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Untersuchung von Wasserproben aus dem Amur (foto: tv/rufo)
Untersuchung von Wasserproben aus dem Amur (foto: tv/rufo)
Dienstag, 29.11.2005

Frost: Giftwelle am Amur lässt sich Zeit

St. Petersburg. Die am Amur gefürchtete Giftwelle aus China kommt offenbar bedeutend langsamer voran als erwartet. Russische Behörden sind sich allerdings nicht einig, ob Giftspuren schon im Amur sind oder nicht.

Nach Angaben des Katastrophenstabes in Chabarowsk wird die durch ein Unglück in einer Chemiefabrik in der Mandschurei freigesetzte Giftwelle über den Fluss Songhua (rusissch: Sungari) erst in einigen Tagen den Grenzfluss Amur erreichen.

Russische Medien nennen unter Berufung auf die Chabarowsker Behörden allerdings unterschiedliche Daten: Die einen sprechen vom 3., andere vom 6. Dezember. Etwa drei Tage später wird das Benzol- und Phenol-haltige Wasser dann auf der Höhe der 700.000 Einwohner zählenden Gebietsmetropole Chabarowsk sein.

Eisdecke mindert die Fließgeschwindigkeit

Wegen des sich gegenwärtig immer stärker bildenden Eises wird es offenbar schwieriger, die Fließgeschwindigkeit des Wassers im Sungari richtig zu berechnen. Nach letzten Daten ist sie auf 1 bis 1,5 km/h gesunken. Gleichzeitig wird das Gift auch immer weiter verdünnt, auch teilweise zurückgehalten und verteilt sich über einen immer größeren Flussabschnitt.

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Oleg Mitwol, der für spektakuläre Datschen-Abrissaktionen in Gewässerschutzgebieten bekannt gewordene Vize-Chef der russischen Umweltaufsichtsbehörde, bleibt unterdessen bei seiner Darstellung, dass in einem Amur-Arm vor Chabarowsk bereits am Sonntag Benzol-Spuren entdeckt worden seien. Der betroffene Wasserlauf sei aber abseits der Stadt und ihrer Trinkwasserentnahme-Stellen gelegen. Laut Mitwol konnte das Gift dort nur in einigen Verwirbelungen gemessen werden.

Geortetes Benzol ist aus eigener Herstellung

Die Katastrophenschützer des Gebietes dementieren dies jedoch: Weder im Unterlauf des Sungari noch auf Höhe von dessen Mündung in den Amur sei bisher eine Verseuchung des Wassers festzustellen. Russisches Territorium sei bislang nicht betroffen. Die von Mitwol georteten Verschmutzungen hätten wohl eine andere Ursache. Man spricht von nicht näher bezeichneten Reparaturarbeiten.

Unterdessen laufen die Vorbereitungen für eine Umstellung und zumindest teilweise Abschaltung der Wasserversorgung in den Städten entlang des Amur auf Hochtouren. Die Chabarowsker Gebietsverwaltung erwägt, dann auch amtlich den Notstand auszurufen. Die Wasserleitungen sollen auch bei einer geringen Benzolbelastung stillgelegt werden, damit das Gift sich nicht im Leitungsnetz absetzen kann.

Tankwagen und Bahnzisternen werden aufgefahren

Als Ersatz werden gegenwärtig Brunnen gebohrt und vorbereitet, an denen 100 Tankwagen zur Versorgung der Bevölkerung aufgefüllt werden sollen. Parallel sind die Chabarowsker aufgefordert, sich zu Hause Wasservorräte anzulegen. Erschwerend kommt hinzu, dass für die Feuerwehr weiterhin ein Zugang zu unter Druck stehenden Hydranten oder sonstigen Wasserspeichern gewährleistet sein muss.

Die Stadt Amursk, in der solche sauberen Quellen nicht zur Verfügung stehen, soll während des Giftalarms mittels wärmeisolierter Zisternen über die Eisenbahn mit Trinkwasser versorgt werden, entschied der Katastrophenstab.

Kohle aus dem Ural soll das Trinkwasser schützen

Heute traf in Chabarowsk ein weiteres Transportflugzeug mit 20 Tonnen Aktivkohle aus Perm ein. Damit soll vor der Wasserentnahmestelle des städtischen Netzes ein filternder Schutzwall errichtet werden, falls der Giftteppich diese Stelle erreicht. Auch die Wasseraufbereitungsanlage der Stadt wird gegenwärtig eilig vom in diesem Fall nutzlosem Chlor auf Aktivkohle umgestellt.

Ein politischer Damm wird zur Öko-Gefahr

Noch haben die Behörden der Stadt die Hoffnung, dass das verseuchte Sungari-Wasser hauptsächlich über einen stadtfernen Arm im Mündungsdelta des Ussuri in den Amur abfließen wird. Zu diesem Zweck wird ein zur Hälfte gebauter Damm gegenwärtig wieder abgerissen und eventuell sogar gesprengt.

Das als Hochwasserschutzdamm bezeichnete Bauwerk hat seinen ursprünglichen Sinn ohnehin schon verloren: Wegen des lange währenden Streits um den Grenzverlauf mit China im Ussuri-Delta hatte Russland auf diese Weise versucht, den Hauptstrom des Flusses in ein anderes Bett umzuleiten, um so seinen Anspruch auf das Delta zu festigen. Inzwischen haben sich die Führungen beide Länder jedoch auf eine Teilung der Delta-Inseln verständigt – und der Damm führt nun dazu, dass das belastete Wasser näher und länger an Chabarowsk vorbeifließen wird.
(ld/rufo)


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