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Elchnachwuchs in Sumarokowo (Foto: Packeiser/.rufo)
Elchnachwuchs in Sumarokowo (Foto: Packeiser/.rufo)
Montag, 22.09.2003

Balsam für den Magen

Russische Elchfarm verkauft Milch als Allheilmittel
Von Karsten Packeiser, Kostroma. „Kommt her, meine kleinen Kinder!“ ruft Irina mit voller Kraft in den dichten Wald hinein. „Los, schneller!“ Elf ihrer Schützlinge scharren bereits ungeduldig mit den Hufen vor den leeren Futtertrögen, aber einige fehlen immer noch. Irina betreut den Nachwuchs auf Russlands ungewöhnlichstem Landwirtschaftsbetrieb - der Elchfarm von Sumarokowo. Schon die erst zwei Monate alten Jungtiere verbringen die meiste Zeit im Wald, denn im Stall einsperren lassen sich Elche nicht.

Die großen Hirsche sind, gleich welchen Alters, etwas eigenwillige Zeitgenossen. So, wie seinerzeit auch der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow. Der Generalsekretär hatte in den 60-er Jahren nicht nur den sowjetischen Kolchosbauern angeordnet, Mais statt Weizen anzubauen.

Im Arbeiter-und-Bauern-Imperium sollte auch der Elch domestiziert werden. Wissenschaftler eröffneten in der Taiga mehrere Versuchsfarmen, um die Tiere zu erforschen. So auch in Sumarokowo unweit der Gebietshauptstadt Kostroma, 350 Kilometer nordöstlich von Moskau. Wozu der Mensch die Elche brauchen könnte, war damals noch völlig unklar.

Melkerin mit Elchkuh (Foto: A. Minajew)
Melkerin mit Elchkuh (Foto: A. Minajew)
„In der Theorie sah alles ganz genial aus“, erinnert sich Nikolai Gratschow, Direktor des Naturschutzgebietes, zu dem auch die Elchfarm gehört. „Ohne viel Kosten für Pflege und Futter hoffte man, mit den Farmen die Probleme bei der Fleischversorgung zu lösen.“ Gratschow, der während der Arbeiszeit eine Tarnfabren-Uniform der russischen Forstwacht trägt, streichelt einen jungen Elchbullen. In Sumarokowo geborene Tiere werden schnell zutraulich.

36 Elche gibt es im Moment auf der Farm. Von der Idee, die Tiere zu schlachten, nahmen Gratschow und seine Kollegen schnell wieder Abstand. Inzwischen verkauft die Elchfarm nur Milch und Jungtiere, lebt aber weiterhin vor allem von den bescheidenen staatlichen Zuschüssen.

Seit der Perestroika ist in Russland freilich das Geld für derartige Experimente knapp geworden. „Natürlich müssen wir uns immer wieder von oben die Frage anhören, was das Ganze eigentlich soll”, sagt Gratschow und zieht an seiner Zigarette.

Elche lieben Butterblumen (Foto: A. Minajew)
Elche lieben Butterblumen (Foto: A. Minajew)
Zwischen einer professionellen Milchwirtschaft und der Elchfarm von Sumarokowo liegen immer noch Welten. Ganze drei Liter fetthaltige Milch gibt eine Elchkuh im Schnitt täglich, keine ernst zu nehmende Menge im Vergleich zu gezüchteten Hochleistungskühen.

„Wenn das Wetter schlecht ist oder die Elchkuh schlechte Laune hat, kommt sie aber gar nicht erst aus dem Wald zum Melken“, erzählt Natalja Karenkowa, die als Tierärztin in Sumarokowo arbeitet und Touristengruppen über das Gelände führt.

Per Lautsprecher versuchen die Melkerinnen dann oft vergeblich, ihre Tiere aus dem Gestrüpp zu locken. „Ich kann mit niemandem einen Vetrag abschließen und eine bestimmte Menge Milch garantieren, weil es immer sein kann, dass wir an manchen Tagen gar nichts anzubieten haben“, sagt Gratschow.

Noch schlimmer ist es aber, dass jedes Jahr ein Teil der mühsam aufgezogenen Tiere für immer das Weite sucht. Auch die Halsbänder mit Kosenamen und Funksender helfen dann nicht mehr viel.

Bei Russland-Aktuell
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Auch Larissa Denkewitsch muss deshalb oft improvisieren. Die resolute Frau ist die beste Kundin der Elchfarm von Sumarokowo und die Chefärztin des Iwan-Sussanin-Sanatoriums, das sich kaum fünf Kilometer Luftlinie entfernt befindet.

Aus Neugier hatte ein Mitarbeiter der Farm begonnen, die Elchmilch zu trinken. „Bereits nach einigen Wochen stellte er verblüfft fest, dass das Magengeschwür, das ihn bis dahin quälte, praktisch verschwunden war“, berichtet Denkewitsch.

Mehrere Labor-Untersuchungen hätten in der Folgezeit die Heilwirkung bestötigt. Elchmilch stärke das Immunsystem und töte Mikroben ab. Selbst bei Personen, die unter Blutkrebs leiden, habe sich das Krankheitsbild gebessert.

Das Sussanin-Sanatorium bietet seinen magenkranken Kurgästen inzwischen außer frischer Waldluft und Mineralwasser auch Elchmilch-Behandlungen an.

Drei kleine Gläser Milch werden den Patienten täglich verabreicht, der Liter wird für 210 Rubel (6 Euro) verkauft. 250 Liter lässt Larissa Denkewitsch in flüssigem Stickstoff einfrieren, um auch im Herbst und Winter etwas vorrätig zu haben.

Im Internet:
• Alexander Minajews Webseite über die Elchfarm Sumarokowo (RUS, E)

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Obwohl die Heilanstalt schon lange auf eine grundlegende Renovierung wartet und immer mehr Kranke den Aufenthalt aus eigener Tasche bezahlen müssen, sind bis in den Herbst alle Zimmer ausgebucht.

Manche Magenkranke kommen inzwischen von weit her extra in das Sanatorium gereist. Andere erfahren erst vor Ort von der wundersamen Kraft der Elchmilch. „Mein Zimmernachbar hat mir erzählt, es sei gut für die Potenz“, schmunzelt Sergej, der seine Magenschmerzen eigentlich nur mit Heilwasser kurieren wollte. „Da hat er übrigens recht gehabt.“

(epd/kp)

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