Moskau. Eine Kopfgeburt, bei der die Form der Fiktion folgt, so bezeichnet Janina Urussowa die Neugestaltung Moskaus in den Jahren zwischen 1917 - 1941 in ihrem Buch „Das neue Moskau – Die Stadt der Sowjets im Film“.
Es ist ein mediales und virtuelles Feuerwerk auf Zeichentischen, in Ausstellungen oder Leinwandinszenierungen, denen kaum entsprechende Siedlungs-, Lebens- und Baurealitäten gegenüber standen. Das Buch von Janina Urussowa ist der erste Versuch, das im westlichen Großstadtdiskurs beheimatete Thema „Großstadt im Film“ anhand des sowjetischen Filmmaterials zu beleuchten.
Konstruktion einer neuen Realität
Buchinformationen
Website: http://www.dasneuemoskau.de Urussowa, Janina Das neue Moskau. Die Stadt der Sowjets im Film 1917-1941 2004, 450 S. 425 schw.-w. Abb. 22 x 23, Gb Preis: 39,90/SFr 69,40 3-412-16601-4
Im Jahr 1939 drehte der sowjetische Regisseur Viktor Morgenstern den Dokumentarfilm MOSKAU. Der Film endete mit einer Sportparade vor dem größten Bauwerk der Stalin-Epoche, dem Palast der Sowjets im zukünftigen Moskau. Dass dieser dokumentarische Bericht auf Straßen aufgenommen wurde, die nur als Kulissen vorhanden waren, schien die Zeitgenossen damals nicht zu stören.
Das Beispiel zeigt, wie in den Jahren nach der Oktoberrevolution 1917 Visionen einer sozialistischen Großstadt - verkörpert im Neuen Moskau - entworfen wurden. Bei der Umgestaltung der realen Stadt kamen Architektur und Film zu Hilfe. Als mediale Inszenierung entstand eine "terra socialistica": eine Idealstadt der Zukunft. Eine Stadt, die nie gebaut wurde und deren Existenz dennoch nicht zu bezweifeln ist.
Und noch eine Vision: Alles nur Kulissen. Im Hintergrund ragt der geplante, aber nie erbaute Palast der Räte in die \\
Welche Handlungen wurden an der realen Stadt vorgenommen, um ein ideales Bild der sozialistischen Stadt herzustellen? Wie wurde das reale Problem zum ideologischen Zeichen? Wie kam es dazu, dass dieses ein Eigenleben führen und auf die Realität einwirken konnte? In der souverän geschriebenen Untersuchung geht es darum, wie die Zukunft in Gestalt einer sozialistischen Stadt auf der Kinoleinwand konstruiert wurde. Welche sozialen, wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen dahinter standen, welche kulturell bedingten Wunschbilder als Vorlage dienten.
Veranstaltungshinweis
In der kommenden Woche sind die im Buch behandelten Filme in den deutschen Kinos Metropolis in Hamburg und Kino für russische Filme Krokodil in Berlin - mit Einführungen der Autorin zu sehen. Mehr Informationen unter: http://www.metropolis-hamburg.de http://www.kino-krokodil.de
Das reich bebilderte, modern designte Buch ist nicht nur ein Standardwerk für Slawisten und Osteuropahistoriker, Großstadtforscher, Kultur- und Filmwissenschaftler. Es ist eine kluge und gleichzeitig amüsante Lektüre für alle, die die russische Kultur besser verstehen wollen: „Wunderbar beiläufig öffnet Janina Urussowa ihr Buch immer wieder hin zu kulturgeschichtlichen Seitensträngen ihres Untersuchungsfeldes und betreibt damit auch eine Rekonstruktion mentaler Muster von Öffentlichkeit und Kultur in Russland, die anscheinend bereits lange vor der Oktoberrevolution dort anzutreffen und geläufig waren“ (Ralf Eue, Bauwelt).
Jeanpaul Goergen vom Filmblatt nennt „Das neue Moskau“ „eines der schönsten Filmbücher seit langem“. Für Julia Dornhöfer „entsteht aus dem perfekten Zusammenspiel zwischen Bildern und Texten ein Buch, das in keiner Moskau-Bibliothek fehlen sollte“ (Moskauer Deutsche Zeitung). Die Zeitschrift „Bauwelt“ zeichnete es als einer der 42 besten Bücher zur Architektur des Jahres 2004 aus.
(ju/rufo)
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