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Ein Krankenwagen auf dem Synagogen-Gelände nach der Messerattacke (foto: newsru)
Ein Krankenwagen auf dem Synagogen-Gelände nach der Messerattacke (foto: newsru)
Montag, 16.01.2006

Judenhass in Russland: Amoklauf der Antisemiten

Karsten Packeiser, Moskau. Jüdische Verbände fordern den Kreml auf, endlich energisch „gegen die braune Pest“ in Russland vorzugehen. Aus dem Amoklauf in einer Moskauer Synagoge müssten Konsequenzen gezogen werden.

Sein Sohn habe kürzlich ein Buch mit dem Titel „Wie die Juden Russland verkauften“ gelesen, sagt der Vater von Alexander Kopzew. Offenbar unter dem Einfluss dieser Lektüre griff der 20-jährige Moskauer anschließend zu einem Messer, ging in die Synagoge an der Malaja-Bronnaja-Straße und stach dort wahllos auf die Gottesdienstbesucher ein.

Aufgehetzt von blutrünstigen Computerspielen
„Es ist zu spät, davon zu reden, dass uns Faschismus droht“, erklärte der russische Oberrabbiner Berl Lasar, „Wir haben schon echten Faschismus.“ Ein Mann liegt nach dem Blutbad des offenbar wirren, rechtextremistischen Einzelkämpfers noch immer auf der Intensivstation. Insgesamt wurden acht Personen teils schwer verletzt.

„Ich bin gekommen, um Euch zu töten, Heil Hitler!“ hatte der Täter gebrüllt, als er in die Synagoge stürmte. Der junge Mann, der keinen extremistischen Gruppen angehörte und sich seine Freizeit bislang mit blutrünstigen Computerspielen vertrieb, erklärte später seinen Überfall damit, „die Juden“ würden „besser leben“ als er selbst.

Nicht erst seit dem Moskauer Amoklauf ist klar, dass die Gesamtzahl der antisemitischen Gewalttaten in Russland ein erschreckendes Ausmaß erreicht hat. Überfälle auf Rabbiner und Hakenkreuzschmiererein an jüdischen Einrichtungen sind den russischen Medien schon lange keine Schlagzeilen mehr wert.

Granate auf Synagoge geworfen
Auch die Synagoge an der Malaja-Bronnaja-Straße war schon mehrfach das Ziel von Gewalttätern. Mitte der 90-er Jahre wurde eine Granate auf das Gebäude geschleudert, erst 2003 konnte ein Sprengsatz in dem jüdischen Gotteshaus gerade noch rechtzeitig entschärft werden.

Bei Russland-Aktuell
• Antisemitischer Überfall auf Moskauer Synagoge (12.01.2006)
• Orthodoxe Fundamentalisten-Webseite abgeschaltet (19.10.2005)
• Oberrabbiner: Antisemitische Beamte entlassen (10.08.2005)
• Erneut Verbot jüdischer Organisationen gefordert (29.03.2005)
• Antisemitismus: Extremisten im Nadelstreifenanzug (07.02.2005)
„Die Gesetze gegen Rassenhass und Nationalismus sind in Russland eigentlich streng genug“, sagt Timur Kirejew, Sprecher des jüdischen Dachverbandes FEOR. „Doch in der Praxis fehlen die Mechanismen, damit die Gesetze auch greifen.“ Lediglich 50 bis 60 Verfahren wegen Volksverhetzung würden in Russland pro Jahr eingeleitet, so der Parlamentarier Jewgeni Trofimow.

Dumaabgeordnete dürfen ungestraft hetzen
Nach wie vor werden in Russland dagegen offen antisemitische Hetzschriften verlegt und in Buchläden verkauft. Auf der Moskauer Buchmesse durften im vergangenen Herbst notorische Antisemiten für ihre neuesten Schriften werben.

Von den 20 Dumaabgeordneten, die vor fast genau einem Jahr öffentlich gefordert hatten, alle jüdischen Organisationen zu verbieten, wurde nicht ein einziger strafrechtlich verfolgt oder wenigstens aus seiner Fraktion ausgeschlossen. Nach dem Blutbad in der Synagoge wurden Stimmen laut, den russischen Kommunisten und der nationalistischen „Heimat“-Partei wegen deren latenten Antisemitismus’ die Registrierung zu entziehen.

Deutlicher als bisher stellt sich allerdings inzwischen die Russische Orthodoxe Kirche gegen die Aktivitäten der Antisemiten. „Mit gemeinsamen Anstregungen werden wir die Übel Extremismus und Fremdenhass in unserem Land überwinden“, erklärte der russische Patriarch Alexi II. nach dem Amoklauf.

Da ein nicht unerheblicher Teil der orthodoxen Gläubigen und des Klerus bis heute zumindest in einem gewissen Ausmaß offen für antisemitische Ansichten ist, hatte sich die Kirche in den vergangenen Jahren mit dem Thema Antisemitismus stets schwer getan.

(epd)


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