, bekennt er. Doch nun wird er wohl selber einer. Nach anfänglichem Zögern hat er sich entschlossen, einem Klub beizutreten. Es soll das 1. Pionierbataillon der Wehrmacht sein.



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