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Biathlon nach Doping und Chaos am Scheideweg. (Foto: newsru.com)
Biathlon nach Doping und Chaos am Scheideweg. (Foto: newsru.com)
Montag, 16.02.2009
Aktualisiert 16.02.2009 18:37

Chaos Biathlon-WM oder: Ist Biathlon jetzt völlig gaga?

Von Harald Gleißner, Moskau. Im Biathlon klingt alles zurzeit wie ein schlechter Kriminalroman: Doping – Morddrohungen – chaotische Entscheidungen – und schlechte Organisation der WM.

Der unaufhaltsame Aufstieg des Biathlonsports wird derzeit abrupt abgebremst, und das ausgerechnet bei der Weltmeisterschaft. Eigentlich sollte eine WM ja ein Schaufenster der Leistungsfähigkeit sein – dieses von Athleten, Trainern, Verantwortlichen und auch von Funktionären. Momentan geht aber alles nur drunter und drüber im Biathlonlager.

Bewiesenes Doping und wenig Einsicht der Betroffenen

Es gibt analysierte A- und B-Proben, die beweisen, dass drei russische Athleten unerlaubte Mittel eingenommen haben. Jekaterina Jurjewa (englische Umschrift: Ekaterina Iouriewa), flüchtete wie Achatowa (Akhatova) und Jaroschenko (Yaroshenko) nach Hause. Nach der Landung in Moskau erzählte sie, dass sie alle drei im Flugzeug eine schöne Zeit gehabt hätten.


Man habe gelacht und sich glänzend unterhalten, sagte sie. Eine Entschuldigung gab es nicht. Ein deutlicher Beweis für nicht vorhandenes Unrechtsbewusstsein. Getreu dem Motto: Die Welt ist böse, und wie die EPO-Dopingmittel einer dritten Generation in den Körper gekommen sind, ist mir ein Rätsel.

In dieser für die Glaubwürdigkeit des Sports so wichtigen Phase lässt der erste Vizepräsident der Internationalen Biathlon-Union Alexander Tichonow das Profil vermissen, dass ihn für eine mögliche Kandidatur als Präsident nach dem Ende der Ära von Präsident Besseberg auszeichnen würde.

Bei Russland-Aktuell
• Doping-Skandal treibt Biathlon-Verband in die Enge (15.02.2009)
• Doping und Tränen im Biathlon: Schwarzer Freitag der 13. (13.02.2009)
• Ist Doping ein Phänomen des russischen Sports? (10.02.2009)
• Biathlon-Doping: Jurjewa, Achatowa und Jaroschenko? (04.02.2009)
• Neuer Doping Skandal droht im russischen Biathlon-Sport (03.02.2009)
Er könnte jetzt Position beziehen – gegen Doping und für einen sauberen Sport, aber damit natürlich gegen einige seiner eigenen Landsleute. Jetzt könnte er sich als internationaler Funktionär bewähren.

Am Freitag hatte er noch Kontrollen und Konsequenzen gefordert, jetzt schweigt er. Und als er erfährt, dass nun doch nicht Maxim Tschudow Weltmeister im Verfolgungsrennen geworden ist, lächelt er lediglich süffisant.

Vielleicht ist es auch besser, dass er jetzt schweigt, denn mit seiner Aussage: “ Was passiert ist, ist passiert. Ich bin auch gegen Doping – die Sportler sind aber unschuldig“, hat er bestimmt keine Weitsicht bewiesen und ist auch im eigenen russischen Verband auf Unverständnis gestoßen. Man bekommt keine EPO-Spritzen ganz ahnungslos im Schlaf.

Morddrohungen gegen schwedische Athleten

Aber der Doping-Skandal im russischen Team scheint nur die Spitze eines Eisbergs zu sein, der zum Teil auch aus Politik und Intrigen besteht.

Schwedens Biathleten sollen per Email Morddrohungen aus Russland erhalten haben - dies berichtete zumindest deren Cheftrainer Wolfgang Pichler. Egal wirklich die russische Sportmafia die Mails geschickt hat oder jemand anders - Pichler stellte jedenfalls den Antrag, dass die Internationale Biathlon-Union bei der russischen Regierung Sicherheitsgarantien für die Schweden für den Saisonabschluss im Weltcup im sibirischen Chanty Mansijsk erwirkt. „Unsere Sportler haben Angst“, sagte Pichler.

Wer ist nun Weltmeister? Entscheidung revidiert

Anfangs hatte Pichler sogar gefordert, das Finale in Sibirien müsse abgesetzt werden.

Auch in anderer Hinsicht löste der russische Doping-Skandal eine Kettenreaktion der Unsportlichkeit aus ...

Der Norweger Ole Einar Björndalen hatte direkt nach dem Start des Jagdrennens versehentlich die Strecke abgekürzt. Laut Reglement hieße das eigentlich Disqualifikation. Doch die Jury entschied sich nur für eine Strafminute.

Björndalen fiel nach dieser Jury-Entscheidung auf den Bronze-Rang zurück. An seiner Stelle wurde der Russe Maxim Tschudow (englische Schreibweise: Tchudov) zum Weltmeister erklärt. Doch die Norweger protestierten erfolgreich – Ole Einar Björndalen wurde das Gold zurückgegeben.

Der Präsident aller Biathleten ist Norweger. Tschudow ist Russe. Sollte nach dem Fehlstart in die Weltmeisterschaft aufgrund der überführten russischen Athleten verhindert werden, dass Tschudow Weltmeister wird? Tschudow als Bauernopfer? Büßt er für das Fehlverhalten seiner – hoffentlich ehemaligen – Kolleginnen und Kollegen?

Patrone kracht in die Wand des Übungsraums

Pleiten-Pech und Pannen, die nächste: Auch bei den Damen kam es zu einer bitteren Disqualifikation. Schon vor dem Start wurde Andrea Henkel aus Deutschland disqualifiziert.

Sie hatte beim Trockentraining mit ihrem Gewehr eine Patrone in der Waffe, die sich beim Üben des Schießablaufes löste und in der Wand des Übungsraumes einschlug. Entsprechend des Regelwerkes der Internationalen Biathlon-Union wurde Henkel mit dem Ausschluss vom Rennen bestraft. Ist Frau Henkel ganz neu in dem Sport?

Pannen-WM: Chaotische Organisation und überforderte Veranstalter

Es war von Anfang an eine Pannen-WM: Die Eröffnungsfeier der WM wurde abgesagt, die Laufstrecke ist ein einziger See, die Organisation eine Katastrophe. Der Start der Biathlon-WM in Südkorea versank bei elf Grad plus im absoluten Chaos. Piff-Paff in der Matsche-Patsche!

Am Freitag konnte kein Athlet trainieren, weil an einem Tag 20 Zentimeter Schnee weggeschmolzen waren. Das Problem: Die unerfahrenen Südkoreaner sind völlig überfordert. Der technische Delegierte Norbert Baier schimpft: „Es dauert zu lange, bis etwas passiert. Die haben hier keine Fachleute für das Vorgehen bei so einem Wetter.“

Die IBU hat die WM an Südkorea vergeben – sie hielt es aber nicht für nötig, zwei Wochen vor Begin des Spektakels die Wettkampfstätten zu besichtigen und sich ein Bild über die Kompetenz des Ausrichters zu machen.

Geht der Biathlonsport den Weg des Radsports?


Der Biathlonsport steht nicht am Scheideweg, noch nicht. Aber er muss höllisch aufpassen, dass seine gewachsene Popularität nicht wie ein Luftballon platzt. Dabei ist er auf die Hilfe aller Funktionäre angewiesen, die ihre persönlichen Ambitionen zurückstellen müssten im Kampf um einen sauberen Sport.

Das alleine ist schon schwer, weil einige ihre Funktionärskarriere jetzt nicht durch Aussagen gefährden wollen, die ihnen vielleicht später mal schaden könnten. Und der Verband ist natürlich in erster Linie auf die Mithilfe der Athleten angewiesen, aller Athleten, im Bemühen um sauberen Sport. Das ist noch schwerer, vielleicht sogar unmöglich.


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