Von Gisbert Mrozek, Moskau.
Es steht schlecht um das Leben der Geiseln in Moskau - insbesondere
nachdem am Freitagnachmittag die Tschetschenen ihren Geiseln damit
drohten, ab Samstagfrüh mit der Erschiessung zu beginnen. Woraufhin
FSB-Chef Nikolai Patruschew anbot, den Tschetschenen ihr Leben zu
garantieren, wenn sie die Geiseln leben liessen. Einiges deutet darauf
hin, dass es zu einem blutigen Finale des Dramas kommen wird - nicht
heute und nicht morgen, aber in ein paar Tagen.
Der Krisenstab dementiert, dass es am Freitag Versuch gegeben habe,
mit Aslan Maschadow direkten Kontakt aufzunehmen - obwohl das
eigentlich logisch gewesen wäre. Behaupten doch die Geiselnehmer, sie
hätten den Aktionsbefehl von Maschadow und Schamil Bassajew bekommen.
Da wäre es sicher richtig, gleich direkt mit den Auftraggebern zu
verhandeln. Indess - das ist genau dass, was der Kreml seit Jahren
hartnäckig ablehnt: direkte Verhandlungen mit Maschadow sind
unmöglich, obwohl Eingeweihte genau wissen, dass es sie ständig gab -
aber eben nicht offiziell und nicht direkt. Und da ist es wenig
wahrscheinlich, dass Putin ein neues Gesprächsangebot akzeptiert, das
ihm in Form einer Geiselnahme gemacht wird.
Seine Handlungsmöglichkeiten sind beschränkt. Auf keinen Fall kann er
den Forderungen nachgeben und sein Militär aus Tschetschenien
abziehen. Schon alleine deswegen, weil es mittlerweile zahlreiche
Tschetschenen gibt, denen es ohne diese Schutztruppe um Kopf und
Kragen gehen würde.
Die Freilassung von 8 Kinder ist das Ergebnis eines Arztbesuches heute
nacht, als Doktor Leonid Roschal und ein jordanischer Arzt Medikamente
brachten, Geiseln untersuchten und die Handverletzung eines
Tschetschenen verarzteten. Roschal, der in ständigen Kontakt mit dem
Tschetschenenanführer Barajew blieb, sagte am Freitagvormittag,
Barajew habe sich zum Schlafen gelegt, aber versprochen, anschliessend
anzurufen und weitere Kinder freizulassen.
Das gäbe dem Hauptmann der Geiselnehmer tatsächlich Gelegenheit, sich
nochmals als herzensguter Mensch zu zeigen. Anschliessend dürfte er
dann dasselbe Spiel mit den 75 Ausländern wiederholen, die bis jetzt
noch in seiner Gewalt sind. Eins nach dem anderen. Und danach dürftem
dann die russischen Behörden in ein paar Tagen ihrerseits unfreiwillig
Gelegenheit haben zu beweisen, wieviel ihnen das Leben ihrer eigenen
Bürger wert ist. Und wozu sie fähig sind.
Putin hat betont, dass es keine Aktionen geben darf, die das Leben der
Geiseln aufs Spiel setzt. Aber seine Handlungsmöglichkeiten sind
beschränkt. Er kann es sich bei Strafe des eigenen Unterganges nicht
leisten, die Rolle zu übernehmen, die sein Vorgänger Jelzin oder
Premierminster Tschernomyrdin 1995 und 1996 bei den zwei ersten
Massengeiselnahmen von Budjonnowsk und Kislar spielten. Damals setzten
sich die Tschetschenen durch. Diesmal wohl kaum.
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