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Unversöhnlicher Feind Moskaus: Schamil Bassajew (Foto: Archiv)
Unversöhnlicher Feind Moskaus: Schamil Bassajew (Foto: Archiv)
Montag, 10.07.2006

Russland hofft auf Frieden nach Bassajews Tod

André Ballin, Moskau. Im Tschetschenienkonflikt war er jahrelang eine der Hauptfiguren. Nach dem Tod des Terroristenführers Bassajew hoffen Politiker und Experten auf ein Ende des Konflikts in der Kaukasus-Republik.


Schamil Bassajew steht wie kein Zweiter für die Erbarmungslosigkeit des Konflikts. Der Warlord verlor selbst ein Bein, als die russischen Truppen anno 2000 die tschetschenische Hauptstadt Grosny stürmten und er über ein Minenfeld flüchtete. Aber auch er schonte niemanden.

Ob Soldat oder Zivilist, Mann oder Frau, Greis oder Kind, wenn Bassajew es für notwendig hielt, schreckte er vor der Tötung nicht zurück. Der 41 Jahre alte gelernte Landwirt, der in Afghanistan zum Gotteskämpfer gedrillt wurde, war Drahtzieher aller großen Terrorakte, die Russland in den letzten elf Jahren erschütterten.

In Budjonnowsk erzwang Bassajew den Rückzug der russischen Truppen


1995, auf dem Höhepunkt des ersten Tschetschenienkrieges, kaperte er in der südrussischen Stadt Budjonnowsk ein Krankenhaus mit über 1.000 Insassen. Bei einem Sturmversuch der russischen Armee starben über 100 Geiseln. Danach erpresste er sich freies Geleit nach Tschetschenien mit den Geiseln. Kurze Zeit später zogen sich die russischen Truppen ganz aus der Kaukasus-Republik zurück.

Bassajew wurde Premier der quasi unabhängigen Republik Itschkerien. Seinem Präsidenten, dem inzwischen ebenfalls getöteten Aslan Maschadow, ordnete er sich aber nur in den seltensten Fällen unter. So war der Großangriff auf die Nachbarrepublik Dagestan, die sich Bassajew einverleiben wollte, nicht mit Maschadow abgestimmt.

Attacke auf Dagestan provoziert Zweiten Tschetschenienkrieg


Die Attacke provozierte Moskau zum Beginn des Zweiten Tschetschenienkrieges. Putin nutzte den Konflikt auch, um sein persönliches Image aufzupolieren. Der erfolgreiche Feldzug sollte ihn zum Nachfolger von Präsident Jelzin machen. Tatsächlich nahmen die russischen Truppen die tschetschenische Hauptstadt Grosny, doch der Konflikt ging weiter, ja er nahm an Härte noch zu.

Bei Russland-Aktuell
• Inguschetien: Ober-Terrorist Bassajew ist tot (10.07.2006)
• Tschetschenischer Untergrund-Präsident getötet (19.06.2006)
• Kadyrow schwört Bassajew Blutrache (16.06.2006)
• Toter Terrorist soll Autobombe gelegt haben (18.05.2006)
• Gefechte in Dagestan: Beslan-2 verhindert? (17.05.2006)
2002 trugen die Terroristen die Auseinandersetzung nach Moskau. In dem Musical-Theater Nord-Ost nahm eine Gruppe fundamentalistischer Extremisten über 700 Geiseln. Sie forderten den Rückzug aus Tschetschenien für die Freilassung. Stattdessen wurde gestürmt – und wieder starben über 100 Zivilisten.

Bassajew war der Kopf hinter dem Geiseldrama von Beslan


Die Verantwortung für das Blutbad übernahm Bassajew und er drohte mit weiteren Blutakten. Dass dies keine leere Drohung war, wurde spätestens 2004 klar, als sich Terroristen in der nordossetischen Kleinstadt Beslan in einer Schule verschanzten. Drei Tage hielten die Kidnapper über 1.000 Geiseln – die Mehrzahl davon Kinder – in ihrer Gewalt. Am Ende starben über 300 Menschen.

Gefasst wurde lediglich einer der Täter, doch der Organisator Schamil Bassajew blieb scheinbar unangreifbar trotz eines Kopfgeldes von zehn Millionen Dollar, die die Behörden für seine Ergreifung ausgesetzt hatten.

Chef-Koordinator im Terrorkampf


Der einbeinige Chef-Terrorist koordinierte nach wie vor die blutigen Anschläge im Kaukasus und hielt die Verbindung zum Ausland – wo die Finanzierung und die Waffen für den Kampf herkamen – aufrecht. Nach dem Tod der Feldkommandeure Radujew, Gelajew und Chatab sowie der Liquidierung der beiden Ex-Präsidenten Itschkeriens Jandarbijew und Maschadow war er der konkurrenzlose Führer der tschetschenischen Separatisten geworden.

Die jetzige Liquidierung sieht Moskau daher zu Recht als großen Erfolg an. Alexander Rahr, langjähriger Russland-Experte, hält ein Auseinanderbrechen der Separatistenfront in Tschetschenien nun für möglich. Viele Feldkommandeure würden möglicherweise zu Kadyrow, dem jetzigen Premier der moskautreuen Regierung Tschetscheniens überlaufen, mutmaßte er in einem Fernsehinterview.

Kadyrow: Moskauer Statthalter und starker Mann in Grosny


Kadyrow ist tatsächlich der neue starke Mann in der Republik. Offiziell spielt er zwar nur die zweite Geige hinter Präsident Alchanow, doch sein Clan hat Tschetschenien unter voller Kontrolle. Außerdem hat er schon in den vergangenen Jahren immer mehr ehemalige Untergrundkämpfer für seine eigene Leibgarde abgeworben.

Im Kampf gegen den Terrorismus ist er nicht zimperlich. Menschenrechtler werfen Kadyrow zahlreiche Verbrechen vor – von Entführung bis hin zu Mord. Doch der junge Premier kann noch auf die Rückendeckung in Moskau zählen.

Nach der Sprengung Bassajews äußerte er bereits seine Zufriedenheit über die Geheimdienstaktion, bedauerte lediglich nicht selbst an der Liquidierung des Chef-Teroristen beteiligt gewesen zu sein. Immerhin hatte er Bassajew Blutrache geschworen, weil dieser seinen Vater Achmed Kadyrow, den ersten offiziellen Präsidenten Tschetscheniens, 2004 in die Luft sprengte.

Kadyrow glaubt an baldiges Ende, Putin warnt vor weiterem Terror


Dem einzigen noch verbliebenden bekannten Terroristenführer Doku Umarow sagte Kadyrow ebenfalls einen baldigen Tod voraus. „Danach wird es nur noch ausländische Söldner geben, Abtrünnige verschiedener Völker, die Bassajew beherbergte“, glaubt Kadyrow.

Ganz so optimistisch ist Präsident Putin nicht. Zwar bezeichnete auch er die Liquidierung Bassajews als großen Erfolg und kündigte eine Auszeichnung aller Beteiligten an. Gleichzeitig warnte er jedoch davor, die Terrorgefahr zu unterschätzen. Der Staat dürfe nicht nachlassen in seiner Aufmerksamkeit, mahnte er.

Dennoch scheint der Kaukasus nach dem Tod des unversöhnlichen Bassajew dem Frieden einen Schritt näher gekommen zu sein. Freilich ist es noch ein langer Weg, da es auf beiden Seiten zu viele Opfer und Ungerechtigkeiten gegeben hat.

(-ab/.rufo)


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