Orthodoxer Priester bei einem Feldgottesdienst (Foto: www.newsru.com)
Dienstag, 21.02.2006
Militärpriester für die Moral in Russlands Armee
Moskau. Kaum ein Tag vergeht derzeit in Russland ohne neue Meldungen über die brutale Gewalt in den Streitkräften. Wehrpflichtige fürchten die Rekrutenschinderei inzwischen mehr als einen Einsatz im Kaukasus.
Der Fall des Gefreiten Andrej Sytschow, der von Dienstälteren so schwer misshandelt wurde, dass ihm beide Beine und die Genitalien amputiert werden mussten, hat auch die politische Elite des Landes aufgeschreckt.
Priester mit Schulterklappen und staatlichem Sold
Die orthodoxe Kirche hat nun einen Ausweg aus dem Dilemma der Armee vorgeschlagen: die Einführung von Militärgeistlichen. Ein Gesetzentwurf auf Initiative der Militärstaatsanwaltschaft sieht vor, die Militärpfarrer mit Offiziersrang zu versehen, sie dem Verteidigungsministerium zu unterstellen und ihnen ein staatliches Gehalt zu zahlen.
In den Einheiten, in denen ein Priester Dienst tue, gebe es weniger Selbstmorde und gewalttätige Übergriffe, versichert das Moskauer Patriarchat. Der im Verteidigungsministerium für Erziehungsfragen verantwortliche Konteradmiral Juri Nuschdin erhofft sich von den Geistlichen zudem, die „patriotische Gesinnung“ bei Soldaten und Offizieren zu starken.
Etwa 2.000 orthodoxe Geistliche betreuen schon heute russische Armeeeinrichtungen – oft ohne jegliches Entgelt. Der Bischof von Kamtschatka ging sogar bereits mit einem U-Boot auf Tauchfahrt. Allerdings befinden sich alle Militärgeistlichen zurzeit in einem rechtlichen Vakuum. Ihr Einsatz basiert meist auf persönlichen Absprachen mit dem jeweiligen Befehlshaber einer Einheit. Die geltende russische Gesetzgebung erlaubt Militärangehörigen lediglich als Privatleuten, eine Religion auszuüben.
Engpässe in den Priesterseminaren
Skeptiker bezweifeln zudem die optimistischen Statistiken der Kirche. „Priester mit Schulterklappen werden die Tendenz kaum andern können“, kommentierte die Moskauer Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ die Hoffnungen, Geistliche wurden Quälereien an Rekruten verhindern. Die Militärseelsorger wären überfordert, „die Arbeit der Militärpolizei, des Polit-Instrukteurs und eines Armeepsychologen zu übernehmen“, furchtet auch der Duma-Abgeordnete Stepan Medwedko.
Mindestens 3.500 zusätzliche Militärpfarrer seien notwendig, um alle Einheiten zu versorgen, schatzt der Priester Dmitrij Smirnow, der im Moskauer Patriarchat das Referat für Beziehungen zu den Streitkräften leitet. Damit durften die Möglichkeiten der Kirche bereits mehr als ausgeschöpft sein. Denn derzeit bilden die orthodoxen Priesterseminare nicht einmal genügend Geistliche aus, um alle Positionen in den Gemeinden zu besetzen.
Zudem furchten die Vertreter der anderen in Russland vertretenen Konfessionen, die orthodoxe Kirche strebe ein Monopol in der Militärseelsorge an. „Die Armee sollte sich von Politik und religiösem Konkurrenzdenken fernhalten und sich ausschließlich um die Verteidigung der Heimat kümmern“, warnte Nafigulla Aschirow vom russischen Muftirat in einem Zeitungsinterview.
Zwar bietet die russisch-orthodoxe Kirche auch den Gläubigen aller anderen Religionen und Konfessionen an, sich das geistige Wohl ihrer Anhänger zu sorgen. Wie dies in der Praxis aussehen soll, blieb jedoch bislang offen.
(kp/epd)
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... und in der Ferne glänzen die goldenen Kreml-Kuppeln vor dem Winterpanorama der Stadt Moskau. Das historische Moskau, das "Goldköpfige" genannt, hatte 40x40 goldene Kirchenkuppeln. ( Topfoto: mig/.rufo)