Jugendliche randalieren in der Nacht auf Freitag im Zentrum von Tallinn (Foto: Newsru.com).
Freitag, 27.04.2007
Russland-Estland: Toter bei Ausschreitung um Denkmal
Moskau. Beim Denkmal-Streit zwischen Russland und Estland gibt es den ersten Toten. Der russische Föderationsrat und das Außenministerium haben Konsequenzen für die internationalen Beziehungen angekündigt.
Der Streit um die Demontage des Denkmals für die Sowjetsoldaten im Zentrum der estnischen Hauptstadt ist in der vergangenen Nacht endgültig übergekocht. Nachdem die estnischen Behörden bereits am Donnerstag die Abbrucharbeiten vorbereitet hatten, kam es in der Nacht zum Freitag, bei Beginn der Arbeiten, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Zumeist jugendliche, russischstämmige Bürger des Baltenstaats prügelten sich mit der estnischen Polizei.
Die Jugendlichen seien durch das Zentrum Tallins gezogen, hätten Schaufenster eingeschlagen, Geschäfte in Brand gesetzt, Mülltonnen und Briefkästen umgestürzt, berichten russische Medien. Bei Handgreiflichkeiten wurde ein Jugendlicher erstochen. Der 19-Jährige verstarb noch in der Nacht im Krankenhaus.
Insgesamt wurden bei den Krawallen 44 Menschen verletzt, darunter auch dreizehn Polizisten. Bis zum Morgen sollen rund dreihundert Personen vorübergehend festgenommen worden sein.
Ausschreitung haben nichts mit Denkmal zu tun
Derartige Ausschreitungen habe es in Tallinn noch nie gegeben, erklärte ein Sprecher der estnischen Polizei gegenüber den Medien. Angeblich seien die Randalierer betrunken gewesen. Die Ausschreitungen hätten nichts mehr mit dem Streit um das Denkmal zu tun gehabt.
Der russische Außenminister kündigt Konsequenzen für Estland, EU und NATO an (Foto: Archiv).
Das offizielle Russland sieht das anders. Bereits gestern hatte sich der russische Außenminister Sergej Lawrow über die geplanten Abbrucharbeiten entrüstet. „Das (die Demontage des Soldaten-Denkmals, die Redaktion) muss sich auch auf unsere Beziehungen zur NATO und zur Europäischen Union auswirken, Organisationen, die ein Land aufgenommen haben, das Werte sträflich mißachtet, auf denen etwa die EU gründet, ja die europäische Kultur und Demokratie insgesamt“, verkündete er.
Schluss mit dem Spott!
Heute sprach auch der russische Föderationsrat, die Versammlung der Vertreter der Regionen, mit plakativen Worten seine Mißbilligung aus. „Genug des Spotts über die Verstorbenen. Genug des Spotts über das Denkmal für die Verstorbenen des Zweiten Weltkriegs!“, verkündete Rats-Sprecher Sergej Mironow bei der heutigen Sitzung und erntete anhaltenden Beifall. Mironow schlug vor, eine Resolution zu verabschieden, die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin die Einstellung der diplomatischen Beziehungen zu Estland fordert.
Vor der estnischen Botschaft in Moskau versammeln sich derzeit Demonstranten. Sie schwenken Fahnen der kremlnahen Jugendorganisation „Molodaja gwardija“ (Junge Garde) und skandieren Losungen, wie: „Pack die NATO am Schwanz. Hände weg vom russischen Soldaten!“ oder „Hitler – Vorbild Estlands!“.
Streit schwelte schon lange
Der Streit um das Denkmal für die gefallenen Sowjetsoldaten kochte bereits mehrere Monate – bisher allerdings auf kleiner Flamme und von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt.
Der Konflikt war vor allem über russische und estnische Medien ausgetragen worden. Ob es tatsächlich zur Überführung des Denkmals und der auf dem Gelände beerdigten Sowjetsoldaten kommen würde, war bis zum Schluss nicht klar. Entsprechend leicht nahm die breite Öffentlichkeit die Auseinandersetzung.
(cj/.rufo/Moskau)
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