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| Einfach einmalig: Sonnenuntergang am Baikalsee (Foto: Börner) | |
Mittwoch, 04.10.2006
Weltreise machen: Urlaub wie die Outdoor-Russen
Sewerobaikalsk. Sabine und Olaf Börner reisen in elf Monaten einmal um die Welt. Russland-aktuell veröffentlicht einige ihrer Reiseberichte. Letzte Station in Russland vor der Weiterfahrt der beiden in die Mongolei ist der Baikalsee.
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Die Sonne scheint. Ich liege am Strand und habe die Augen geschlossen. Der Wind ist frisch, bauscht das Wasser auf und treibt die Wellen an den Strand. Irgendwie ist alles, wie ich es aus meiner Kindheit kenne, als ich im Sommer am breiten Ostseestrand in Warnemünde gelegen habe.
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Wellenrauschen wie in Warnemünde
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Wenn ich die Augen aufmache, sehe ich hohe Wellen und das Glitzern des Wassers in der Sonne. Lasse ich meinen Blick schweifen, sehe ich eine hohe Bergkette. Diese ist ca. 40 km entfernt und befindet sich auf dem gegenüberliegenden Ufer des Baikalsees, des größten und tiefsten Sees unseres Planeten, der ein Fünftel des nicht gefrorenen Süßwasservorrats der Erde beinhaltet. An seiner tiefsten Stelle ist dieser See 1.637 m tief und dehnt sich von Nord nach Süden 636 km aus. Wenn jedoch die Augen schließe, liege ich an der Ostsee. Ganz sicher.
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Hierher gebracht hat uns einer der größten Errungenschaften des real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion, die Baikal-Amur-Magistrale - kurz BAM genannt. Diese Eisenbahnlinie ist 3.100 km lang und wurde 17 Jahre lang durch die Taiga geschlagen. Die Arbeit wurde 1974 auf Anordnung des damaligen Sowjetführers Breschnew begonnen. Die Sowjets hatten sich zu jener Zeit mit den chinesischen Kommunisten zerstritten und hielten die ursprüngliche Transibirische Eisenbahnroute aufgrund ihrer Nähe zur chinesischen Grenze für potentielle militärische Angriffe der Chinesen als zu verwundbar.
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| Datschen am Seeufer (Foto: Börner) | |
Demzufolge verläuft die BAM-Trasse mehrere Hunderte Kilometer nördlich parallel zur Transibirischen Eisenbahn. Als die BAM 1991 endlich fertig war, gab es die Sowjetunion nicht mehr. Geblieben ist eine eher klägliche, weil über lange Strecken einspurige Trasse. In Deutschland würden viele der die Flüsse und Täler der sibirischen Wildnis überquerenden Eisenbahnbrücken im besten Fall als Fußgängerbrücken durchgehen. Wie dem auch sei, die BAM hat uns ans Nordende des Baikalsees nach Sewerobaikalsk, der 25.000 Einwohner umfassenden „Haupstadt der westlichen BAM“ (Eigenwerbung) gebracht. Und hier gibt es tatsächlich einen Ostseestrand - wenn man die Augen schließt.
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Outdoor-Russen und Matratzniki
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Schon im Stolby-Nationalpark in der Nähe von Krasnojarsk sind sie uns aufgefallen - die Outdoor-Russen. Man kann sie daran erkennen, dass sie genau wie wir einen Rucksack tragen. Das hat den Vorteil, dass wir mit dem unsrigen nicht mehr so auffallen wie gewöhnlich, denn der Rucksack ist außer bei den Outdoor-Russen hier kein allgemein anerkanntes Reisegepäck.
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Outdoor-Russen verbringen ihren Urlaub mit Vorliebe im Wald und kommen oft ganz unverhofft aus selbigen auf die Strasse gesprungen, um einen „Marschrutka“-Minibus anzuhalten und mit ihm zurück in die Zivilisation, oder das, was man hier als solche bezeichnet, zu fahren.
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| Vor der Ernennung zu Outdoor-Deutschen (Foto: Börner) |
Während die Hardcore Outdoor-Russen wochenlang in einem Zelt im Wald hausen, sind die etwas verweichlichten Ableger auf sogenannten „Turbasa“ zu finden, was man mit dem englischen Begriff „Basecamp“ erfassen könnte. Solche Basecamps sind sowohl Ausgangsbasis für Touren in den Wald als auch außerordentlich basic. Wir konnten ein Basecamp bei unserem Ausflug zu den ca. 25 km Schotterpistenfahrt von Severobaikalsk befindlichen Thermalquellen von Goudschekit besichtigen. Ich würde die besichtigte Turbasa mal als Barackenlager am Ende der Welt bezeichnen.
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Löcher im Taigaboden
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Auch den Genuss von warmen bis brühend heißem Thermalwasser reduzieren die Russen auf minimalistische Funktionalität ohne jeden Schnörkel. Bei dem Thermalbad neben der beschriebenen Turbasa handelte es um zwei nebeneinander befindliche, ca. 1,60 m tiefe und mit spartanischen schmutziggelben Kacheln verkleidete Löcher im Taigaboden, die jeweils die Grundfläche eines mittelgroßen deutschen Wohnzimmers haben. Während das schwefelhaltige Wasser in dem einen Bassin schon sehr warme ca. 40 Grad aufweist, kann man sich in den zweiten Bassin begeben, um sich Verbrennungen 1. Grades zuzuziehen.
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In dem ca. 40 Grad heißen Bassin tummeln sich bis zu 25 Menschen, wobei die nichtschwimmenden Kids das Pech haben, auf der Einstiegsleiter sitzen bleiben zu müssen. Das brühend heiße zweite Becken wird verständlicherweise nur von einer verschwindend kleinen Anzahl verbissener Masochisten aufgesucht.
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Einen weiteren Beweis ihres Erfindungsreichtums und ihrer Zähigkeit haben uns die Outdoor-Russen bei unserem Katamaran-Ausflug gegeben. Als wir uns für die Tour entschieden hatten, haben wir von der Beschreibung nur mitbekommen, dass es mit einem Katamaran (so lautete das exakte russische Wort) den malerischen Fluss Tyja hinunter gehen sollte.
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Wir freuten uns also auf einen netten Ausflug, bei dem wir unser Russisch im Gespräch mit den anderen 7 russischen Teilnehmern verbessern können. Als wir an dem Fluss ankamen, stellten wir fest, dass der Katamaran vor Ort aus einem mitgebrachten zusammengenagelten Holzgestell und zwei als Schwimmkörper dienenden aufblasbaren und aus den Orten des hier nicht vorhandenen Massentourismus bekannten schwimmenden Bananen in kleiner Ausführung hergestellt wurde.
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Da der sich daraus ergebende „Katamaran“ nur maximal 5 Personen trägt wurden für unsere Gruppe vorsorglich zwei dieser Gefährte fertiggestellt. Dann gings los mit dem Paddel in der Hand in die Kategorie 3 Stromschnellen und damit in das Wildwasser-Rafting Vergnügen nach dem Geschmack der Outdoor-Russen.
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Nach der bestandenen dreistündigen Tour beglückwünschte uns unser Floßkapitän und auf den 20 Flusskilometern zuverlässiger Führer Mischa zu unserer erfolgreich bestandenen Rafting-Probe. Wir wurden quasi als Outdoor-Deutsche anerkannt. Mischa freute sich, dass wir zu dieser Kategorie der Urlauber gehören würden. Von den anderen beiden Kategorien, den Matratznikis und den Extremisten, hielt er nicht soviel. Die Matratznikis würden den ganzen Urlaub lang nur an der Matratze horchen, während die Extremisten mit einem Wodkafass anreisen würden und erst am Ende des Urlaubs wieder halbwegs nüchtern gesichtet werden würden.
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Olaf und Sabine Börner, 13. August
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