Was nützt ein Abholzungsstopp, wenn vom Chimki-Wald nicht mehr viel übrig ist? (Foto: newsru.com)
Montag, 30.08.2010
Chimki-Wald: Stopp ein kluger Schachzug des Kremls?
Moskau. Umweltschützer schlagen erneut Alarm: Trotz Medwedews Verbot wird im Chimki-Wald wieder gearbeitet. Die Medien diskutieren derweil, was hinter dem Machtwort des russischen Präsidenten wirklich stehen könnte.
Laut Interfax werden im so gut wie abgeholzten Chimki-Wald Erdproben genommen. Dies teilte am Montag Jaroslaw Nikitenko von der Umweltgruppe „Zum Schutz des Chimki-Waldes“ mit. Die Aktivisten seien Montagmorgen in den Wald gefahren, um die durch die Abholzung entstandenen Schäden einzuschätzen.
Jetzt wird nicht gefällt, sondern gebohrt
Dabei seien sie auf eine Bohranlage gestoßen, die dem Boden Proben entnimmt. Das Personal habe sich geweigert, den Namen der Firma und den Auftraggeber für die Arbeiten zu nennen. Zurzeit versuchen die Umweltschützer, es zur Einstellung der Bohrungen zu bewegen.
Die Russische Straßenbauagentur, die für den Bau der Schnellstraße zwischen Moskau und St. Petersburg verantwortlich zeichnet, hat indessen erklärt, sie habe niemanden mit irgendwelchen Arbeiten im Chimki-Wald betraut und halte sich hundertprozentig an das am Donnerstag von Dmitri Medwedew ausgesprochene Arbeitsverbot.
Abholzungsstopp sinnlos
Die Umweltschützer hatten den „Befehl von oben“ als Sieg gefeiert, aber beim genaueren Hinsehen kam Medwedews Veto zu spät. Laut Nikitenko ist durch den großen Forst am Moskauer Stadtrand eine 3,5 Kilometer lange und 150 Meter breite Schneise geschlagen worden.
Damit sind die Abholzungsarbeiten so gut wie abgeschlossen gewesen und Medwedews Eingreifen im Grunde genommen sinnlos. Selbst wenn im Endeffekt eine andere (und viel teurere) Trassenführung gewählt wird, erwacht der abgeholzte Wald davon nicht wieder zum Leben.
Initiative kam vom Kreml selbst
Medwedew war angeblich dem Aufruf der Kreml-Partei „Einiges Russland“ gefolgt, die Arbeiten sofort einzustellen und über eine Trassenänderung nachzudenken. In russischen Medien taucht aber inzwischen die Information auf, der Kreml habe seine Hauspartei selbst angewiesen, solch einen Appell zu verfassen.
Kein Knatsch im Tandem
Russische Experten schätzen den Baustopp als PR-Aktion der Kreml-Partei ein, um vor den im Herbst anstehenden Regionalwahlen besser dazustehen. Mascha Lipman vom russischen Carnegie Center spricht von einem Täuschungsmanöver, das einen Konflikt zwischen Medwedew und Putin vorgaukeln sollte.
Zunächst hatte es ausgesehen, als ob Medwedew seinem Premier ein Bein gestellt hatte, da Wladimir Putin das Straßenbauprojekt 2009 selbst angewiesen hatte. In Wahrheit sei es aber ein „gut inszeniertes Manöver“ gewesen und Putin hätte von Anfang an Bescheid gewusst.
Die Tandempartner zögen also in Wirklichkeit an einem Strang, um die Öffentlichkeit zu beruhigen, sich (besonders nach den verheerenden Waldbränden dieses Sommers) als oberste Umweltschützer zu profilieren und somit ihrer Hauspartei zu noch mehr Wählerstimmen zu verhelfen.
Oder war es Bono von U2?
„Foreign Policy“ hat dagegen eine ganz andere Vermutung über die Gründe des Baustopps im Chimki-Wald: U2-Frontmann Bono habe Medwedew beim Teetrinken in Sotschi zu dem Schritt überredet und anschließend mit dem Rocksänger und Wald-Verteidiger Juri Schewtschuk ein Duett gesungen.
Nur sechs Stunden später zog Medwedew dann die im Grunde genommen schon sinnlose Notbremse.
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... und in der Ferne glänzen die goldenen Kreml-Kuppeln vor dem Winterpanorama der Stadt Moskau. Das historische Moskau, das "Goldköpfige" genannt, hatte 40x40 goldene Kirchenkuppeln. ( Topfoto: mig/.rufo)