Intensive Diskussionen in der Zukunftswerkstatt des Petersburger Dialogs. Gastgeber: die Agentur Rosbalt (Foto: .rufo)
Freitag, 25.11.2005
Paris brennt – Petersburger Dialog diskutiert
Oldag Caspar, Petersburg/Moskau. Brennendes Paris. Schrumpfende Städte, aussterbende Dörfer in Deutschland und Russland – kann Zuwanderung die Lösung sein? Die Zukunftswerkstatt des Petersburger Dialogs diskutierte.
In Russland leben Jahr für Jahr eine Million Menschen weniger. Nach einer Schätzung von UNO-Experten könnte das Land bis Ende diesen Jahrhunderts nur noch die Hälfte seiner jetzt 145 Millionen Einwohner zählen. Schrumpfende Städte und aussterbende Dörfer sind dabei auch im östlichen Teil Deutschlands kein unbekanntes Phänomen.
Zukunftswerkstatt des Petersburger Dialogs
Die Zukunftswerkstatt ist ein Projekt unter dem Dach des von Exkanzler Gerhard Schröder und Präsident Wladimir Putin bereits 2001 initiierten Petersburger Dialogs. Hier tauschen sich halbjährlich junge Politiker und politiknahe Experten, darunter die deutsche Ex-Ministerin Claudia Nolte und der putinkritische Politologe Michail Deljagin, darüber aus, wie die russisch-deutschen Beziehungen weiterentwickelt werden können.
Für Gesamtdeutschland gehen Forscher von einem einsetzenden starken Bevölkerungsrückgang in bereits 15 Jahren aus. Die Folgen sind bekannt: kleinere Armeen, weniger oder gar negatives Wirtschaftswachstum und Schulen und Krankenhäuser, die geschlossen werden müssen.
Gemeinsame Probleme fordern gemeinsame Lösungen
Die gemeinsamen Problemlagen fordern gemeinsame Lösungen - so lautete darum die Botschaft, die von der „Zukunftswerkstatt“ am vergangenen Wochenende in St. Petersburg ausging. Drei Dutzend junger Experten diskutierten.
Nach zwei Tagen schälte sich eine zweigleisige Strategie im Umgang mit dem demographischen Wandel heraus. Zum einen müssten die Folgen des Bevölkerungsrückgangs abgefedert werden, zum anderen müsse man mit gezielter Politik den Rückgang selbst verlangsamen.
Gelenkte Einwanderung und beschleunigte Integration
Die jungen Experten der Zukunftswerkstatt schlagen zum Beispiel vor, eine gelenkte Einwanderung nach klar festgelegten Kriterien zu ermöglichen. Damit es jedoch nicht irgendwann in Moskau oder Köln zu Szenen wie jetzt in den Vorstädten von Paris kommt, müsse eine neue Einwanderungspolitik durch eine neue Integrationspolitik begleitet werden.
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Integration oder Ausweisung
Immigranten, so die mit Nachdruck vorgetragene Forderung, müssten wichtige Werte und Normen der jeweiligen Gesellschaft übernehmen. Andernfalls müsse man sie wieder ausweisen können. Wenn es nach dem Großteil der jungen Zukunftsexperten ginge, hat damit das kulturelle Nebeneinander britischer oder US-amerikanischer Prägung zumindest in Russland und Deutschland keine Zukunft.
Weiter müsse die in beiden Ländern extrem niedrige Geburtenrate wieder erhöht werden. Das bedeute vor allem, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Der konservative Flügel der Zukunftswerkstatt empfahl Kampagnen zur Förderung der Familienwerte und der „kulturellen Identität“.
In Russland, wo es schon jetzt offiziell 318.000 HIV-Infizierte gibt (die WHO schätzt die Zahl auf eine Million) und wo die Zahl der Verkehrstoten um ein Vielfaches höher ist als in Deutschland, müsse zudem endlich die hohe Sterblichkeitsrate von der Politik bekämpft werden. Das Gesundheitssystem in seinem Land sei heute eines der schlechtesten auf der Welt, gab ein russischer Teilnehmer zu bedenken.
Das Schöne am Bevölkerungsschwund: mehr Natur und mehr Reichtum pro Kopf
Ausgespart wurde die Diskussion über die positiven Erscheinungen des Bevölkerungsrückgangs. So gehen die meisten Ökonomen davon aus, dass der Menschenschwund mehr Wohlstand und Lebensqualität bringe. Diese Einsicht gilt ganz besonders für Deutschland.
Das vorhandene Kapital würde sich in Zukunft nämlich auf weniger Köpfe verteilen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch besser ausgebildet seien, berichtete die Wochenzeitung Die Zeit im Oktober 2004. Obendrein würde der Flächenverbrauch abnehmen und in den Nationalparks tummelten sich weniger Besucher. Staus auf den Straßen würden zur Seltenheit. Der Erholungswert eines ganzen Landes steige.
Demographie-Experten sollten Berlin und Moskau beraten
Demographie ist ein komplexes Thema. Nicht ganz umsonst schlug deshalb eine Gruppe von Teilnehmern der Zukunftswerkstatt vor, ein interdisziplinäres und international besetztes Wissenschaftler-Netzwerk ins Leben zu rufen. Nach dem Vorbild des hoch angesehenen Beratergremiums zum Kyoto-Protokoll IPCC sollen dann diese Demographieexperten die Regierungen in Russland und Deutschland beraten. Dann wäre es auch leichter, gemeinsame Politiken als Antwort auf die enormen Herausforderungen zu entwickeln.
Oldag Caspar
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