St. Petersburg (Dezember 1999) Wieviel muss ein neues Auto mindestens kosten? Die Antwort aus Russland: 3000 Mark sind genug. Zumindest für Auto-Asketen mit Humor. Dafür gibt es sogar zwei Sitze mehr als beim Smart.
Seit dem Rubel-Absturz 1998 kosten in Russland selbst die teuersten einheimischen Neuwagen weniger als die preiswertesten Autos im Westen. Deshalb kann man hier das wohl billigste Auto der Welt kaufen: Die Standard-Version des VAZ-11113 Oka kostet (einschließlich 25 Prozent Steuer, Überführung und einem Jahr Garantie) 38500 Rubel. Das sind 2900 Mark.
Die Ausstattung: Intervall-Wischer, aber keine Kopfstützen
Was kann ein Automobil zum Preis eines Mopeds bieten? In jedem Fall besseren Wetterschutz - und das bei einer Außenlänge von 3,20 Meter sogar für vier Sitzplätze. Unter Plus zu registrieren ist zudem ein zweistufiges Gebläse, ein von innen verstellbarer Außenspiegel, zwei Sonnenblenden und einen Scheibenwischer mit Intervall-Schaltung. Auch die beheizte Heckscheibe hat ihren Wischer. Das Cockpit verfügt über die üblichen Basisinstrumente, solide Schalter und Hebel sowie eine Handvoll Kontrollleuchten. Zum Lieferumfang gehört auch eine Handluftpumpe für die Reifen.
Technische Daten: VAZ-11113 Oka
LxBxH: 3,20 x 1,42 x 1,40 m; Radstand: 2,18 m Leergewicht: 655 kg Zuladung 325 kg Motor: 749 ccm, 2 Zyl., 32 PS Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h Tankinhalt: 30 l
Ein Minus, da nicht vorhanden, bekommen Aschenbecher, Kopfstützen, Kofferraumabdeckung und Tankschloss. Aber für etwa 250 Mark lässt sich ein Oka nachträglich um all dies anreichern - einschließlich der dringend nötigen Rostschutzbehandlung und der Montage von Plastik-Kotflügeleinsätzen.
Ein Oka wird nicht gestohlen, sondern nur ausgeliehen
Als wesentliche Komfortmängel bleiben dann nur noch die permanent verwirrten Statikgurte vorn, die schweißtreibenden Kunstlederbezüge auf den winzigen Sitzen sowie die zu eng angeordneten Pedale: Anfangs kommt es im Oka-Fußraum zu ungewollten Dopplereffekten. Mit der Zeit entwickelt man jedoch ballettreifes Zehenspitzengefühl und der wählt zum Autofahren bewusst enggeschnittenes Schuhwerk. Airbag, ABS und Rücksitzgurte fehlen übrigens auch in bedeutend teureren russischen Autos. Dergleichen Dinge gelten russischen Automobilisten als Ausgeburt westlich-weichlichen Sicherheitsdenken - so wie Haftpflichtversicherungen (in Russland nicht obligatorisch) und das Schließen des Sicherheitsgurtes (zur Vermeidung einer Strafe reicht ja auch das lockere Überhängen).
Sparen können sich Oka-Halter dagegen die sonst übliche Alarmanlage: Der dünnhäutige Stadtfloh ist das bei Dieben unbeliebteste Auto. Von den wenigen, die dennoch abhanden kommen, findet die russische Polizei 90 Prozent wieder: Stehlen lohnt sich nicht, einen Oka leiht man sich allenfalls aus.
Ladas verstoßenes Nesthäkchen
Angetrieben wird der Oka von einem Zweizylinder-Motor mit 0,75 Liter Hubraum und 32 PS Leistung, wie in Russland üblich, ohne Kat. Faktisch handelt es sich um den halbierten Motor des Lada Samara. Auch sonst stecken viele Lada-Teile im Oka: Beim AvtoVAZ-Konzern wurde der Oka Ende der 80er Jahre als Mittel zur Motorisierung der sowjetischen Massen entwickelt. Dicht neben den Reißbrettern soll damals ein Daihatsu Cuore gestanden haben.
Wegen Kapazitätsengpässen in Togliatti wurde die Produktion bald an den Lkw-Hersteller Kamaz in Tatarstan sowie an das einst auf Behindertenfahrzeuge spezialisierte Seaz-Werk bei Moskau abgegeben. Heute liefert AvtoVAZ nur noch die Motoren und einige Fahrwerksteile zu. Die Karosserien entstehen bei Kamaz. Kamaz-Okas unterscheiden sich von Seaz-Okas nur durch das Firmensignet am Kühlergrill sowie die - laut einer Oka-Homepage im russischen Internet - bei Seaz bessere Lackierung.
Hauptsache – es fährt!
Angesichts der in unserem Seaz-Produkt mit dem Pinsel flüchtig vorgenommenen Nachlackierung an innengelegenen Schweißnähten ist allerdings schwer vorstellbar, dass der Lack noch schlechter sein könnte. Immerhin ist der uns verkaufte Oka in fahrfähigem Zustand und verfügt über alle vorgesehenen Teile - in Russland ist das nicht selbstverständlich. Der Verkäufer versichert, dass auch alle Schrauben noch einmal angezogen wurden. Man möge sich aber doch bitte noch Motoröl kaufen und einen halben Liter nachschenken: „Da sparen die im Werk um jeden Tropfen“. Und damit niemand sage, der Händler sei genauso knausrig, spendiert er noch einen Liter Benzin, fährt das Auto vom Hof und verabschiedet sich wortlos.
Der gleiche Oka - nach vier Jahren Dauertest. Restwert immerhin 1000 Dollar (foto: ld/rufo)
Nach den komplexen Anmeldeprozeduren (nicht nur das Auto wird nochmals überprüft, auch sein Besitzer muss amtsärztliche Papiere beibringen, die bestätigen, dass er weder drogensüchtig noch verrückt ist) erweist sich der Oka als ideales Auto für den Stadtverkehr und kleine Ausflüge ins Grüne: Wendig, gute Bremsen, hervorragende Übersichtlichkeit, hinreichende Beschleunigung und geringer Verbrauch (6 Liter aufwärts). Einzig der tief zerfressene Asphalt der Petersburger Straßen lässt den Wunsch aufkommen, dieses Auto bei Gelegenheit mindestens durch einen Lada Niva zu ersetzen.
Nach 1500 Kilometern reif für die Werkstatt – aber auf Garantie
Den Oka-Händler sehen wir bald wieder. Nach 1500 Kilometern hat sich das Auto ein Bukett erbärmlicher Quitsch- (Auspuffaufhängung), Schepper- (Auspuffinneres), Rumpel- (Radaufhängung), Kreisch- (Ventilator) und Dröhngeräusche (Motor) angeeignet, die jede Fahrt zur nervenzermürbenden Qual machen. Der Werkstattaufenthalt dauert anderthalb Wochen. „Wir mussten da sehr viel austauschen“, meint der Mechaniker entschuldigend. Seine Worte bestätigt eine lange Liste von Austauschteilen auf dem - wohl nicht umsonst einbehaltenen - Auftragsblatt. Aber das übernimmt die Garantie.
Nach Zahlung von 500 Rubel (38 Mark) für die erste Inspektion werden wir mit einem - vorerst - perfekt arbeitenden Auto entlassen. Alles Oka. Nur der werkstatteigene Nagel in einem platten Hinterrad trübt das Bild. Aber dafür haben wir ja die Luftpumpe.
(ld/rufo, 12-1999)
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Containerumschlag im Hafen von St. Petersburg: Auf diese Weise importiert Russland vor allem - exportiert werden vorrangig Rohstoffe wie Öl, Gas, Metall und Holz.(Topfoto:Deeg/.rufo)