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Nach dem Crash gewinnt der Rubel jetzt wieder deutlich an Boden (Foto: ld/.rufo)
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Montag, 22.12.2014

Nach dem Kurs-Chaos: Rubel steigt, Krise bleibt

Moskau. Zwei, drei Tage herrschte Panik – an den Börsen und Banken, aber auch in so manchem Einkaufszentrum: Inzwischen hat sich der Rubel-Kurs wieder erholt. Aber vieles ist nicht mehr wie vorher.

War es der wieder steigende Ölpreis, die heftige Leitzins-Erhöhung der Zentralbank oder Putins Rundruf bei den Chefs der großen Staatskonzerne - mit der, wie er sagte, „gutgemeinten Bitte“, doch mal geschwind die eine oder andere zur Seite gelegte Dollar-Milliarde auf den Devisenmarkt zu werfen?

So genau versteht niemand in Russland, warum sich die Panik am russischen Finanzmarkt wieder gelegt hat. Genauso wenig, warum sie eigentlich ausbrach. Am Montag und Dienstag letzter Woche war der schon den ganzen Herbst über massiv abbauende Rubel-Kurs in den freien Fall geraten, kurzfristig wurden den Dollar für 80 Rubel und der Euro für 100 Rubel gehandelt. Russlands Währung war damit nur noch halb so viel wert wie im Sommer.

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Doch nach wenigen Tagen hatte sich der Kurs wieder in etwa auf dem Niveau stabilisiert, von dem der Crash seinen Anfang genommen hatte. Am Montagmorgen stieg der Rubel sogar um 7,5 Prozent: Er erreichte einen Kurs von 56 zum Dollar und 69 zum Euro – danach ging es wieder langsam abwärts.

Der gegenwärtige Kurs entspricht ziemlich genau dem Wert des Rubels nach der Ölpreis-Faustregel: 3600 Rubel geteilt durch den aktuellen Preis eines Barrels Brent in London ergibt den Kurs des Dollars zum Rubel. Denn das Wohl und Wehe von Russlands Wirtschaft hängt nur noch vom Ölpreis-Pegel ab, seitdem die Ukraine-Krise und die westlichen Sanktionen dem ohnehin schwächelnd in das Jahr 2014 gestarteten russischen Markt jegliche Attraktivität und Dynamik geraubt haben.

Russland hat in den vergangenen fetten Jahren schlichtweg versäumt, außerhalb der Rohstoff-Branchen eine hinreichend starke Wirtschaft mit gewissem Exportpotential aufzubauen. „Weg von der Öl-Nadel“, blieb in der Ära Putin eine unerfüllte politische Parole.

Erst Panik, dann Kater, dann Feiertage


Wenn dann, wie letzte Woche, bei Bevölkerung, Investoren und Börsianern angesichts eines Ölpreis-Einbruchs die Nerven durchgehen, rutscht der Rubel prompt auf Ramsch-Niveau ab. Nun herrscht üble wirtschaftliche Katerstimmung - dabei stehen Russland die sich fast zwei Wochen hinziehenden Neujahrs-Feiertage erst noch bevor.

Zwei, drei Tage lang herrschte bei Möbel- und Elektro-Fachmärkten Ausnahmezustand – und es war nicht das Weihnachts-Geschäft. „Sie haben alles auf ihrem Weg weggeputzt“, berichtet ein Verkäufer eines Technik-Supermarktes in St. Petersburg. „Die Schlange vor der Kasse reichte einmal durch den ganzen Laden.“ Die Käufer wollten ihre scheinbar rapide an Wert verlierenden Rubel-Ersparnisse in etwas Langlebig-Nützlichem anzulegen – bevorzugt noch zu den „alten Preisen“.

Preisschübe, leere Regale - und Revival der "y.e."


Jetzt scheinen in Russland erst einmal alle nötigen Autos, Kühlschränke, Coachs und Computer gekauft zu sein. Denn nach der Hamster-Hausse ist der Handel nicht nur damit beschäftigt, die Lagervorräte wieder aufzufüllen, sondern zugleich auch die Preise umzuschreiben. Dies ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden, denn nach dem Kurs-Crash scheint die Erholung des Rubels in den letzten Tagen trügerisch. Und selbst wenn das jetzige Kursniveau stabil bleiben sollte, das bisherige Preisgefüge ist nicht mehr zu halten: Importwaren werden zwangsläufig deutlich teurer, schließlich hat der Rubel gegenüber Dollar und Euro innerhalb von drei Monaten 50 Prozent an Gegenwert verloren. Das als Gegensanktion vom Kreml verhängte Importverbot für viele Lebensmittel aus westlichen Ländern hatte die Teuerung ohnehin schon kräftig angeheizt.

So nimmt es kein Wunder, dass momentan zahlreiche Importeure ihre Waren zurückhalten. Oder sie gehen in ihren Preislisten wieder zur „u.e.“ über, der seit der instabilen Jelzin-Zeit vergessen geglaubten „Verrechnungseinheit“: Man bezahlt zwar nach wie vor in Rubel, aber die Höhe der u.e. wird nach dem Tageskurs von Dollar oder Euro bestimmt.

Doch auch viele russische Produzenten haben dieser Tage die Auslieferung ihrer Waren an den Handel gestoppt oder das zumindest angedroht – selbst wenn sie damit Vertragsstrafen riskieren: Denn egal, ob sie Autos oder Fruchtsaft herstellen, in vielen russischen Produkten steckt ein beträchtlicher Anteil an importierten Grundstoffen, Bauteilen oder Materialien – ganz abgesehen von eventuellen Valuta-Fixkosten wie Lizenzgebühren oder Kreditzinsen. Viele Wirtschaftsexperten rechnen deshalb auch bei heimischen Produkten mit einem Preisschub von etwa 15 Prozent nach dem Jahreswechsel.

Vor allem die Kleinverdiener werden 2015 den Gürtel bedeutend enger schnallen müssen – und auch die in der Putin-Ära schnell gewachsene Mittelklasse wird auf viele Alltag gewordene Konsumgewohnheiten wieder verzichten müssen: Auslandsurlaube, schicke Kleidung, gute Kosmetik, elektronische Gadgets – all dies wird unangenehm teuer bis unerschwinglich. Und ohne hinreichend Kundschaft werden die entsprechenden Anbieter ihre Geschäfte alsbald dicht machen.

Rezession auch bei steigendem Ölpreis


Doch nicht nur der Handel ist betroffen: Bleibt der Ölpreis im Bereich von 60 Dollar, erwarten Experten wie auch die Zentralbank einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 4 bis 5 Prozent. Steigt der Preis pro Barrel wieder auf 80 Dollar, wird es noch immer ein Minus von 2 Prozent geben, so Ex-Finanzminister Alexej Kudrin am Montag.

So oder so sind reihenweise Arbeitsplätze in allen Branchen gefährdet: Einer aktuellen Umfrage zufolge befürchtet momentan ein Viertel aller Beschäftigten, entlassen zu werden. Auch Lohnkürzungen sind zu erwarten – und jede Menge Firmenpleiten. Kredite sind nach der zur Kursstabilisierung vorgenommenen Leitzinserhöhung von 10,5 auf 17 Prozent für die meisten russischen Unternehmen unerschwinglich geworden.

Massenexodus der Gastarbeiter?


Die drohende Arbeitslosigkeit wird allerdings durch einen anderen Effekt des Rubel-Verfalls gedämpft: Einige Millionen Gastarbeiter könnten in nächster Zeit Russland verlassen. Zum einen wird ab Neujahr ein teurer Pflichtsprachtest für Migranten eingeführt, zum anderen lohnt sich für viele der Arbeitseinsatz fern der Heimat schon jetzt einfach nicht mehr.

Die meist aus den armen mittelasiatischen Ländern kommenden Arbeitskräfte überweisen jeden Monat einen guten Teil ihres Lohns an ihre Familien. Doch nun sind die verdienten Rubel in Usbekistan oder Tadschikistan ein Drittel bis die Hälfte weniger wert. Über 25 Prozent der auf über 10 Mio. geschätzten „Gastarbaitery“ sitzt schon auf gepackten Koffern, so der Sprecher eines Migrantenverbands, und wolle sich im neuen Jahr Arbeit in anderen Ländern suchen.

Für arbeitslos gewordene Russen sollten deshalb alsbald viele Jobs frei werden – allerdings nicht gerade attraktive: Die meisten Gastarbeiter schuften gegenwärtig zu bescheidenen Löhnen als Hilfskräfte auf Baustellen, als Straßenkehrer oder Lagerarbeiter.



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