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Jelena Baturina will mit ihrem Unternehmen nicht länger nur in Moskau sitzen (Foto: Kommersant)
Jelena Baturina will mit ihrem Unternehmen nicht länger nur in Moskau sitzen (Foto: Kommersant)
Donnerstag, 28.12.2006

Moskauer Milliardärin Baturina will Kiew erobern

André Ballin, Moskau. Russlands einzige Milliardärin Jelena Baturina scheut keinen Konflikt. Dass musste kürzlich auch der deutsche Springer Verlag erfahren. Nun will die Frau des Moskauer Oberbürgermeisters Kiew erobern.

Baturina ist eine energische und stämmige Mitvierzigerin. Empfindlich reagiert sie allerdings auf Andeutungen, dass sie ihren Geschäftserfolg ihrem Ehemann, Moskaus Oberbürgermeister Juri Luschkow verdanke. Als die russischsprachige Ausgabe des Forbes-Magazins ihr unterstellte, von den Beziehungen ihres Gatten zu profitieren, startete sie eine Attacke gegen den herausgebenden Springer Verlag

Russische Milliardärin lässt Springer hüpfen


Anlass der Auseinandersetzung war ein falsches Zitat in der Dezember-Ausgabe des Forbes-Magazins. Dort war auf der Titelseite neben einem Foto Baturinas der Spruch: „Mir ist Schutz garantiert“ abgedruckt. Eine durchaus brisante Aussage angesichts der Ereignisse um den Yukos-Konzern und dessen Chef Michail Chodorkowski. Im Prinzip stellt sie die Rechtsstaatlichkeit Russlands in Frage.

Die Aufregung Baturinas, als sie in Vorabveröffentlichungen von dem Zitat erfuhr, ist daher verständlich, vor allem da sie im Interview etwas ganz anderes gesagt hatte: „Mir ist, wie jedem anderen Investoren auch, der Schutz meiner Rechte garantiert.“ Dies klingt nach Rechtsstaatlichkeit. Sie forderte, die gesamte Auflage einzustampfen, ansonsten werde sie rechtliche Schritte gegen das Blatt und seine Herausgeber einleiten.

Bei Russland-Aktuell
• Jelena Baturina mischt Springer und Forbes auf (01.12.2006)
• Schlacht um Moskau: Luschkow vor dem Aus? (07.07.2006)
• Russlands Milliardäre werden noch reicher (10.03.2006)
• Baturina verkauft Zementwerke für 615 Mio Euro (01.04.2005)
• Bürgerinitiativen gegen Bauwahnsinn in Moskau (07.12.2004)
Der Herausgeber ist Axel Springer Russia, ein 100prozentiges Tochterunternehmen des Axel Springer Verlages. Die deutsche Verlagsführung in Moskau schien aus Furcht vor einem Prozess tatsächlich bereit, die ganze Auflage – wie gefordert – zu vernichten. Erst, als sich nach der Kündigung des russischen Chefredakteurs Maxim Kaschulinski der amerikanische Franchisegeber Forbes in den Konflikt einmischte und forderte, das Heft mit dem Artikel zu veröffentlichen und lediglich das offensichtlich falsche Zitat zu ersetzen, wurde die Ausgabe einen Tag später herausgegeben.

Offiziell wird der imageschädigende Eiertanz des Springer-Konzerns natürlich dementiert. „Nach erfolgter Prüfung gemäß der journalistischen Sorgfaltspflicht wurde ausschließlich das ursprünglich auf dem Titel vorgesehene sinnentstellende Zitat korrigiert, der Bericht selbst jedoch wurde nicht verändert“, heißt es in der Presseerklärung.

Damit ging der Streit bereits in die nächste Runde. Einmal in Fahrt gekommen, beschränkte sich Baturina nicht mehr auf die Kritik des falsch wiedergegebenen Zitats. Im Artikel sei „eine Reihe von Fakten entstellt worden“, kritisierte der Presse-Sekretär des Baturina-Konzerns „Inteko“, Gennadi Terebkow. Daher soll es nun doch vor den Kadi gehen.

Baturina – eine Erfolgsbiographie


Doch wer ist diese Jelena Baturina, die so konsequent versucht, schlechte Presse über sich zu unterbinden? In einer Selbstcharakterisierung sagte sie einmal: „Alles liegt in den Genen – ein Mensch ist entweder von Natur aus eine Führungspersönlichkeit oder er ist es nicht. Ich war immer eine Leaderin.“ Tatsächlich zeichnet sich die Unternehmerin durch Konsequenz und Zielstrebigkeit aus. Jelena Baturina war 28 Jahre alt und bereits Unternehmerin, als sie 1991 den damals 55jährigen stellvertretenden Oberbürgermeister Moskaus, Juri Luschkow heiratete. Ein Jahr später wurde Luschkow dann zum Oberbürgermeister befördert.

Ehemann Luschkow sorgt für die Familie ( Hier im Foto mit den Töchtern Aljona und Olga)
Ehemann Luschkow sorgt für die Familie ( Hier im Foto mit den Töchtern Aljona und Olga)
Baturinas Geschäft blühte auf. Ihr Konzern „Inteko“ ist längst über ein bloßes Bauunternehmen hinausgewachsen. In dem umstrittenen Forbes-Artikel werden die Aktiva des Konzerns auf etwa drei Mrd. USD geschätzt. Etwa die Hälfte davon ist in Aktien der staatlichen Sberbank und des Gasmonopolisten Gasprom angelegt. Die Bautätigkeiten bringen der Unternehmerin jährlich Einnahmen von 600 Mio. USD rechnet das Blatt vor, außerdem werden ihr noch 25 Prozent des Marktes für Einweggeschirr in Russland zugeschrieben.

Dass ihr Erfolg auf die Nutzung administrativer Ressourcen zurückginge, hat Baturina stets bestritten. Springer ist nicht der erste Verlag, der deswegen mit der Milliardärin womöglich einen gerichtlichen Streit ausfechten muss. Bislang gewann die Unternehmerin die meisten Prozesse.

Inteko gedeiht im Schatten der Moskauer Stadtverwaltung


Tatsächlich sind die Aufträge, die „Inteko“ als Bauunternehmen von der Moskauer Stadtverwaltung bekommt, inzwischen nicht mehr ausschlaggebend für den Geschäftserfolg. Das Unternehmen bekommt auch viele Aufträge aus der Privatwirtschaft. Die guten Beziehungen zur Administration stören freilich nicht, denn wie die bfai in ihrem Branchenbericht Bauwirtschaft feststellte ist insbesondere in Moskau „der Markt für öffentliche Bauaufträge weitgehend monopolisiert und fest in der Hand der Stadtregierung.“

1998 wurden die Medien das erste Mal auf Baturinas Konzern aufmerksam, als der bei einer umstrittenen Ausschreibung um die Bestuhlung des Luschniki-Stadions gewann. 80.000 Plastiksessel wurden damals ausgetauscht. Auch an Luschkows Lieblingsprojekt, dem Einkaufs- und Bürozentrum Moskau-City, ist „Inteko“ beteiligt.

So ist es kein Zufall, dass das Geschäft von „Inteko“ zu 90 Prozent in der russischen Hauptstadt konzentriert ist, die von Baturinas Ehemann mit solch „väterlicher Fürsorge“ geführt wird. Wie auf wundersame Weise räumen die Entscheidungen der Stadtverwaltung in vielen Fällen Hindernisse aus dem Weg. In einem Fall erwarb „Inteko“ Grundbesitz, der teilweise zu einem Naturschutzgebiet gehörte. In solchen Gebieten ist das Bauen verboten. Doch die Stadtregierung entschied bald, die Grenzen des Reservats neu festzulegen. Zufall oder nicht, jedenfalls gehört das von „Inteko“ erworbene Grundstück nun nicht mehr zum Naturschutzgebiet. Einer Baugenehmigung für den geplanten Bürokomplex „Kosmo-Park“ (Investitionsvolumen 1 Mrd. USD) steht also nichts mehr im Wege.

Kiewer Expansion nach Moskauer Intervention?!


Vieles spricht dafür, dass auch für die „Inteko“-Geschäftsausweitung nach Kiew der Pfad in der Moskauer Stadtverwaltung bereitet wurde. Vor einer Woche war eine Delegation des Kiewer Oberbürgermeisters Leonid Tschernowezki in der russischen Hauptstadt. Bei den Gesprächen wurde eine engere Zusammenarbeit beider Verwaltungen beim Städtebau vereinbart.

Nun teilte die Wirtschaftszeitung „RDCdaily“ mit, dass „Inteko“ ein großes Immobilienprojekt in Kiew realisieren wolle. 500.000 Quadratmeter Immobilien sollen neu entstehen Neben dem Bau von Luxus-Wohnungen und Büros ist auch die Errichtung einer Schule und eines Kindergartens geplant. 400 Mio. USD soll das Projekt kosten. Der Gewinn aus Verkauf und Vermietung der Immobilien dürfte wesentlich höher liegen.

Bis 2010 soll die Hälfte der Einkünfte „Intekos“ aus der Vermietung von Immobilien stammen, hat Forbes errechnet. Vorsorge für die Zeiten nach dem Machtwechsel – Ende 2007 soll Luschkow in Rente gehen – hat Baturina also bereits getroffen – auch wenn sie natürlich schon jetzt völlig ohne administrative Hilfe auskommt, wie sie stets betont.


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