Von André Ballin, Kineschma. Mit der Zahnarztpraxis von Ljubow Gennadjewna fing vor zehn Jahren alles an. Ljubow ist selbständige Unternehmerin, doch die Auftragslage für Zahnärzte ist in der russischen Provinz nicht besonders günstig. Da kam das Angebot der Regionalverwaltung zur rechten Zeit. Die stellte ihr kostenlos Strom und Räumlichkeiten zur Verfügung. Im Gegenzug verpflichtete sich Ljubow, alle, die sich eine Behandlung normalerweise nicht leisten können, kostenlos zu versorgen.
Über 27.000 Menschen leben in den 230 Ortschaften rund um Kineschma. Der Untergang der Sowjetunion hat auch in der Provinz ein schwieriges Erbe hinterlassen. Pensionäre, Invaliden oder kinderrreiche Familien haben besonders mit der Situation zu kämpfen. Um ihnen zu helfen, gründeten private Unternehmer und Regionalverwaltung ein Zentrum, das günstig Sozialdienstleistungen, wie z.B. Zahnbehandlungen anbietet.
Dieses Programm bekam vor zwei Jahren Hilfe durch das Projekt „Stärkung der Demokratie durch NGOs aus dem Sozialbereich“, das seinerseits durch TACIS, ein Partnerschaftsprogramm zwischen der EU und Russland, gefördert wurde.
Finanziert wurde u.a. eine neue Ausrüstung für die Zahnärztin. „Das war enorm wichtig“, betont Ljubow, „denn so können wir die Kosten niedrig, aber den Service hoch halten.“
Sozialtaxi fährt Dörfer ab
Etwa zehn Prozent ihrer Klienten bekommen eine kostenlose Behandlung, weitere zehn erhalten Rabatt, der Rest, der es sich leisten kann, zahlt die volle Summe. Pro Tag behandelt Ljubow im Durchschnitt etwa zehn Patienten. Reich wird sie dadurch nicht, aber sie kann sich ihr Einkommen sichern und gleichzeitig Menschen helfen.
Neben der Zahnarztpraxis gibt es inzwischen auch eine Schuhwerkstatt und ein Sozialgeschäft mit verbilligten Lebensmitteln. Auch hier führen Privatunternehmer das Ruder. Besonders stolz ist die Leiterin des Zentrums Tatjana Pakowa auf das so genannte „Sozialtaxi“. Das können die Bedürftigen für die Fahrt in das Sozialzentrum oder ins Krankenhaus nutzen, sogar für private Besorgungen steht der Kleintransporter bereit. „Für das Sozialtaxi haben wir 59 regelmäßige Klienten“, erklärt Pakowa. Das Fahrzeug wird auch genutzt, um einmal monatlich die entfernten Ortschaften anzufahren, Bestellungen für Lebensmittel und andere Güter anzunehmen und dann im Folgemonat abzuliefern.
Renter im Anlaufpunkt von Kineschma (Foto: Ballin/.rufo)
Die Rentnerin Galina Iwanowna nutzt die Dienste des Sozialzentrums, so oft sie kann. „Ich muss mit 1.900 Rubel (53 Euro) im Monat auskommen“ sagt die Pensionärin. Da sei es gut, dass es ein solches Projekt gebe. Allerdings freut sich die resolute Dame nicht nur über die materielle Hilfe. „Die Freundlichkeit und Güte, die ich hier gefunden habe, verschönt meinen Lebensabend“, sagt sie. Mit Hilfe der orthodoxen Kirche haben die alten Leute ein Gebetszimmer in dem Zentrum eingerichtet.
Die Ikonen haben sie selbst zusammen getragen, den Raum hat ein Bauunternehmer kostenlos hergerichtet, ein junger Priester kommt fast täglich vorbei und fragt nach den Sorgen und Nöten der Menschen. „Ich komme aus der Ukraine, natürlich bin ich gläubig“, sagt Galina „und hier ist es sehr schön.“ Nach 38 Jahren als Lehrerin wurde Galina in den Ruhestand versetzt, doch das Geld reichte hinten und vorne nicht. Deshalb arbeitete sie noch zwei Jahre als Hausmeisterin, um sich über Wasser zu halten.
Nach der Pensionierung war es schwer. „Drei Monate wurden uns die Renten nicht ausgezahlt,“ erzählt eine Freundin von Galina. „Zwischendurch haben wir nur durch die Ernte unserer Gärten überlebt.“ Die schlimmsten Zeiten seien inzwischen aber überstanden.
Das Zentrum ist vor allem für Rentner ein Anlaufpunkt, die zu Hause nicht mehr zurecht kommen oder nach einer schweren Operation fremde Hilfe brauchen. 20 Personen finden hier gleichzeitig eine zeitweilige Zufluchtsstätte. Bis zu sechs Monate können alte Menschen in dem Haus unterkommen, werden verpflegt und umsorgt.
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