Schnellboote der russischen Flotte vor Kaliningrad (Foto: Plath/.rufo)
Mittwoch, 11.07.2007
Kaliningrad: Basis gegen amerikanische Raketenpläne?
Kaliningrad. Wird das Gebiet Kaliningrad wieder Russlands militärischer Vorposten in Europa? Für den Fall, dass in Polen US-Raketenstellungen aufgestellt werden, kann auch der Ostsee-Exklave eine erneute Aufrüstung blühen.
Es könnte aber auch noch mal gut gehen: Sollten die USA bereit sein, auf die Stationierung ihrer Waffensysteme in den beiden EU-Ländern zu verzichten und stattdessen mit Russland die Raketenstellung in Aserbaidschan zu nutzen, werde man von der Stationierung eigener neuer Raketen im Kaliningrader Gebiet absehen, so Vizepremier Sergej Iwanow jüngst vor Journalisten.
Andersherum klang es da schon deutlich bedrohlicher. Für den Fall, dass die Amerikaner bei ihren Absichten blieben, sehe die Russische Föderation die Notwendigkeit, „darauf im Interesse der eigenen Sicherheit eine adäquate und effektive Antwort zu finden“. Eine mögliche und bereits sehr konkret geplante Antwort sei „die Aufstellung neuer Raketenstellungen im europäischen Teil Russlands, im Kaliningrader Gebiet“.
Regionalregierung beschwichtigt
Militärstrategisch wächst der russischen Exklave in Raketenstreit offenbar neue Droh-Bedeutung zu. Zumal für das US-System unter anderem ein Militärobjekt bei Gdansk (Danzig) vorgesehen ist - keine hundert Kilometer von der Grenze der westlichsten Region Russlands entfernt.
Es wird wieder aufgerüstet bei den Fliegern in Kaliningrad (Foto: Plath/.rufo)
In Kaliningrad hat die Aussicht neuer Bewaffnung sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Während die öffentliche Diskussion zwischen Zustimmung und Ablehnung schwankt, beeilte sich die Regionalregierung von Gouverneur Georgi Boos zu beschwichtigen: Ein Rückfall in Verhältnisse wie zu Zeiten des sowjetischen Militärsperrgebietes sei ebenso wenig zu befürchten wie eine Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Entwicklung durch die militärischen Notwendigkeiten. Die russische Regierung wolle keine erneute Rüstungsspirale. Andererseits müsse der Staat aber auf die neue Bedrohungslage reagieren.
Während im politischen Streit um die Raketen keine Lösung in Sicht ist, hat die in Baltisk (Pillau) stationierte Baltische Flotte Anfang Juli bei der Stabsrahmenübung „Region-2007" ihre „Kampfbereitschaft demonstriert“, wie es im militärischen Jargon offiziell hieß. An der Übung unter Führung von Generalstabschef Juri Balujewski nahmen Führungskräfte aus Moskau, St. Petersburg, Kaliningrad und eine operative Gruppe der Nordflotte teil.
Mit den neuen Raketenplänen habe die Stabsübung aber nichts zu tun, hieß es bei der Baltischen Flotte, wo man spürbar bemüht ist, den Rüstungs-Streit nicht weiter zu verschärfen. „Region-2007“ sei ein turnusmäßiges Manöver.
Die vergangenen anderthalb Jahrzehnte seit Öffnung der ehemaligen Militärsperrzone waren im Kaliningrader Gebiet von einer radikalen Abrüstung geprägt. Von den schätzungsweise 300.000 Mann, die hier in Hochzeiten des Kalten Krieges unter Waffen standen (damals galt Kaliningrad als Region mit der höchsten Militärkonzentration der Welt), sind weniger als 20.000 übrig.
Offizielle Angaben darüber sind schwer zu bekommen, aber die Demilitarisierung ist überall in der Exklave deutlich zu sehen: Vielerorts stehen Militärobjekte leer. Die meisten der einst allgegenwärtigen „Armeestädtchen“ wurden an Firmen vermietet oder, wie derzeit in der Grenzstadt Mamonowo (Heiligenbeil), in Wohnquartiere für die erwarteten Neuansiedler umgebaut.
Der militärische Oberbefehl über die noch im Kaliningrader Gebiet stationierten Streitkräfte untersteht seit einer Strukturreform Ende der 1990er Jahre der Flotte. Damals war die Armee so hoch verschuldet, dass Moskau zu diesem Schnitt gezwungen war: Lebensmittelproduzenten verweigerten den Landtruppen die Lieferungen, der regionale Energieversorger „Jantarenergo" klemmte ersten Kasernen den Strom ab. Die Abrüstung des einstmals „größten Flugzeugträgers der Sowjetunion" war auch eine Abrüstung aus Not.
(Thoralf Plath/tp/.rufo/Kaliningrad)
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