Ein unvergesslicher Anblick aus der Vogelperspektive (Foto: aeroclub.narod.ru)
Montag, 08.08.2005
Unvergesslicher Blick aus der Vogelperspektive
Katja Maximowa, Moskau. Selbst aus der U-Bahn kann ich nach dem ersten Fallschirmsprung nicht aussteigen, wie ein normaler Mensch. Ich zähle immer noch 501, 502... und springe aus dem Waggon, fast so wie eben.
Seitdem musste ich fast bei jedem Ausstieg aus der U-Bahn an diesen ersten großen Sprung denken, obwohl er schon Tage zurücklag. In meinen Gedanken spielte sich mein erster Absprung aus 900 Metern Höhe immer wieder ab. Ich zählte und sah den Ring, den Fallschirm, den Notfallschirm vor mir und die Warnung: Es dürfen keine Fehler vorkommen.
Das schönste Geburtstagsgeschenk
Vorübungen zum Sprung (Foto: Maximowa/.rufo)
Es war schon immer mein Traum, mit dem Fallschirm zu springen. Zu meinem 20. Geburtstag habe ich den Fallschirmsprung als Geschenk von meiner Studiengruppe erhalten. Nur unsere Gruppenälteste Julia war tapfer genug, um mit mir zusammen zu springen. Wir haben uns lange den Sprungplatz und den Tag ausgesucht, und endlich beschlossen: Wir fahren am Sonntag nach Podolsk , einem Vorort im Süden von Moskau.
Mit Witzen gegen die Nervosität
Wir erreichten den Sprungplatz gegen elf Uhr und wurden in die Liste eingetragen. Dann wurden alle instruiert. Fast alle hatten Angst und sahen wahrscheinlich etwas verwirrt aus, denn jeder Satz wurde fünfmal wiederholt. Der Instrukteur versuchte mit blöden Witzen unsere Laune zu heben: „Seht euch diese Faust an. Eure Augen werden nach der Landung noch viel größer sein!“
Mit einer AN-2 geht es hinauf in die Luft (Foto: Maximowa/.rufo)
„Fasst den Instrukteur, wenn ihr hinabspringt, nicht an, besonders nicht unterhalb der Gürtellinie.“
„Die Erde kommt unerwartet auf euch zu. Solange ihr in der Luft seid, werdet ihr sowohl an Mama als auch an Papa denken. Männer versprechen gewöhnlich, sich keine Seitensprünge mehr zu erlauben, nach der Landung aber nehmen sie ihre Worte schnell zurück...“
Nummer 30 auf der Liste
Uns wurden alle Notlandemöglichkeiten aufgezählt: In den Wald, auf die Stromleitung, aufs Dach usw. Zum Schluss noch ein paar Witze und ab zum Trainingsplatz. Dort wollten wir unsere Kenntnisse praktisch anwenden.
Zuerst haben wir gelernt, den Fallschirm zu lenken, dann richtig zu landen und dann den Fallschirm still zu legen. Der ist 83 Quadratmeter groß, deswegen schleppt er euch nach der Landung auf der Erde mit. So wurden wir langsam für den ersten Sprung bereit, aber nichts da! Auf der Liste standen wir erst unter der Nimmer 30 und warteten bis 17 Uhr. Wir lagen auf der Wiese und sonnten uns, übten Kritik an den Frischgelandeten.
Und dann...
„Die 5.Sprunggruppe, anziehen!“
Das Herz rutschte in die Hose.
Und wann müssen wir den Ring ziehen?
Jede Gruppe war ungefähr zehn Mann stark.. Insgesamt wollten 70 Personen springen, nur ein Viertel von denen waren Mädchen.
Vor dem Sprung: Die Fallschirme, Tasche und Helm wiegen zusammen etwa 30 Kilogramm (Foto: Maximowa/.rufo)
Wir wurden angezogen und ausgerüstet: Der Fallschirm, der Notfallschirm, die Tasche, der Helm. Insgesamt 30 Kilo schwer. Und wieder eine kurze Beratung. Letze Fotos wurden gemacht und wir gingen zum Flugzeug. Die Mädchen kicherten. „Und wann müssen wir den Ring ziehen, und wohin dann mit ihm?“...Die Antwort: „Du kriegst gleich was ab: mit der Ferse auf die Stirn. Ich habe doch schon erklärt...“
Alles wird immer kleiner unter uns
Im Flugzeug, einer AN-2, werden wir nach dem Gewicht verteilt. „Na ihr, zur Todesstrafe Verurteilten, jetzt geht’s wirklich los!“ Unser Instrukteur fliegt mit uns. Seine Aufgabe ist es, aufzupassen, dass alle diesen Sprung machen. Das Flugzeug brummt und rollt langsam an. Da die Fallschirme schwer sind, fliegen alle sofort ins Flugzeugende. Jetzt sind wir in der Luft und alles wird immer kleiner unter uns.
Die Sirene beginnt zu heulen. Das ist mein Signal. Ich mache einen Schritt ins Nirgendwo und bin weg. Die Höhe beträgt 900 Meter. Wo bin ich? Ach so, zählen! 501, 502, 503...Was, jetzt schon? Den Ring! Ich spüre eine starke Erschütterung, fliege etwas nach oben; der Helm rutscht auf die Augen und der Verschluss, der auf der Brust war – ist schon unter dem Kinn. Um mich herum ist es ruhig. Ich halte still. Ich werde von oben gerufen und winke Julia.
Winzige Häuser auf der Erde
Keine Hektik. Die Sonne scheint und ich fliege. Also, ruhig bleiben. Und wohin fliege ich? Ich drehe mich zu dem Sprungplatz um und...ach du Schreck!.. bemerke einen Fallschirm unter mir. Ich versuche zur Seite zu rücken, lenke, fliege an der Person vorbei, die winzigen Häuser auf der Erde bewundernd. Jetzt ist es die höchste Zeit, mich zusammenzukauern für die Landung. Das Gras rast auf mich zu und ich bremse. O Gott, hilf mir!
Ich lande erfolgreich, werde aber vom Fallschirm weiter geschleppt. Mit dem Geschrei: „Nein! Nein hab ich gesagt!“ versuche ich den Fallschirm an mich heran zu ziehen, vergebens. Na endlich! Ich stehe auf, knieweich, schlotternd, und setze den Helm ab. In meinen Ohren klingt das Lied: „Hello, Darling...“
Ich habe keine blasse Ahnung, wie ich die ganze Ausrüstung vom Leib kriege. Ich wollte doch auf keinen Fall einen Kilometer lang den Fallschirm als Schwanz hinter mir her ziehen. Dann werden wir von einem Lastwagen abgeholt. Alle sind wie betäubt und doch reden wir so schnell wie ein Wasserfall. Auf dem Sprungplatz geben wir die Ausrüstung ab und bekommen unsere Sprungscheine. Es ist für uns der Beweis, dass wir alles können.
Wir kommen mit dem Zug nach Moskau zurück. Mit meinen Gedanken bin ich noch im Himmel.
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare