Geldwäscheverdacht: Kein US-Visum für Vizeminister
Binnenwasserwege für ausländische Yachten jetzt frei
Russland-Aktuell zur Startseite machen


Moskaus Innenstadt wird zum sozialen Brennpunkt Russlands. (Foto: newsru.com)
Moskaus Innenstadt wird zum sozialen Brennpunkt Russlands. (Foto: newsru.com)
Montag, 13.12.2010
Aktualisiert 14.12.2010 10:09

Krawall in Moskau: Soziale Explosion nicht mehr weit

Moskau. Am Wochenende kam es zu ernsthaften Ausschreitungen in der Moskauer Innenstadt mit Dutzenden Verletzten und Festgenommenen. Hinter ausgeflippten Fußballfans tut sich etwas ganz anderes auf: Die Wut der Gedemütigten.

Bei Russland-Aktuell
• Wer steckt hinter den Moskauer Ausschreitungen? (14.12.2010)
Zuerst schien es glimpflich auszugehen: Am Samstagvormittag gedachten in Moskau Fans von Spartak Moskau dem am 6. Dezember ermordeten Jegor Swiridow, der bei einer Schlägerei mit Kaukasiern ums Leben gekommen war.

Bei Russland-Aktuell
• Zwei Demos: für Verfassung und für Russland den Russen! (12.12.2010)
• Schlagt sie alle! Milizwillkür in Sibirien aufgedeckt (09.12.2010)
• Spartak-Fans randalieren in der Champions League (09.12.2010)
• Fußballfans sperren Straße nach Mord an Spartak-Fan (08.12.2010)
Die Aktion an der Metrostation „Wodny Stadion“ im Norden der Stadt verlief friedlich – mit Blumenniederlegungen, Kerzenanzünden, Solidaritätsbekundungen von Bikern und einem friedlichen Marsch.

Konflikt neben dem Kreml


Ernst wurde es, als sich ab 14.30 Uhr auf dem Manege-Platz, unmittelbar neben dem Kreml und dem Roten Platz, etwa 5.000 radikal gestimmte Jugendliche einfanden. Spartak-Schals und andere Clubattribute waren verschwunden – nach Fansolidarität stand der Menge offensichtlich nicht mehr der Sinn.

Bei Russland-Aktuell
• Radikale Fußballfans schwappen in die Protestszene (13.12.2010)
Offizielle Fangruppen von Spartak hatten ihren Anhängern schon bei der Morgenveranstaltung nahe gelegt, der (von der Moskauer Innenbehörde nicht sanktionierten) Zusammenkunft am Manegeplatz fernzubleiben.

Gegen die „Schwarzen“


Zu den ultrarechten Fans (sie propagieren einen „gesunden Nationalismus“, wie es in letzter Zeit immer öfter formuliert wird) gesellten sich andere Rechtsradikale. Nach Angaben der Miliz hielten sich beide Gruppen kräftemäßig etwa die Waage. Die Unterschiede, wer hier „Fan“ war und wer „Nazi“, waren sowieso nicht mehr auszumachen.

Bei Russland-Aktuell
• Russland braucht jährlich 5 Millionen Gastarbeiter (01.12.2010)
• Nordkoreaner verlassen Russisch-Fernost wegen Krieg (26.11.2010)
• Gastarbeiter: Entweder illegal oder Steuersparer (23.11.2010)
• Moskauer Neonazi-Bande wg. Morden abgeurteilt (25.02.2010)
• Migranten als Garant gegen die demographische Krise (08.04.2009)
Es ging nämlich nicht mehr um einen ermordeten Spartak-Anhänger, sondern um Anliegen wie „Fuck den Kaukasus!“, „Schwarze, verpisst euch von hier!“, „Moskau für die Moskauer!“ und „Moskau ist eine russische Stadt“.

Eine Machtdemonstration gegen Zugereiste aus dem Kaukasus und Mittelasien, die in Moskau immer mehr das Stadtbild bestimmen und auf immer mehr Widerstand seitens der Ortsansässigen stoßen.

Miliz blieb lange ungewöhnlich korrekt


Der Platz war umstellt von Miliz- und Sonderpolizeieinheiten und der Friede hielt auch demnächst. Vor Beginn der Aktion hatten die Sicherheitskräfte kaukasische Händler aus dem Umkreis evakuiert, damit sie nicht Opfer von Übergriffen werden.

Genutzt hat es wenig, wie sich später herausstellte. Nachdem der Mob auf dem Platz die Polizei lange genug mit Schimpftiraden und Feuerwerkskörpern provoziert hatte, griff die durch. Es kam zu Prügeleien, Schlagstockeinsatz und dem ganzen üblichen „Budenzauber“.

Allein bei der Aktion am Samstag auf dem Manegeplatz wurden 77 Personen festgenommen, 32 mussten sich ärztlich behandeln lassen; zwei Kaukasier schweben in Lebensgefahr.

Nachdem die illegale Versammlung schließlich aufgelöst war, machten die „Glatzen“ in der Stadt Jagd auf „Schwarze“ – Samstag und Sonntag kam es zu mehreren Überfällen auf Gastarbeiter in der Metro und auf den Straßen.

Bei Russland-Aktuell
• Steuererhöhung gleicht Korruption in Kreml u Militär aus (19.11.2010)
• Moskauer Miliz muss um 10.000 Beamte abspecken (10.11.2010)
• Innenministerium prüft Miliz auf Korruptionsfestigkeit (01.11.2010)
• Medwedew will russische Miliz in Polizei umbenennen (06.08.2010)
• Milizreform: Ein weiterer Schritt zum großen Ausmisten (19.03.2010)

Milizführung offenbart Hilflosigkeit


Die Moskauer Milizführung hatte vorher vergeblich versucht, die Situation zu entschärfen. Sogar der Moskauer Milizchef war auf dem Platz erschienen. Aber seine weinerliche Bitte: „Lasst uns doch unsere Arbeit machen!“ (gemeint war die Aufklärung der Ermordung des Fans am 6. Dezember) ging in Schmährufen unter.

Ein zweiter führender Milizionär musste sich die Frage gefallen lassen, warum nach dem Mord fünf der sechs Verdächtigen wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. „Ja, das weiß ich auch nicht“, konnte er nur hilflos entgegnen.

Die Lage ist so explosiv wie nie


Nach dem Verhalten der Milizobersten zu urteilen, weiß niemand recht, wie die entstandene brenzlige Lage entschärft werden kann. Dass immer mehr Russen unzufrieden sind mit der immer wachsenden Zahl von Gastarbeitern (Moskau-Abad wird die russische Hauptstadt schon sarkastisch genannt), ist eine Tatsache.

Und diese Meinung vertreten nicht nur Rechtsradikale. Der Kreml tut nichts, sitzt die Sache aus. Die Bevölkerung ist frustriert über die Überfremdung, aber auch über die Entmündigung, die sie durch die „Oberen“ erfährt, und die Enttäuschung über die soziale Ungerechtigkeit im Lande.

Medwedew und Putin versuchen mit der „gelenkten Demokratie“ die Lage in Russland in Griff zu halten, dabei brodelt es unter der Oberfläche wie noch nie. Eine soziale Explosion rückt immer mehr in den Bereich des Möglichen.

Kaukasier: Keine Provokationen!


Führer der kaukasischen Diasporen in Moskau rufen ihre Mitglieder derweil dazu auf, von „Racheakten“ jeder Art abzusehen, um die bis aufs Äußerste gereizte Lage nicht noch mehr anzuheizen.

So seien Informationen über eine angeblich geplante Kundgebung von Kaukasiern am 15. Dezember am Kiewer Bahnhof als Antwort auf den Manegeplatz nicht mehr als eine Provokation.

Was Not tut, sei aber dies: Die Interessengruppen müssen sich an einen Tisch setzen und nach Auswegen aus der gefährlichen Situation suchen, sagte der Leiter der Moskauer Filiale des Kongresses der Kaukasusvölker in Moskau, Achmed Asimow, am Montag gegenüber ITAR-TASS.

“Kaukasus von Russland abkoppeln!“


Die in- und ausländische Presse lässt derweil Experten zu Worte kommen. So hat Galina Koschewnikowa vom Analyse-Zentrum „Sowa“ (Eule) das Zusammengehen von rechten Fußballanhängern und Neonazis schon vor Monaten kommen sehen.

„Für Leute, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion als Verlierer empfinden, ist dieses Milieu ideal zum Ausleben der Aggressionen“, sagt sie. Der Politologe Dmitri Furman geht noch weiter: „Objektiv und unabhängig von der Meinung der Demonstranten steht die Möglichkeit der Abkoppelung des Nord-Kaukasus im Raum“, meint er.

Und: „Die Zentralgewalt versucht ohne Erfolg, die Einwanderung aus dem Kaukasus und die aufkommende Aggressivität der Bevölkerung aufzuhalten, die in den Leuten aus dem Kaukasus den Grund für Probleme und Kriminalität sehen.“

Ex-Wirtschaftsminister Andrej Netschajew malt eine düstere Zukunft: „Wenn es zum sozialen Knall kommt, wird der nicht demokratisch wie zu Beginn der 90er Jahre, sondern nationalistisch, linksradikal und rotbraun!“



Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Montag, 13.12.2010
Zurück zur Hauptseite








Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)






Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Als Chef vom Dienst ist für Sie
im Moment im aktuellen Einsatz
André Ballin, Moskau

Schnell gefunden
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
St.Petersburg
Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns mehr zeigen!“
Kopf der Woche
Deripaska setzt auf Ex-Stasi-Agent und Putin-Spezi
Kommentar
G-8 u ASEAN: russische-amerikanische Beziehungsprobleme
Moskau
Protest-Lager: Barrikadnaja statt Saubere Teiche
Thema der Woche
Ämtertausch vollendet: Medwedew ist Premierminister
Kaliningrad
AirBerlin nimmt Kaliningrad wieder in Flugplan auf
Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Montag, 28. Mai
10:22 

Orenburg: Ausländische Studenten aus Wohnheim geworfen

08:51 

Opposition beantragt neuen Protestmarsch am 12. Juni

01:03 

Geschichte Russland: Rust landet auf dem Roten Platz

Sonntag, 27. Mai
01:03 

Russland Geschichte: St. Petersburg und Tsuschima

Samstag, 26. Mai
01:03 

Geschichte Russland: Nikolaus II. wird gekrönt

Freitag, 25. Mai
20:02 

CH-Staatsanwälte legen Deripaska-Klagen zu den Akten

18:27 

Geldwäscheverdacht: Kein US-Visum für Vizeminister

18:03 

Baku: Missklänge beim Grand Prix – vorrangig politisch

17:09 

26-facher Mumienmacher muss in psychiatrische Klinik

16:26 

Medwedew will „Einiges Russland“ intern demokratisieren

14:37 

Russische Motorradfahrer im Irak freigelassen

13:28 

Fünf Tote: Familientragödie unter Russen in den USA

12:47 

Schlägerei bei Sprach-Debatte im ukrainischen Parlament

11:09 

Binnenwasserwege für ausländische Yachten jetzt frei

09:27 

Ferien! Heute letzter Schultag für Russlands Schüler

01:03 

Russland Geschichte: Aus finstersten Tiefen

Donnerstag, 24. Mai
18:22 

ESC: udmurtische Äffin sagt Sieg der Babuschki voraus

17:57 

Russland verliert Raketen-Radarstation in Aserbaidschan

17:22 

Trotz Timoschenko: Polen und Ukraine erwarten gute EM

16:14 

Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns zeigen!“

15:04 

Alu-Zar Deripaska verliert Petersburger Großprojekt?

13:58 

Minister verspricht Abschleppdienst per Helikopter

12:42 

Irak: Vier russische Biker sitzen in Militär-Gefängnis

12:13 

Vergewaltigtes Kind im Müllschlucker: 22,5 Jahre Haft

10:53 

Kremlwache kauft Atomschlag-sichere Kinder-Wiegen

09:23 

Demonstrantenführer Udalzow wieder auf freiem Fuß

01:03 

Geschichte Russland: Die „Aurora“ läuft vom Stapel

Mittwoch, 23. Mai
18:23 

Moskauer sollen eigene Speakers Corners bestimmen

17:53 

Ukraine lehnt Behandlung von Häftlingen im Ausland ab

17:13 

Verletzte bei Bruchlandung von Militärflugzeug

16:24 

Vor der EM: Sportjournalist pöbelt über Nationalspieler

15:11 

Tschetschenische Saurier-Eier sind profane Steine

13:51 

Kapitalflucht aus Russland kann auf 100 Mrd. USD steigen

12:35 

Anti-Alkoholkampagne: Wodka in Jakutien nur nachmittags

12:04 

Rosneft-Boss Setschin – der Mann, der Yukos beerbte

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
russland-news.RU

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru, www.puschkin.ru, www.wladiwostok.ru, www.sotschi.ru ... und noch einige andere mehr!
Russia-Now - the English short version of Russland-Aktuell








google.com
yahoo.com