Ein Aeroflot-Jet in der Luft. Sollte er gekidnappt werden, soll er beim Anflug auf den Kreml abgeschossen werden (Foto: Petrow/.rufo)
Donnerstag, 03.03.2005
Abschuss entführter Ziviljets über Moskau möglich
Moskau. Ab kommenden April sollen von Terroristen entführte Passagierflugzeuge abgeschossen werden, wenn sie Moskau anfliegen. Das teilte der Befehlshaber der russischen Sonderkommandotruppen Juri Solowjow am Donnerstag mit. Bisher sei nur der Abschuss von Kampfflugzeugen erlaubt gewesen, sagte der General. Doch das Gesetz muss noch abgesegnet werden.
Seine für die Luftabwehr in Moskau und Zentralrussland „von Kaliningrad bis zum Ural“ verantwortlichen Kommandotruppen haben schon praktische Maßnahmen eingeleitet, informierte Solowjow im Interview mit gazeta.ru. Jetzt gehe es darum, eine Rechtsgrundlage dafür zu schaffen. Die bisherigen Maßnahmen seien für von Terroristen entführte Passagiermaschinen, „die von weither kommen“, ausreichend gewesen, so Solowjow. Es sei aber etwas anderes, wenn ein Kamikaze-Flugzeug von einem moskaunahen Flugplatz starte. Dann betrage die Anflugzeit bis zum Kreml nur 40 – 50 Sekunden.
Keiner wollte die Verantwortung übernehmen
Eine Gesetzesvorlage wurde im Dezember vorigen Jahres vom Chef des sicherheitspolitischen Ausschusses der Staatsduma Wladimir Wassiljew angeregt. Damals scheiterte sie an der Frage, wer den Abschussbefehl erteilen soll. Bisher musste ein von mutmaßlichen Terroristen gelenktes Flugzeug dem Verteidigungsminister, dem Generalstabschef oder dem Chef der Luftabwehr gemeldet werden. Die letzte Entscheidung lag beim Präsidenten, der sich davor von seinem Geheimdienst beraten ließ. Es war klar, dass dieses Schema beim Nahstart nicht funktionieren konnte. Keiner der Betroffenen wollte jedoch den Abschuss einer Passagiermaschine allein anordnen.
Technische Lösung
Jetzt habe man eine Lösung gefunden, sagte Solowjow. Nach Meinung der Zeitung wird der jeweilige ranghöchste diensthabende Offizier der Luftabwehr bei Eintreffen einer Meldung, die bestätigt, dass sich wirklich Selbstmordattentäter an Bord befinden, ohne jede Abstimmung den Befehl zum Abschuss geben. Kein anderer wäre dazu binnen der dafür verbleibenden 20 – 30 Sekunden in der Lage. Dieser Vorschlag muss noch von der Duma, dem Föderationsrat (Parlamentsoberhaus) und vom Präsidenten bestätigt werden.
Gefährliche Schlamperei
An sich sind Flüge über Moskau generell verboten. Am Süd- und Südwestrand der Hauptstadt werden die Moskauer aber nicht selten vom Brummen schwerer Maschinen geweckt. Vor der Landung in den Flughäfen Wnukowo und Domodedowo sparen sich die Piloten auf dem Umweg über Wohnviertel den umständlichen Anflug und das Wenden. Die Anwohner protestierten meist vergeblich. Nur vor den Wahlen griff der Kreml ein. War das Ereignis vorbei, so setzte die übliche Schlamperei wieder ein. Ein Schießbefehl könnte daher böse Folgen haben.
Hintergrund vermutlich die Siegesfeier
Vermutlich hängt die neue Duma-Initiative mit der Feier zum 60. Jahrestag des Sowjetsieges über Hitlerdeutschland am kommenden 9. Mai zusammen. Ein Kamikaze-Angriff auf Moskau in Anwesenheit aller führenden Politiker der Welt muss dem Kreml als Albtraum erscheinen.
Der Chef des Sicherheitsausschusses Wassiljew, von dem die Idee stammt, hat in der Duma den Ruf eines Falken. Der frühere Vize-Innenminister war einer der Hauptverantwortlichen für den Giftgaseinsatz beim Geiseldrama im Moskauer Musical-Theater. Den Tod von über 100 Menschen bezeichnete er als vertretbaren Preis für die Befreiung der meisten Geiseln.
Bisher zwei Zivilflugzeuge abgeschossen
Bisher wurden zwei Passagiermaschinen von der russischen Luftabwehr abgeschossen. Im April 1978 trafen zwei Raketen eine südkoreanische Boeing-707 über Karelien an der linken Tragfläche. Trotzdem konnte sie auf einem zugefrorenen See notlanden. Zwei Menschen kamen ums Leben. Am 1. September 1983 wurde eine weitere südkoreanische Boeing über Sachalin abgeschossen. Alle 269 Insassen starben.
(adu/.rufo)
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