Terroristen am Steuerknüppel russischer Militärmaschinen? Das Szenario lehrt das Fürchten. (foto: tv/rufo)
Freitag, 28.10.2005
Naltschik: Plante Bassajew Attacken per Flugzeug?
St. Petersburg. US-Terrorismusexperten behaupten, dass der eigentliche Plan bei dem Terror-Angriff auf Naltschik darin bestand, Flugzeuge zu kapern und damit in Russland einen „11. September“ zu inszenieren.
Die amerikanische Analytik-Agentur Stratfor („Strategic Forecasting") veröffentlichte einen Bericht, demzufolge Mitte Oktober in der Kabardino-balkarischen Hauptstadt Naltschik ein Terroranschlag weitaus größerem Ausmaßes verhindert wurde: Die Kämpfer unter dem Oberbefehl Schamil Bassajews, die in der Stadt ein gutes Dutzend staatlicher Institutionen angriffen, hätten ursprünglich vorgehabt, auf dem Flugplatz von Naltschik ein oder mehrere Flugzeuge in ihre Gewalt zu bringen.
Diese hätten dann nach dem Vorbild der Al-Kaida-Terroristen vom 11. September 2001 auf strategisch wichtige Objekte in Russland gelenkt werden sollen.
Fliegeralarm für den Kreml
Als potentielle Ziele werden der Militärstab und Eisenbahnknotenpunkt in Rostow-am-Don, das die Wolga aufstauende Wasserkraftwerk in Wolgograd, das Atomkraftwerk Balakowo bei Saratow und auch das 1400 Kilometer entfernte Moskau mit seinen Machtzentren im Kreml und im Weißen Haus genannt.
Der Plan sei aber gescheitert, weil die russischen Sicherheitsorgane davon Wind bekamen, ein Waffenversteck fanden und den Flughafen unter verstärkte Bewachung stellten.
Der Großangriff auf diverse Polizeiposten und Militäreinrichtungen in Naltschik sei dann so etwas wie ein vorgezogener Ersatzplan der Terroristen gewesen. Eigentlich hätte der Aufruhr und die Geiselnahmen in der Stadt nur von der Kaperung des Flughafens ablenken sollen.
US-Bericht wiederholt russische Zeitungs-Story
Die amerikanischen Sicherheitsexperten berufen sich dabei auf Informanten aus russischen Geheimdienstkreisen. Gänzlich neu ist diese Version allerdings nicht. Schon am 13. Oktober, dem Tag des Angriffs auf Naltschik, verbreiteten russische Medien unter Bezug auf ein tschetschenisches Internet-Organ eine ähnliche Darstellung der Ereignisse.
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Demnach wollten Bassajews Kämpfer in Naltschik zumindest eine der dort stationierten militärische Frachtmaschinen kapern, die dann mit einem großen Sprengsatz an Bord auf ein strategisches Ziel gelenkt werden sollte. Dabei hätten die Terroristen darauf gehofft, dass das so hinters Licht geführte Freund-Feind-Erkennungssystem es der russischen Luftwaffe zumindest schwerer machen würde, die fliegende Bombe vorzeitig abzuschießen, schreibt die „Iswestija“.
Flughafen-Sicherheitschef unter einer Decke mit Terroristen
Als Hauptindiz für die Flugzeugtheorie gilt die Verhaftung des Vize-Sicherheitschefs des Naltschiker Flughafens einige Tage vor der Attacke. Er hatte dem wahhabitischen Untergrund einen Lageplan des Geländes zugespielt – und hätte möglicherweise den Flugzeug-Entführern Zugang zum Airport verschaffen können. Vier Tage vor dem Überfall auf Naltschik fanden die Ordnungshüter auch ein Versteck mit 500 Kilogramm Sprengstoff.
Unmittelbar darauf zogen Schützenpanzer des Militärs zur Bewachung des Flughafens auf – die dann am Tag des Angriffs die Kämpfer nicht auf das Areal vordringen ließen.
Der tschetschenische Terror-Warlord Schamil Bassajew gestand in einem im Internet verbreiteten Kommunique ein, dass der Angriff auf Naltschik wegen eines Informationslecks auf bedeutend höheren Widerstand der vorgewarnten Behörden getroffen sei. Auch sei der Flughafen in der Tat das erste Ziel gewesen.
Aber darüber, dass er mit gekaperten Flugzeugen als Terror-Lenkwaffen in die Fußstapfen von Osama Bin Laden treten wollte, schwieg sich der sonst zu überaus großmäuligen Erklärungen neigende Terroristen-Chef allerdings aus.
Ermittler: Keine Hinweise auf Flugzeugentführung
Die russische Staatsanwaltschaft erklärte, dass sie bislang keine konkreten Informationen über eine dort geplante Flugzeugentführung zum Zweck eines Terror-Luftangriffs besitze. Auch die Verhöre der Kämpfer, die in Naltschik verhaftet wurden, hätten keine derartigen Hinweise gegeben. Man werde diesen Informationen aber nachgehen, versprachen die Ermittler.
Betrachtet man den kaukasischen Terror-Untergrund mit nüchternen Augen, scheint die Geschichte vom verhinderten „11. September“ doch eher ins Reich der Legende zu gehören. Möglicherweise wurde sie auch nur vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB gestreut, um die insgesamt bescheidene Erfolgsbilanz in der Terrorabwehr zu schönen.
Kaukasischer Terrorismus: Billig und brutal
Bassajews Mannen haben sich mit ihren sprengstoffgefüllten Autos, Minen und Rucksackbomben jedenfalls noch nie als High-Tech-Terroristen geoutet: Bei ihren blutigen Anschlägen von Moskau über Beslan nach Dagestan setzten sie vor allem auf zum Sterben bereite Fanatiker, die kaum mehr als eine Kalaschnikow bedienen können mussten.
Zur weitgehend unbemerkten Kaperung eines Militärflugzeuges am Boden bräuchte es jedoch eine Sturmtruppe von geradezu James-Bond-hafter Behändigkeit. Und für gezielte Attacken aus der Luft noch dazu Kamikaze-bereite ehemalige Militärpiloten in den Reihen der Radikalislamisten.
Bislang ist nur ein solcher Offzier bekannt, der aus der Sowjet-Luftwaffe zu den tschetschenischen Separatisten überlief – und dort wie ein Held verehrt wurde. Dies jedoch nicht wegen fliegerischer Leistungen: Luftwaffen-General Dschochar Dudajew wurde 1991 zum ersten Präsidenten der Rebellen-Republik gewählt.
(ld/rufo)
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Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)