Bakschisch: Hauptsache es steht die richtige Anzahl Nullen drauf. (Foto: Deeg/rufo)
Freitag, 11.11.2005
Alltags-Bürokratie in Russland: Diese Nullen!
Lothar Deeg, St. Petersburg. So dumm die Frage auch klingt: Wo hat die Zentralbank die ganzen weggestrichenen Nullen hingesteckt, als 1998 der Rubel denominiert wurde und 1000 alte Rubel zu einem neuen Rubel wurden?
Als ich bald darauf eine Bankfiliale betrat, erfuhr ich die Antwort: Die Kontonummern, vorher durchaus überschaubar, waren plötzlich zu 20-stelligen Monstern aufgebläht und trugen nun in ihrer Mitte neun Nullen in Folge. Diese Eierreihe gilt es seither beim Bezahlen irgendwelcher Rechnungen fehlerfrei in papiersparend winzige Einzahlungszettel einzutragen.
Zahlenfriedhof auf Mini-Formularen
Damit nicht genug: Als ich dieser Tage auf die Bank ging, um den offiziellen Obulus für die Techosmotr-Prüfung meines Autos (das Analog der Hauptuntersuchung beim deutschen TÜV) zu bezahlen, galt es neben der Kontonummer des Empfängers noch neun Ziffern der KPP, die zehnstellige INN, elf Ziffern der OKATO, neun der BIK und schließlich nochmal 20 Zahlen eines „Budgetqualifikationscodes“ auf den Zahlschein zu übertragen.
Selbiger Zahlenfriedhof muss anschließend identisch auf der unteren Hälfte des Zettels dupliziert werden. Denn in Russland kann man zwar Raumtouristen in den Kosmos schießen, das Durchschlagpapier wurde aber noch nicht erfunden. Was die o.g. Abk. bedeuten, ist mir übrigens nur ansatzweise bekannt – Details will ich auch gar nicht wissen.
Wohl im Rahmen der Bemühungen um eine bürgerfreundliche Verwaltung wurde im übrigen festgelegt, dass neben 191,70 Rubel für die Prüfung des Autos noch 30 Rubel für die danach – hoffentlich – ausgestellte Prüfbeleg-Karte selbst zu berappen sind. Diese Unsumme von 0,90 Euro geht aber in einen anderen Topf, weshalb es nochmals – und wiederum zweifach – KPP, BIK und Konsorten in ein zweites Formular einzutragen gilt. Das Packende bei diesem Zeitvertreib: Wer sich einmal verschreibt, kann wieder von vorne anfangen, denn sonst wird das Papier an der Kasse nicht akzeptiert!
Die TÜV-Prüfung läuft wie geschmiert
Das Abmalen von insgesamt 316 Ziffern auf der Bank dauerte etwa genauso lange wie die Begutachtung meines Autos – die jedoch bedeutend unbürokratischer verlief: Gegen 200 Rubel (ca. 6 Euro) Cash auf die Hand, so das freundliche Angebot des Prüfers, wäre er bereit, einen ernsthaften Defekt am Bauch meines Lada zu übersehen. Worauf ich mit einem frischen Techosmotr-Talon für die nächsten zwei Jahre auf die Straße entlassen wurde.
Nach Landesmaßstäben habe ich mich damit geradezu vorbildlich korrekt verhalten. Denn die meisten russischen Autofahrer – vor allem die Besitzer der vielen schon recht klapprigen Auto-Antiquitäten – sparen sich lieber die Nervenprüfung auf der Bank, den Kuhhandel mit den Prüfern wie auch den – aber nur alle drei Jahre – noch vor der Techosmotr fälligen Gesundheits-Check des Chauffeurs selbst: Denn wenn man es richtig anstellt, ist so ein Techosmotr-Schein völlig unkompliziert an der Hintertür der Verkehrspolizei erhältlich. Gegen, versteht sich, entsprechendes Bakschisch – aber bitte auch hier mit der genau richtigen Anzahl von Nullen.
(ld/SPZ)
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