Moskau. Und die Geschichte wiederholt sich doch. Die Jahrhundertflut passend zur Bundestagswahl. Oder die Kalte Schulter des Kreml-Herrn für einen Oppositionsführer. Früher Jelzin - Schröder. Heute Putin - Schäuble.
Er ist zwar nicht der Kanzlerkandidat, aber immerhin die außenpolitische Spitze des Kompetenzteams der Kandidatin.
Sonderlich viel aussenpolitisches Kapital konnte dieses bisher noch nicht in Sicht bringen. 45 Minuten Schäuble bei Bush machten den Kohl nicht fett. Und der Schäuble-Besuch in Moskau bringt noch weniger: Putin hat am Mittwoch wohl gar keine Zeit für ihn. Ersatzweise wird Wolfgang Schäuble gegenüber Putins Kanzleichef Medwedjew (immerhin Gazprom-Aufsichtsratsvorsitzender) und Aussenminister Lawrow die „Einheit von Kritik und Freundschaft“ demonstrieren können.
Dass Putin keine Zeit für Schäuble hat, lässt sich nur schwerlich in dem Sinne in Wahlkampfmunition ummünzen, dass Putin der Schärfe der Unions-Kritik ausweicht. Als Interpretations-Muster steht auch noch zur Verfügung, dass Putin gegenüber Schäuble einfach nur wiederholt, wie Jelzin auf Betreiben Kohls beim Bonn-Besuch 1998 Schröder brüskierte. Und wie Jelzin seinerzeit beim Staatsempfang zur Wiedervereinigung in Berlin Schröder abrupt stehen liess, kaum das Kohl im Saal auftauchte.
1998 nützte Jelzins Männer-Freundschaftsdienst Kohl kaum. Diesmal dürfte Putins Freundschaftsdienst Schröder eher nützen als schaden.
Zwar bemühte sich gerade wieder Ex-Premier Michail Kassjanow in London, Putin als Anti-Demokraten anzuschwärzen und sich selbst im Lichte dieser Kritik vorbeugend fürs quasi-politische Asyl aufzuwerten. Und die Gesellschaft für bedrohte Völker erinnert den Friedensnobelpreiskandidaten Schröder daran, dass dessen Freund Putin den Völkermord in Tschetschenien betreibe. Aber als Wahlkampfmunition passt auch dies nicht besonders gut.
Erstens ist ja nicht vergessen, dass dieselbe Gesellschaft für bedrohte Völker seinerzeit den CDU-Kanzler Kohl dafür kritisierte, dass dieser Jelzin, der den Krieg in Tschetschenien begonnen hatte, den deutschen Medienpreis aushändigte (für die Instrumentalisierung der russischen Medien).
Und zweitens müht sich Putin offensichtlich und wohl auch ehrlich, mit politischen Manövern aus dem Tschetschenien-Dilemma raus zu kommen. Dazu gehören auch die für den Herbst angesetzten Parlamentswahlen in Tschetschenien. Man kann sie nach allen Regeln der Kunst als manipuliert kritisieren – aber nicht bestreiten, dass es sich um politische Mittel, statt um militärische handelt.
Schröders wichtigste Wahlhelfer sitzen sowieso nicht im Kreml.
Es waren die Elbe, die über die Ufer trat und George Bush, der Saddam bombardierte, die 2002 völlig unerwartet die rot-grüne Koalition retteten.
Und heuer scheint sich das schier Unglaubliche zu wiederholen. Wieder ist George Bush eifrig dabei, mit Konfrontations-Kurs im Iran der Deutschen Friedensliebe zu mobilisieren. So sehr, dass auch Angela Merkel sich ausnahmsweise schnell und deutlich von Bush distanzierte.
Und anstelle der Elbe in Sachsen schwemmt eben diesmal der deutsche Urstrom Donau in Bayern Stoibers Felle davon und macht deutlich, dass Umweltschutz keine Frage der deutschen Romantik ist.
Das wohl noch schwerwiegender als eine Audienz Schäubles bei Putins Kanzleichef.
Gisbert Mrozek (gim/.rufo)
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