Bundeskanzler Gewrhard Schröder und Frau Doris mit Weltkriegsveteranen auf der Ehrentribüne am Roten Platz (Foto: TV)
Montag, 09.05.2005
9.Mai: Russland feierte sich und den Sieg im Krieg
Mit einem Großaufgebot von Militär, Kriegsveteranen, Sicherheitskräften – und 51 Staats- und Regierungschefs – beging Moskau den 60. Jahrestag des Kriegsendes. Erstmals waren Deutschland und Japan dabei.
„Kaiserwetter“ bot das Loch in den Regenwolken zwar nicht, das die Wolkenbomber der russischen Luftwaffe zum Siegestag in die gegenwärtig über Zentralrussland liegende Tiefdruckzone geschossen hatten – aber immerhin: Zu Beginn der seit fünf Jahren geplanten großen Siegesparade auf dem Roten Platz lugte die Sonne ein bisschen hervor- und es blieb trocken.
Historische Uniformen bei der Parade (Foto: TV)
Eine Stunde vorher hatte Präsident Wladimir Putin seine Gäste vor dem Kreml noch unter einem Regenschirm empfangen. Zwei Jahre vorher, als schon einmal ähnlich viele Staats- und Regierungschefs Putin zum 300. Stadtgeburtstag von St. Petersburg aufwarteten, war das geplante Freiluftprogramm – trotz aller Wettermacher-Bemühungen des Militärs – einem kapitalen Wolkenbruch zum Opfer gefallen.
7.000 Soldaten im Gleichschritt – aber doch keine Sowjet-Parade
So konnte sich die russische Armee – zwar ohne Interkontinentalraketen und Panzerkolonnen wie zu Sowjetzeiten, aber doch in ganzer Pracht, Perfektion und Präzision präsentieren: Bei dem einstündigen Spektakel marschierten 7.000 Soldaten und Kursanten aller Waffengattungen an der Ehrentribüne auf dem Roten Platz vorbei.
Das wie eine Reliquie verehrte „Siegesbanner“, jene rote Fahne, die als erste auf dem Reichstag in Berlin gehisst wurde, eröffnete die Militär-Show. Ihr folgten im Parade-Stechschritt der damaligen Zeit Truppenkontingente in den historischen Uniformen des „Großen Vaterländischen Krieges“.
Das Wichtigste: Erinnerung und Ehrung der Veteranen
Den 2.600 Kriegsveteranen, die daraufhin in 130 eigens gebauten, optisch auf Oldtimer getrimmten Kleinlastern über den Roten Platz rollten, applaudierten die hochrangigen Ehrengäste stehend. Die für diese Parade auf Staatskosten in neue Maßanzüge eingekleideten alten Damen und Herren mit den Orden-behängten Brüsten winkten freundlich mit ihren einheitlichen Nelkensträußen.
Staatsgäste (Foto: TV)
Manchen rollten Tränen über die Wangen, andere hoben salutierend die Hand an den Mützenschirm, als sie an Putin vorbeifuhren.
Kein Unterschied mehr zwischen Freund und Feind von damals
Das Ehepaar Putin wurde dabei von den „alliierten“ Präsidenten Bush und Chirac flankiert. Bundeskanzler Gerhard Schröder, Silvio Berlusconi und Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi saßen aber auch ganz nahe – erstmals waren die Regierungs-Chefs der einstigen Kriegsgegner-Nationen zur russischen Siegesfeier eingeladen. Denn inzwischen bestimmt die aktuelle Politik und Weltlage und nicht mehr die damaligen Allianzen, wer zu einer solchen Zeremonie erscheint oder nicht.
Putin dankte in einer kurzen Ansprache dann auch nicht nur den Kriegsteilnehmern und den damaligen Verbündeten, sondern auch „den deutschen und italienischen Antifaschisten“. Und er betonte, die wichtigste historische Errungenschaft Europas seit dem Kriegsende sei die deutsch-russische Versöhnung.
Moskau einen Korb gegeben hatten allerdings die Staatsführungen von Litauen und Estland: Die Balten betrachten das Kriegsende heute als die Ablösung der einen durch eine andere totalitäre Okkupation – und hielten es nicht für angemessen, einer Glorifizierung der Sowjetarmee beizuwohnen. Vermisst wurde auf der Ehrentribüne auch Michail Saakaschwili: Auch wenn es ein Russe und ein Georgier waren, die seinerzeit das „Siegesbanner“ dem Reichstag aufpflanzten, hatte Georgiens selbstbewusster Präsident erklärt, er habe „in Moskau nichts zu feiern“.
Lukaschenko nahm die Parade in Minsk ab
Und obwohl Weißrussland – zumindest formell – als allerengster Verbündeter Moskaus gilt, fehlte bei der Parade auch Alexander Lukaschenko. Er war anders als angekündigt nach dem GUS-Gipfel vom Vortag wieder nach Minsk zurückgeflogen. Dort fand dann ebenfalls eine Siegesparade statt.
Doch dies war, so mutmaßte man in Moskau, nur die halbe Begründung. Den Protokollbeamten dürften jedenfalls ein Stein vom Herzen gefallen sein: So mussten sie nicht verhindern, dass bei der anschließenden kollektiven Blumenniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten der international geächtete Tyrann aus Minsk George Bush oder einer anderen westlichen Führungsperson zu nahe tritt.
Gala-Empfang im Kreml, Bilaterale Gespräche und Volksfeste
Während für das Volk auf zahlreichen Plätzen Moskaus anschließend die zum 9. Mai traditionellen Freiluftkonzerte und Showprogramme begannen, versammelte sich die Welt-Elite noch einmal zu einem Empfang im Kreml. Anschließend nutzten viele der Anwesenden die Gelegenheit zu bilateralen Gesprächen.
Es traf sich das Quartett der Nahost-Friedenssponsoren, Putin und der Chinesische Staatschef Hu Jintao (der im Juli noch einmal nach Moskau kommen will), Putin und der Südkoreaner No Mu-hyon (der die koreanische Atom-Krise lösen will), Putin und der Indische Staatschef Vajpayee, Putin und Chirac, Putin und Schröder Â…
Jacques Chirac und Putin enthüllten in Moskau ein gigantisches Denkmal für General de Gaulle. George Bush bewies, dass die USA mit dem Polit-System nach Putin-Art doch nicht so ganz einverstanden sind und traf sich mit einer Abordnung russischer Umweltschützer und Menschenrechtler – bevor er just nach Georgien zum Paraden-Boykotteur Saakaschwili flog.
Auf dem Kriegsgefangenenfriedhof: Kanzler Schröder und Frau Doris (Foto: kp/.rufo)
Friedhofs- und Denkmalsdiplomatie
Gerhard Schröder gedachte hingegen der Kriegsopfer aus dem eigenen Land und besuchte nahe Moskau in Ljublino einen Friedhof, wo deutsche Kriegsgefangene begraben wurden. Dorthin fuhr auch noch der Japaner Koizumi – auch wenn dort nur zwei japanische Soldaten liegen.
Der Demonstration der Kommunisten verlegten starke Polizeieinheiten den Weg in Richtung Kreml (Foto: kp/.rufo)
Von den wegen Terrorgefahr besonders radikalen Absperrmaßnahmen im ganzen Moskauer Zentrum dürften die Staatsgäste genausowenig mitbekommen haben wie von der Oppositionskundgebung am weißrussischen Bahnhof: Dort feierten Kommunisten, Nationalbolschewiken und Stalin-Fans den sowjetischen Sieg auf ihre Weise. Dabei kam es auch zu Scharmützeln mit dem Polizeiaufgebot, das ein Durchbrechen der Demonstranten in die Sicherheitszone in der Innenstadt zu verhindern hatte.
Den Tag schliesst am Abend ein Feuerwerk, das noch gigantischer als sonst werden soll.
(ld/gim/.rufo)
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Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)