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Anatoli Pristawkin schrieb mehr als 25 Bücher. Foto: newsru.com
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Sonntag, 13.07.2008

Ein Nachruf auf den Schriftsteller Anatoli Pristawkin

Von Ulrich Heyden, Moskau. Das Fernsehen brachte es am Freitag in den Frühnachrichten: Der Schriftsteller Anatoli Pristawkin ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Kinder, Waisen und Strafgefangene waren sein Thema.

Pristawkin, der sich seit 1992 für die Begnadigung von Strafgefangenen und die Abschaffung der Todesstrafe eingesetzt hatte, wurde 1931 geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Er hatte eine glückliche Kindheit, aber eine unruhige Jugend.

Seine Eltern verlor er im Krieg. 1944 evakuierte man ihn ein Kinderheim nach Tschetschenien , wo er mit Kindern verschiedener Nationalitäten zusammen kam. Er erlebte, wie Tschetschenen auf Befehl Stalins in Waggons nach Sibirien deportiert wurden. Vor dem Bergvolk hatte er seitdem große Achtung.

1945 türmte der kleine Anatoli aus dem Heim und lebte von nun an auf der Straße. „Wir waren Kinder des Krieges“, erinnerte er sich, „wir haben alles verstanden und hatten vor nichts Angst.“ Später schlug er sich als Arbeiter in einer Konservenfabrik und Hilfsarbeiter auf einem Flughafen durch.

Ein Buch wie eine Explosion

Seine Erinnerungen an die Zeit im Kaukasus beschrieb er in seinem 1987 erschienen Buch „Schlief ein goldenes Wölkchen.“ Das Buch wurde in 30 Sprachen übersetzt und erreichte eine Gesamtauflage von 4,5 Millionen Exemplaren.

Das Buch enthielt Wahrheiten über die Sowjetzeit, über die man früher nicht öffentlich sprach. Waleri Borschjow, der mit Pristawkin in der 1992 gebildeten Begnadigungskommission für Strafgefangene tätig war, erinnerte sich heute, die Erzählung sei wie eine „Explosion“ gewesen: „Es war ein Umdenken des Geschehenen.“

Es sei das Verdienst von Pristawkin gewesen, dass der russische Präsident Boris Jelzin 1996 ein Moratorium über die Todesstrafe verhängte. „Man muss Mitleid haben“, erklärte Pristawkin in einem Interview, „weil dir selbst Menschen aus der Patsche geholfen haben.“

Diese Haltung erklärte der Schriftsteller mit der Schlüssel-Szene seines Lebens, die sich in Kriegszeiten vor einem Speisesaal in Tscheljabinsk ereignet hatte. Dort stand eine riesige Ansammlung von hungrigen Flüchtlingen, die auf Bitten des Erziehers die ebenso hungrigen Kinder beim Essen vorließen.

Anwalt der Strafgefangenen

Der Verstorbene sah sich als Anwalt der Strafgefangenen, die noch immer unter menschenunwürdigen Bedingungen zu bis zu 30 Personen in einer Zelle zusammengepfercht werden. Von 1992 bis 2001 leitete er die Begnadigungskommission, der bekannte Demokraten, Dissidenten und Künstler wie der Liedermacher Bulat Okudschawa angehörten.

Die Kommission erreichte während ihres zehnjährigen Bestehens, dass 12.856 zum Tode Verurteilte lebenslange Haftstrafen bekamen. 2001, als Putin Präsident geworden war, wurde die Kommission aufgelöst.

Bei Russland-Aktuell
• Diskussion: Das Vermächtnis von Lew Kopelew (16.11.2004)
• Deutscher Literaturpreis für Märchenforscher Levin (21.05.2004)
• Anatoli Pristawkin:
Begnadigung – keine Frage der Justiz... (03.10.2003)

Pristawkin deutete das als Rückfall in alte Zeiten. Sein Credo: „Barmherzigkeit ist keine juristische Angelegenheit“ war während des Zweiten Tschetschenien-Krieges nicht populär. Der Ruf nach der Wiedereinführung der Todesstrafe wurde immer wieder laut.

Unter Putin wurde Pristawkin zum Berater für Begnadigungsfragen. In seinem Beileidstelegramm an die Familie ehrte Wladimir Putin den Verstorbenen jetzt als einen „echten Staatsbürger und Patrioten“, der sich sein ganzes Leben lang seine „humanistischen Ideale“ bewahrt habe.

Erfolg auch in Deutschland

1952 hatte das Waisenkind eine Ausbildung am Moskauer Institut für Luftfahrt beendet, 1959 schloss er ein Studium am Moskauer Maxim-Gorki-Literatur-Institut ab. Seine Leben brachte ihn in die entlegendsten Ecken Russlands. Im sibirischen Bratsk arbeitete er als Betonarbeiter auf einer Baustelle für ein Wasserkraftwerk. Von dort schrieb er auch für die „Literaturnaja Gaseta“.

Pristawkin wurde auf Deutsch zuerst in der DDR verlegt, Ende der 80er Jahre auch in Westdeutschland. Der Schriftsteller Lew Kopelew hatte ihn bei westdeutschen Verlagen vorgestellt.

Pristawkin war Mitglied des russischen PEN-Zentrums. Für seine Verdienste für die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland wurde der nun verstorbene Schriftsteller 2002 mit dem Aleksander- Men-Preis ausgezeichnet.


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