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Zukünftig nur noch mit Grenzpassierschein: Angeln im Memeldelta. (Foto: Plath/rufo)
Zukünftig nur noch mit Grenzpassierschein: Angeln im Memeldelta. (Foto: Plath/rufo)
Donnerstag, 12.04.2007

Kaliningrad: Grenzschutz weitet Sperrzonen aus

Kaliningrad. Der FSB hat die Sperrzonen entlang der Grenzen des Kaliningrader Gebiets erheblich ausgeweitet. Dutzende Ortschaften dürfen nur noch Passierschein betreten werden. Ein Rückschlag für den Tourismus.

Die ersten, die den neuen Ton an den Grenzen zu spüren bekamen, waren – Angler. Zu Dutzenden wurden die Männer, aus allen Ecken des Gebietes zum traditionellen Stint-Fischen an die kleinen Nebenflüsse zwischen Memeldelta und Kurischem Haff gekommen, von Soldaten abgefangen und auf ihre Genehmigungen für das Grenzgebiet kontrolliert.

„Natürlich hatten wir keine“, diktierte ein Angler namens Nikolai wutentbrannt dem Reporter der Kaliningradskaja Prawda in den Notizblock. „Warum auch? Ich fahre seit Jahren ans Haff zum Angeln, noch nie wollten die Grenzer von irgendeinem von uns einen Propusk sehen.“

Nikolai war im Hafffischerdorf Mysowka (Kakeln) – dem Mekka vieler Kaliningrader Angler – von einer Grenzpatrouille kontrolliert worden. Von Mysowka bis an die russisch-litauische Grenze im Memeldelta sind es noch fünf Kilometer. Nikolai und andere Petrijünger kamen mit einer Verwarnung davon, mussten ihre Angeln und Kescher aber sofort einpacken und die Sperrzone verlassen – unter Androhung von Strafe.

Rominter Heide weggesperrt


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Russische Angler aus ihrem Paradies vertreiben – schneller hätten die dem FSB unterstehenden Grenzschutztruppen des Kaliningrader Gebietes nicht auf die verschärften Sperrgebietsregeln aufmerksam machen können. Angeln ist in Russland Nationalsport, umgehend zog die größte Tageszeitung des Gebiets das Thema auf die Titelseite: „Fische fangen nur noch mit Passierschein“.

Wenn es nur das Angeln wäre. Auch dem Tourismus droht ein herber Rückschlag. Denn in einem sieben Kilometer breiten Streifen entlang der Staatsgrenze, so die nun geltende Regel, darf man sich künftig nur noch mit einem speziellen Passierschein aufhalten. Städte wie Prawdinsk (Friedland), Schelesnodoroshnyj (Gerdauen), Bagrationowsk (Preußisch Eylau), Mamonowo (Heiligenbeil): Willkommen im Sperrgebiet.

Schön aber unzugänglich


Auch die bewaldeten Hochufer der Memel bei Krasnosnamensk (Lasdehnen), eine der schönsten Regionen des Kaliningrader Gebiets, und die legendäre Rominter Heide sind ohne Propusk künftig tabu. Auf der Kurischen Nehrung darf man das Dorf Morskoje (Pillkoppen) nahe der litauischen Grenze, wo sich viele reiche Moskauer ihre Wochenendvillen hingeklotzt haben und schon lange nach Möglichkeiten suchen, unter sich zu bleiben, nur noch mit Grenzpassierschein besuchen.

Selbst die zweitgrößte Stadt des Kaliningrader Gebiets, Sowjetsk (Tilsit), liegt nun in der Grenzsperrzone. Die Kaliningradskaja Prawda veröffentlichte eine ganze Liste von Ortschaften, für die künftig ein Passierschein nötig ist (siehe Kasten).

Frust und Angst in der Touristikbranche


Dutzende Orte sind nun wieder Sperrgebiet, auch das Fischerdorf Mysowka am Haff (Ffoto: Plath/rufo)
Dutzende Orte sind nun wieder Sperrgebiet, auch das Fischerdorf Mysowka am Haff (Ffoto: Plath/rufo)
Wenn schon einheimische Angler, die an den grenznahen Flüssen zwischen „Elchniederung“ und Haff quasi zum Inventar gehören, künftig an offizielle Genehmigungen gebunden sind, haben Ausländer im Fall des Erwischt-Werdens mit ganz anderen Strafen zu rechnen als nur mit einer Verwarnung. Erfahrungsberichte von Touristen, die in Grenzzonen von einer Streife gestellt wurden, sprechen für sich. In der Regel sind diese Sperrgebiete nicht oder nur andeutungsweise ausgeschildert.

Die Touristikbranche reagiert frustriert. Freilich nur auf Nachfrage. Laute Proteste sind nicht zu hören. „Das wird auch kaum jemand wagen. Wer sich öffentlich aufregt, landet bei denen auf der Liste, und man braucht in so einem kleinen Gebiet nun mal ein gutes Verhältnis zu den Grenzern“, sagt die Chefin eines großen Kaliningrader Reiseunternehmens, das seit Öffnung des Gebiets Anfang der 1990er Jahre auch deutsche Touristen betreut.

Die meisten Touristikfirmen werden sich wohl Sammel-Grenzgenehmigungen für die Ausflüge ihrer Reisegruppen beschaffen. Zu Opfern der ausgeweiteten unsichtbaren Sperrzonen drohen vor allem Individualreisende ohne organisatorische Hilfe von Reisebüros zu werden.

Geheimdienst: „Alles halb so schlimm“


Die Staatsschützer indes fühlen sich zu Unrecht angefeindet. Die Bestimmungen dienten der Verbesserung der Grenzsicherheit und sollten die Gefahr terroristischer Anschläge vermindern, lautet ihre Begründung.

Bedrohen demnach Terroristen die Moorwälder am Kurischen Haff? Der Pressedienst des FSB verwies umgehend darauf, dass diese Sperrgebietsregelungen erstens in ganz Russland gelten, und das Kaliningrader Gebiet nun einmal ein Teil der Russischen Föderation sei. Zweitens könne jeder einen Propusk in der Kaliningrader Grenzschutzverwaltung in der Suworow-Straße 15 beantragen. Das dauere drei Tage, der Propusk zum Betreten aller dieser so genannten Vor-Grenz-Zonen sei dann jeweils ein halbes Jahr gültig.

Ausweis Bitte! Sie betreten die Sperrzone.
Ein sieben Kilometer breiter Streifen längs der Grenzen des Kaliningrader Gebiets gilt künftig als Vorgrenzzone, in der man sich nur mit einem Passierschein der Kaliningrader Grenzschutzbehörde aufhalten darf. Davon betroffen sind folgende Ortschaften:

Kreis Slawsk (Heinrichswalde):

Mysowka, Jasnopoljanka, Wischnjowka, Werchnij Biser, Leninskoje, Rshewskoje, Oktjabrskoje.

Kreis Neman (Ragnit):

Wetrowo, Gutkowo, Dubrawino, Tuschina, der Fluss Tylscha.

Kreis Krasnosnamensk (Lasdehnen):

Krasnosnamensk, Wysokoje, Mitschurino, der Fluss Scheschuppe.

Kreis Nesterow (Stallupönen):

Rasdolnoje, Lugowoje, Puschkino, Pokryschkino, Njewskoje, Wosnjesenskoje, Kalinino, Krasnolesje.

Kreis Osjorsk (Darkehmen):

Smirnowo, Gawrilowo, Pskowskoje, Tschistopolje, Konjewo, Otradnoje, Saosernoje, Schigulewo, Aleschkino, Malzewo, Prasolowo.

Kreis Prawdinsk (Friedland):

Kamena, Saretschenskoje, Snamenka, Schelesnodoroschnyj, Sopkino, Kostjukowka, Temkino, Ermakowo, Priwolnoje, Sedowo, Jagodnoje.

Kreis Bagrationowsk (Preußisch Eylau):

Nadjeschdino, Bagrationowsk, Nogornoje, Dubrowka, Dolgorukowo, Pogranitschnoje, Kornewo, Nowoselowo, Mamonowo, Lipowka, Baltijskoje.
(Quelle: Kaliningradskaja Prawda)

Lizenz zum Pilzesammeln



Jeder könne den Propusk beantragen, heißt es. Wirklich jeder? Abgesehen von dem Aufwand, den es für einen Einwohner von Nesterow bedeutet, zweimal in das 140 Kilometer entfernte Kaliningrad zu fahren, um einen Passierschein zu beantragen und abzuholen, mit dem er in den Wäldern seiner heimatlichen Umgebung Pilze suchen darf – nach gängigen Erfahrungen haben nur Bewohner des Gebietes eine reale Chance, an einen solchen Propusk heranzukommen.

Ausländer und Touristen hingegen kaum. Wer in der Grenzschutzzentrale in der Uliza Suworowa 15 weiterkommen will, braucht neben guten Russischkenntnissen und viel Geduld eine gehörige Portion Erfahrung im Umgang mit russischen Behörden. Solche Eigenschaften sind von Reisenden, die die in offiziellen Kaliningrader Touristikprospekten und Reiseführern gepriesene Rominter Heide wandern wollen, nicht unbedingt zu erwarten.



Geteilte Landschaften, vertane Chancen



Dass Moskaus Ostsee-Provinz wieder in alte Sperrgebietszeiten zurückfällt, muss niemand befürchten. Doch die individuelle Bewegungsfreiheit hat in der ohnehin kleinen Inselregion durch die neuen Grenzregelungen arg gelitten. Während in den Nachbarländern Naturlandschaften bis an die Staatsgrenzen heran touristisch vermarktet werden, Polen mit der Rominter Heide als „Europas letzten Urwald“ wirbt und Litauen mit Bootsausflügen von Nida hinüber in die romantischen Fischersiedlungen im Memeldelta, herrscht auf der russischen Grenzseite dieser touristischen Paradiese Argwohn und Abschottungsmentalität:

Die allgemeine Terrormanie kommt da gerade recht. Ein symbolisches Beispiel ist der Wystiter See, ein glasklares, fischreiches Gewässer ganz im dünn besiedelten Osten des Kaliningrader Gebiets, malerisch von den Hügelketten der suwalkischen Landschaft und der Rominter Heide gerahmt – und zwischen Russland und Litauen geteilt. Am litauischen Ufer gibt es einen großen Campingplatz, Pensionen, Radwanderwege. Auf der russischen Seite nichts außer einem großen Sperrgebiet. Touristen: Fehlanzeige.

Gouverneurs-Visionen ad absurdum


Gouverneur Georgi Boos wirbt auch im Ausland für das offene Gebiet Kaliningrad (Foto: Archiv).
Gouverneur Georgi Boos wirbt auch im Ausland für das offene Gebiet Kaliningrad (Foto: Archiv).
Dabei hat Gouverneur Georgij Boos doch Großes vor mit seiner Provinz, die er jüngst sogar offiziös zur touristischen Entwicklungsregion ausrufen ließ, zu Russlands künftigem weltoffenem Urlauberparadies an der Ostsee, gefördert nach dem Vorbild der Sonderwirtschaftszone.

Klingt prima, was der Gebietschef so von sich gibt zu diversen Gelegenheiten wie in dieser Woche zur Eröffnung der regionalen Kaliningrader Tourismusmesse „Jantur 2007“: Bernsteinküste, Urlaub auf dem Bauernhof, Reiterferien in der Rominter Heide, Bootstouren in der Wildnis des Haffmoore.

Kaliningrad öffnet sich


Auch in Deutschland ist Boos mit diesen Visionen schon aufgetreten. Den Slogan der aufwändigen Präsentation freilich, mit dem der Gouverenur um westliche Investoren und Touristen warb, hat die Realität jetzt wieder einmal eingeholt: „Kaliningrad öffnet sich“.

Im Moment scheint eher das Gegenteil der Fall. Immerhin hat die Grenzschutzverwaltung nach diversen Protesten und Anfragen jetzt ein paar Kontakttelefone geschaltet: (4012) 691089, 643963, 691022, 691014. Auf die Frage, wie wachsende Grenzsperrzonen und ein angeblich sich öffnendes Kaliningrader Gebiet zusammenpassen, wir man dort kaum Antwort erhalten. (tp/.rufo)


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