Ramsan Kadyrow hat Tschetschenien Souveränität gebracht - zumindest für sich selbst (foto: ld/.rufo)
Montag, 19.05.2008
Separatisten loben Kadyrow als Sicherheitsfaktor
London. Unerwartete Töne von Seiten der tschetschenischen Separatisten: Ihr in London lebender "Außenminister" Achmed Sakajew lobt den Republik-Präsidenten Ramsan Kadyrow und deutet eine Aussöhnung an.
„Dank Kadyrow und der tschetschenischen Miliz gibt es heute keine harten Säuberungen durch die russischen Truppen mehr, bei denen sonst immer Dutzende Menschen verschwanden“, sagte Sakajew. Im Vergleich zu den Jahren 2001-2003 habe sich die Situation in Tschetschenien „kardinal gewandelt“.
Laut Sakajew bereiten die Separatisten gegenwärtig „einige wichtige Dokumente“ vor, die dazu dienen sollen, dass es in Zukunft nicht mehr zu Zusammenstößen zwischen tschetschenischen Partisanen und tschetschenischen Polizisten komme. Seine Seite bemühe sich aus allen Kräften darum, eine „Tschetschenisierung“ des Konflikts zu verhindern.
Rebellen spüren "mehr Freiheit"
Sakajews Wohlwollen gegenüber der von Kadyrow in Tschetschenien vertretenen Staatsmacht bezieht sich aber nicht auf die „russischen Besatzungsstreitkräfte“. Ganz im Gegenteil gebe die von Kadyrows Leuten ausgeübte Schutzfunktion für die Bevölkerung seinen Kämpfern mehr Freiraum, so Sakajew:
„Wenn sie sich früher darüber Gedanken machen mussten, ob sie eine Kolonne oder ein bewegtes Ziel nahe einer Siedlung angreifen können, weil nach diesem Angriff dieses Dorf einer außerordentlich harten Säuberung unterzogen würde, so können sie heute ihre Schläge ausführen, wo sie wollen – und sich dabei sicher sein, dass danach dem Dorf nichts geschieht, weil es die sogenannte Kadyrow-Miliz gibt“, sagte Sakajew.
Statt dem Kreml herrscht nun Kadyrow in Grosny
In der Vergangenheit wurde Kadyrows starke Präsidenten-Leibgarde immer wieder für schwere Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien verantwortlich gemacht. Ramsan Kadyrow hat beim Aufbau seiner Einheiten jedoch auch viele ehemalige Widerstandskämpfer auf seine Seite geholt.
Der „Prozess der Dekolonisierung“ Tschetscheniens sei bereits abgeschlossen, so Sakajew, auch wenn die Republik weder de-jure noch de-facto unabhängig sei. Russlands neuer Präsident Dmitri Medwedew habe nun die Chance, die Beziehungen zwischen Tschetschenien und Russland „von einer Rechtsposition aus aufzubauen“.
Der Kreml geht allerdings bisher davon aus, dass dies schon geschehen ist: Tschetschenien nach russischer Sichtweise eine verfassungsgemäße Teilrepublik der Föderation wie viele andere auch, der nur begrenzte, aber konkret bestimmte Kompetenzen zustehen.
Laut Andrej Babizki, Tschetschenien-Experte bei „Radio Swoboda“, errichtet Kadyrow in Tschetschenien gegenwärtig ein „geschlossenes, von außen nicht steuerbares politisches System, das gegen russische Einflussnahme immun ist“, dabei aber unter der Flagge der formellen Loyalität gegenüber dem Zentralstaat segele. „Faktisch ist die Unabhängigkeit des Kadyrow-Tschetscheniens sehr hoch und kommt bereits dem Grad der Unabhängigkeit von Itschkerien nahe“, so Babizki.
„Itschkerija“ war während der Quasi-Unabhängigkeit zwischen den beiden Tschetschenienkriegen der von den Rebellenführern in Grosny gewählte Staatsname.
Sakajews Aussagen sind einerseits eine gewisse poltische Provokation, so der Experte. Andererseits lassen sie auch die tiefe Verbundenheit spüren, die zwischen den tschetschenischen „Revolutionspolitikern der Dudajew-Ära“ bis heute bestehe – egal in welchen Lagern sie heute formell stehen. Sowohl Sakajew wie auch Kadyrow hätten sich damals für ein selbstständiges Tschetschenien stark gemacht – und auf gewisse Weise ihr Ziel erreicht, erklärt Babizki.
Es wird weiter gekämpft - unter dem Banner des Islam
Ein Ende des Terrors, der Gewalt und der Gegengewalt ist in Tschetschenien wegen Sakajews Versöhnungs-Offensive aber auch noch nicht abzusehen. Schließlich steht der in London logierende Beresowski-Vertraute Sakajew nicht mehr allein für den Widerstand seitens der tschetschenischen Separatisten.
Im Herbst war es zu einem Bruch in der itschkerischen Untergrund-Regierung gekommen, als deren Oberhaupt Doku Umarew ein „kaukasisches Emirat“ ausrief und unter dem Banner eines radikalen Islams den Kampf gegen Russland von der Frage der tschetschenischen Unabhängigkeit abkoppelte.
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