Salechard. Sabine und Olaf Börner aus Hamburg reisen in elf Monaten einmal um die Welt. Russland-aktuell veröffentlicht Auszüge ihrer Reiseberichte. Nach einigen Wochen in Moskau starten beide in den äußersten Norden Russlands.
Jetzt sitzen wir im Zug nach Norden, nach Salechard, von dort aus werden wir ab dem 24. Juli mit einem Schiff ca. 6 Tage den Fluss Ob und den Irtytsch wieder hochfahren bis nach Omsk.
Ticketprobleme mit dem Flussschiff
Blick aus dem Zugfenster, die russische Tundra ist nicht wirklich abwechslungsreich (Foto: Börner)
Die Tickets für die Flussfahrt in Moskau zu bekommen, war unerwartet schwierig. In jedem Reisebüro, in dem wir nachgefragt haben, wurde einheitlich der Kopf geschüttelt, so dass wir noch nicht einmal wussten, an welchen Tagen eins von den wenigen Schiffen fährt. Weitergeholfen hat uns hier ein deutschsprachiges Reisebüro, dass in Moskau seinen Sitz hat, das mir schon im Internet in Deutschland aufgefallen war, da es, soweit ich finden konnte, die einzigen waren, die eine ähnliche Tour auch als Paket anbieten, Troika Reisen.
Mit ihnen haben wir per Internet Kontakt aufgenommen und sie konnten uns tatsächlich weiterhelfen, einen Tag vor unserer Abreise hatten wir die Tickets in der Hand, die in Omsk gekauft werden und dann nach Moskau geschickt werden mussten. Also für alle die jetzt zwar Lust auf Russland bekommen haben, aber keine Lust oder Zeit haben, dass selbst zu organisieren, einfach mal auf den Internet-Seiten von Troika Reisen stöbern.
Zwischnstop an der Station Polar-Ural (Foto: Börner)
Jetzt sind wir seit gestern Abend 19.20 Uhr unterwegs, im Coupè-Wagen 11, Abteil 5, Plätze 18 und 20 (die beiden oberen, was leider eher unpraktisch ist, keine Ahnung warum der Typ im Reisebüro das so gebucht hat). Gestern haben wir Sachen gepackt und festgestellt, dass wir noch viel zu viel Gewicht haben, leider weiß ich nicht, von welchen Sachen ich mich trennen sollte. Außerdem haben wir zwei Tüten Lebensmittel und Wasser dabei, die wie wir festgestellt haben aber auch notwendig sind, da dieser Zug, der uns insgesamt 46 Stunden befördert, über keinen Speisewagen verfügt.
Unterwegs mit Iwan aus Stendal
Wir teilen uns unser Abteil mit Iwan, der während seiner Armeezeit in Deutschland bei Stendal stationiert war und einer Frau, deren Namen ich leider wieder sofort vergessen habe. Beide kommen jeweils aus dem Urlaub wieder, Iwan war mit seiner Familie bei seiner Mutter in der Ukraine, er muss jetzt wieder arbeiten und fährt daher als erster nach Hause zurück. Die Frau war am Schwarzen Meer, hat sich dort aber leider leicht erkältet. Ich glaube, beide können nicht so ganz verstehen, wie man freiwillig als Tourist soweit in den Norden fahren kann, wo es doch kalt ist, und auch nicht viel zu sehen gibt.
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„Na ja, vielleicht wegen der Romantik“, meinte die Frau und schaute verträumt aus dem Fenster.
Ich sitze gerade auf einem Klappsitz im Zuggang, weil ich nicht die ganze Zeit auf dem Bett von der Frau sitzen möchte und man von den oberen Betten nicht gut aus dem Fenster sehen kann, dass heißt, man sieht nur das Gleisbett. Allerdings gibt es draußen auch nicht besonders viel zu sehen, seit Stunden zieht Mischwald an unseren Fenstern vorbei, ab und zu sind auch ein paar Häuser zu sehen. Wenn ich oben auf meinem Bett liege und lese, werde ich aber irgendwie ganz schell müde, kann dann aber trotzdem nicht richtig schlafen. Ich bin wirklich froh, dass wir nicht die ganze Strecke nach Peking in einer Tour durchfahren, dass ist bestimmt auf die Dauer auch ganz schön anstrengend - Nichtstun und aus dem Fenster schauen.
Das „Gangleben“ ist eher unspektakulär, fast alle haben ihre Abteiltür geschlossen, nur ab und zu kommen Leute vorbei, die auf Klo wollen, und wenn sie zurückkommen, weht ihnen auch ein gewisser Duft hinterher. Irgendwie bin ich ja auch schon auf unsere Fahrten in der 3. Klasse gespannt, in der es keine Türen gibt, dafür pro Wagen aber fast 50% mehr Leute (52 statt 36) untergebracht sind. Auch hier konnten unsere Mitfahrer sich nicht vorstellen, wie man das freiwillig machen kann.
„Naja, vielleicht wegen der Romantik“ meinte die Frau schließlich.
So, ich höre jetzt weiter Claudius Weltreise-Musik („Around the world“), die er uns zusammen mit einem I-Pod zum Abschied geschenkt hat, und wofür ich mich an dieser Stelle noch einmal recht herzlich bedanke, und schaue noch etwas aus dem Fenster.
Kartoffeln warden zugeladen
Nachtrag 21.7.: Heute sind wir genau 3 Wochen unterwegs, unglaublich wie schnell die Zeit vergangen ist. Wir sitzen immer noch im Zug. Gestern Nachmittag hatte ich „Toilettenpech“, d.h. als ich auf die Toilette wollte, hatte die Zugbegleiterin diese wegen mehrerer hintereinanderliegender Bahnhöfen gerade abgeschlossen, und wie ich im Zeitablauf feststellen durfte wurden diese erst nach 2 Stunden wieder aufgeschlossen. Der große Vorteil war, dass diese dann frisch geputzt war.
Die Halte an den Bahnhöfen sind auch sehr interessant zu beobachten, den im Gegensatz zu Deutschland dauern diese hier meist 15 bis 20 Minuten. In dieser Zeit springt fast der halbe Zug auf den Bahnsteig, um sich die Füße zu vertreten, am Kiosk einkaufen zu gehen, oder mit den dort beheimateten Bauern Handel zu treiben, die ihrerseits meist Produkte aus ihren Gärten feilbieten und wild gestikulierend von Wagen zu Wagen laufen. So erhöht sich die Zugfracht während der Reise um einige Säcke Kartoffeln, die bei den Zugreisenden sehr hoch im Kurs standen. Die Zugbegleiterin steht dabei vor dem Wagen und passt auf, dass bis zur Abfahrt die richtigen Leute wieder im Zug sind (Nichtreisende werden nicht reingelassen).
Grenze nach Asien passiert
Die Natur vor unserem Fenster hat sich auch verändert, die Bäume stehen jetzt nur noch vereinzelt und sind sehr klein, eigentlich ist es fast nur noch Gebüsch, was man sieht, daher hat man einen sehr weiten Blick über das Land. Seit heute morgen regnet abwechselnd mehr oder weniger stark. Die Landschaft ist daher in ein sehr melancholisches Licht getaucht. Häuser sieht man kaum noch. Vorhin haben wir ein Schild passiert, dass gezeigt hat, dass wir jetzt in Asien sind. Und hier werden wir die nächsten Monate auch bleiben.
Sabine Börner, 21.7.2006
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