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Es ist längst nicht nur die Gas- und Ölbranche, die in Russland gut verdient (Foto: .rufo)
Es ist längst nicht nur die Gas- und Ölbranche, die in Russland gut verdient (Foto: .rufo)
Montag, 06.02.2006

Russland - Eldorado oder Falle für Investoren ?

Andre Ballin, Moskau. Es gibt Prognosen, dass die Gazprom-Aktien in 2006 um 200 % steigen. Sicher ist, dass die Aktien- und Immobilienpreise rasant wachsen. Finanzexperte Max Gutbrod gibt Tipps bei Russland-Aktuell.

Russland-Aktuell: Neben dem Aktienmarkt lief der russische Immobilienmarkt in den letzten Jahren immer weiter nach oben. Ist er nun überteuert oder bietet er immer noch Investmentchancen?

Gutbrod: Er bietet sicher viele Chancen, wobei ich glaube, dass es da ganz sektorale Entwicklungen gibt. Es gibt zum einen Zentren, wie Moskau oder St. Petersburg, die auf Generationen irrsinnig teuer bleiben werden. Da gibt es eine ähnliche Entwicklung wie in New York, schon allein wegen der Stadtstruktur. Moskau ist ja auch so groß, dass man am Rande gar nicht wohnen kann. Das sind Probleme, die so ähnlich wie in New York oder Sao Paolo sind.

Es wird immer wieder auch sektorale Überteuerungen geben. Dabei sollte man zwei merkwürdige Entwicklungen im Auge behalten: Erstens gibt es keinen mittleren Mietmarkt. Es gibt einen Käufermarkt, der vorauszahlt für Neubauten.

Aber es gibt niemanden, der sich beispielsweise über einen Bausparvertrag langsam das Kapital anspart, um langfristig etwas zu kaufen. Umgekehrt gibt es noch keinen Markt, der Immobilienbesitz als Anlage versteht.

Das Phänomen, das die meiste Aufmerksamkeit verdient, ist dass die Gemeinden, die ja eigentlich keine Sozialhilfe bezahlen, Wohnungssubventionierung betreiben. Vor allem Subventionierung der Neubauten, indem sie Kredite ausschreiben und die Kredite refinanzieren.

Das sind Entwicklungen, die, weil sie nicht mit der Expansion des Marktes verbunden sind, zu einer Überteuerung von Wohnungen in bestimmten Segmenten führen. Es handelt sich zudem um eine sehr ineffektive Weise zu subventionieren.

Russland-Aktuell: Wenn ich das richtig verstehe, sagen Sie also, dass der soziale Wohnungsbau die Preise eigentlich nur noch anheizt?

Max Gudbrod (Foto: Gutbrod)
Max Gudbrod (Foto: Gutbrod)
Gutbrod: Klar, das führt dazu, dass Sie Leute befähigen, relativ hohe Preise zu bezahlen. Das ist eine sehr merkwürdige Form der Subventionierung, weil sie den Markt prinzipiell weiter überhitzt. Das läuft dann typischerweise so, dass existierende Zentren weiter aufgebaut werden und zwar ohne weitere Infrastruktur und ohne Rücksicht auf die Notwendigkeit von Renovierungen.

Da muss man sich fragen, wozu das eigentlich führt. Soweit ich das verstehe, ist das eine sehr einfache Weiterentwicklung eines sozialistischen Wohnungsbauprogramms.

Frankreich ist ein Extrembeispiel dafür, wo man mit einer solchen Politik hinkommt: Die Vorstädte sind ähnlich einseitig aufgebaut worden. Man schuf im sozialen Wohnungsbau einheitliche Strukturen, die man durch Subventionierung und staatliche Bauordnung stabilisiert hat. Stattdessen sollte man versuchen, die Bevölkerung organisch in die Umgebung hinaus zu ziehen.

Alles, was in Moskau selbst derzeit gebaut wird, führt ja nur zu einer Zunahme des Zuwandererstroms. Dann müssen sie die ganzen Leute integrieren. Mit weiteren sozialen Subventionen wird die Preis-Spirale weitergedreht.

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• Staatskonzerne stoppten 2005 die Kapitalflucht (17.01.2006)
• Marktwert von Gazprom steigt auf 200 Mrd. USD (13.01.2006)
Russland-Aktuell: Neuerdings brechen immer mehr Wohnungsbaugesellschaften zusammen. Ist das ein Trend, der anhalten wird?

Gutbrod: Man muss – so grotesk es klingt –hoffen, dass weitere bald zusammenbrechen, damit das Problem endlich mehr Aufmerksamkeit erregt. Ansonsten führt dies zu einer Systemkrise. Die Vielzahl von unregulierten und finanzmarktnah tätigen Gesellschaften ist eine der Eigenarten des russischen Banksystems.

Was die Bau-Unternehmen in Wirklichkeit tun, ist Einlagen sammeln, d.h. eigentlich gehören die überwacht, da sie mit den Ersparnissenn der Bevölkerung umgehen. Es kann auch nicht richtig sein, dass bei einem Konkurs die Munizipalität einspringt und einspringen muss.

Russland-Aktuell: Aktien- und Immobilienmarkt bleiben also interessant. Gibt es denn weitere vielversprechende Investments in Russland?

Gutbrod: Darüber könnte man wohl noch einen ganzen Tag reden. An Bedeutung werden wohl Infrastrukturprojekte gewinnen. Ob das schon in diesem Jahr sein wird, ist schwer zu sagen. Wenn der Telekommunikationsmarkt irgendwann wirklich liberalisiert wird, bietet er unheimlich große Möglichkeiten, nicht als Mobil- oder terrestrischer Anbieter, sondern dazwischen drin.

Im Elektrizitätsbereich gibt es ebenso bald einmal ungeheure Möglichkeiten. Jetzt sollen ja neue Atomkraftwerke gebaut werden. Im Landwirtschaftsbereich gibt es wahrscheinlich auch gute Chancen, obwohl hier russische Unternehmen schon viel konsolidiert haben.

Die Idee der Gewerbeparks wird ja erst aktuell. Sinn ist, dass nicht einzelne Investoren, sondern ganze Investorengruppen angelockt werden. In diesem Bereich sollte die Analyse nicht nur sektoral, sondern mehr regional sein.

Russland-Aktuell: Welche Regionen sind denn zu bevorzugen? Ist es Moskau?

Gutbrod: Ich glaube, Moskau ist überbesetzt. Eine Bewegung in die Regionen hinaus ist sehr sinnvoll. Das kann das Gebiet Moskau oder auch Tula und Jaroslawl sein, wenn die Verkehrs-Anbindung stimmt. Generell scheinen besonders die Regionen Nischni Nowgorod, Tomsk und Nowosibirsk erfolgreich und auch für die Zukunft interessant.

Russland-Aktuell: Vielen Dank für das Gespräch



Dr. Max Gutbrod ist seit 10 Jahren Rechtsanwalt bei Baker & McKenzie in Moskau und im Gesellschafts- und Bankenrecht tätig. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Verbands der deutschen Wirtschaft und leitet dessen Komitee für Finanzdienstleistungen.


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