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Mittwoch, 15.03.2006
Milosevic kommt nicht zu Stalin an die Kremlmauer
Moskau. Milosevic wird also nicht an der Kreml-Mauer beigesetzt. Und auch sonst nirgendwo in Russland zwischengelagert. Aber sein Tod wird gnadenlos ausgeschlachtet. Die Duma will das Kriegsverbrechertribunal schließen lassen.
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Russland wäre bereit gewesen, dem toten Slobodan Milosevic einen Flüchtlingsstatus einzuräumen, den bereits sein Sohn Marko und seine Ehefrau Mirka genießen. Das wäre – jenseits aller juristischen Fragen - eine Geste des politischen Anstandes gewesen.
Dem ehemaligen Bündnispartner eine letzte Zuflucht zu gewähren, hätte auch Moskaus Rolle als Schutzmacht der Balkan-Slawen bekräftigt. Und das müsste Moskau nicht davon abhalten, mit den neuen Machthabern normale zwischenstaatliche Beziehungen zu pflegen.
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Politisch unanständig und dumm wirkt hingegen, dass heute die russische Duma den Tod des bisher letzten Angeklagten nutzt, um die Schließung des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag zu fordern.
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Wem nützt eigentlich der Tod Milosevic’?
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Es wirft die Frage neu auf: wem nützt der Tod Milosevic’? Hat Milosevic freiwillig und aus eigenem Antrieb die falschen Medikamente eingenommen, seine Krankheit bewusst selbst verschärft und damit seinen Tod riskiert, weil er sich dem schändlichen Urteil des Kriegsverbrechertribunals entziehen wollte – durch medizinische Behandlung in Moskau oder durch Tod?
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Wer hat Milosevic das tödliche Antibiotikum verschafft?
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Wer hat eigentlich dem Gefangenen Milosevic das Antibiotikum verschafft, dessen Spuren bei ihm gefunden wurden? Oder haben ihm Gefängnisärzte gegen seinen Willen das Mittel verabreicht, das eigentlich zur Behandlung von Lepra und Tuberkulose gedacht ist (wie Milosevic selbst in seinem letzten Brief kurz vor seinem Tod schrieb)?
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Jedenfalls haben wohl die Richter in Den Haag, die Milosevic nicht zur vorübergehenden Behandlung nach Moskau entlassen wollten, dessen Tod riskiert und damit auch das vorzeitige Ende des Tribunals selbst eingeleitet. Besonders glaubwürdig war dessen politische Auftragsarbeit sowieso nicht, da die Schandtaten einiger Nato-Verbündeten auf dem Balkan ausgeklammert blieben.
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Wer hat Angst vor dem Tribunal?
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Ebenso unglaubwürdig und vor allem völlig überflüssig ist allerdings auch die Forderung der russischen Duma, das Tribunal so schnell wie irgend möglich aufzulösen. Es wirkt, als hätte in Moskau irgendjemand Angst, irgendwann selbst vor ein solches Tribunal gestellt zu werden.
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Zu Lebzeiten Boris Jelzins dürfte es aber eh keine Gelegenheit zu einem Tschetschenien-Tribunal geben.
Der Wahrheitsfindung würde auch das allerdings sowieso nicht dienen. Und mit der eindeutigen Schuldzuweisung gäbe es im Kaukasus mindestens ebenso viele Probleme wie auf dem Balkan.
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Gisbert Mrozek (gim/.rufo)
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