In der evangelischen Peter-Paul-Kirche in Moskau finden jetzt wieder Gottesdienste statt (foto:kp/rufo)
Dienstag, 20.12.2005
Deutsche evangelische Kirche in Moskau renoviert
Moskau. Pünktlich zu Weihnachten läuten die Glocken wieder: Die 100 Jahre alte evangelische Peter-Paul-Kirche in Moskau erstrahlt nach ihrer Renovierung in neuem Glanz – und kann jetzt vielfältig genutzt werden.
Pastor Dmitri Lotow ist der Stolz anzumerken, als er die Marmortreppe zur Orgelempore hinaufsteigt. „Das alles haben wir fast ohne Hilfe aus Deutschland geschafft“, sagt er, als er oben angekommen ist und sich der Blick auf das riesige, weiß getünchte Kirchenschiff eröffnet. Ganz abgeschlossen sind die Arbeiten noch nicht, aber zum 100. Geburtstag am Sonntag läuteten in der Moskauer Innenstadt erstmals nach vielen Jahrzehnten wieder die Glocken der evangelischen Peter-Paul-Kathedrale – und riefen zum Gotteshaus in die restaurierte Kirche.
Der Turm wurde gekappt – und aus der Kirche wurde eine Filmfabrik
Das stolze Bauwerk, dessen spitzer Kirchturm einst markant die Moskauer Silhouette überragte, bekommt sein ursprüngliches Aussehen zurück. Mit 1.600 Sitzplätzen war die Kirche seit ihrer Einweihung im Dezember 1905 der Mittelpunkt des Moskauer deutschen Gemeindelebens. Doch nach der Oktoberrevolution wurde auch die Moskauer Peter-Paul-Kirche Opfer der kirchenfeindlichen Politik der Sowjets.
Die Kathedrale wurde geschlossen und zweckentfremdet, der letzte Pastor Alexander Streck 1936 erschossen. In der geschändeten Kathedrale richtete sich eine Diafilm-Fabrik ein, die das Gebäude innen vollständig umbaute und unter anderem eine Zwischendecke einziehen ließ. Der Kirchturm wurde in der Nachkriegszeit abgesägt – angeblich, weil er einem Spitzenfunktionär die Aussicht aus dessen Kreml-Arbeitszimmer verdarb. „Nur noch zwei Gemeindemitglieder können sich ein wenig daran erinnern, wie die Kirche vor der Schließung aussah, erzählt Lotow.
Jahrelang hatte sich nach dem Beginn der Perestroika die Rückgabe und Restaurierung der Kirche in die Länge gezogen. „Als die Diafilm-Fabrik auszog, ließ sie überall Chemikalien und Papierrollen zurück“, berichtet Siegfried Springer, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche (ELKRAS) für das europäische Russland, „wir mussten tonnenweise Schutt entfernen.“
Die Orgel überlebte im Krematorium
Immerhin konnte die Kirche ihre einhundert Jahre alte Original-Orgel wieder zurückerhalten. Die war nach der Kirchenschließung in ein orthodoxes Kloster verbracht worden, das zum Krematorium umfunktioniert wurde. Als Anfang der 1990-er Jahre aus dem Krematorium wieder ein Kloster wurde, sei die orthodoxe Kirche sogar glücklich gewesen, dass sie die Orgel wieder loswurde, so Springer.
1999 konnte erstmals im renovierten Altarraum wieder ein Gottesdienst gefeiert werden. Einige Jahre später begann dann die Restaurierung der gesamten Kirche - wie es heißt, nicht ohne tatkräftige Mithilfe des russischen Wirtschaftsministers German Gref, der selbst russlanddeutsche Wurzeln hat.
Gemeinden ohne Kirche gelten als Sekten
Zwar hat die ELKRAS seit dem Zerfall der Sowjetunion etliche Kirchengebäude zurückerhalten, doch dafür hat sie ganz neue Probleme. Einerseits sei eine eigene Kirche für die Gemeinden enorm wichtig, so Bischof Springer, denn „Gläubige, die sich in einem Schulgebäude zum Gottesdienst versammeln, gelten in Russland als Sekte.“
Durch die massenhafte Auswanderung der Russlanddeutschen sind die meisten alten Kirchen aber viel zu groß für die bestehenden Gemeinden. Die Finanzierung der laufenden Unterhaltskosten in Moskau bereitet auch Bischof Springer Kopfzerbrechen. Er will die Peter-Paul-Kathedrale daher auch zu einem Ort machen, an dem regelmäßig Orgel- oder Chor-Konzerte und Ausstellungen stattfinden: „Es muss sich lohnen, zu uns zu kommen“, sagt er.
(kp/epd)
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