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Dienstag, 13.10.2009

1989: Letzter Blick hinter den Eisernen Vorhang (III)

Leipzig, September 1989. Ausreisewillige DDR-Bürger harren zu tausenden in Ungarn aus, in Leipzig gibt es erste Demos. Ohne es zu ahnen, besuchte ich die DDR im letzten Moment, bevor dort die alte Ordnung kollabierte.

Die ersten beiden Teile der Erinnerungen von Lothar Deeg an seine Osteuropareise im Sommer 1989 finden Sie hier: Teil I (CSSR) und Teil II (Polen).
Nach einigen Tagen im vertrauten West-Berlin fuhr ich dann allein noch „richtig in die DDR“. Wie brieflich abgemacht, stand mein neuer Leipziger Freund Thomas zur rechten Zeit am Ausgang des Grenzübergangs im Ostberliner Bahnhof Friedrichstraße. Dort hatte ich zuvor 25 DM pro Aufenthaltstag zum 1:1-Kurs in Ostmark tauschen müssen-dürfen.

Um Ungarn drehten sich alle Gespräche


In der DDR gab es in diesen Tagen Anfang September 1989 kein anderes Thema mehr als „Ungarn“: Tausende DDR-Bürger harrten dort auf eine Möglichkeit, in den Westen ausreisen zu können – oder versuchten bereits, über die dort nicht mehr scharf bewachte Grenze nach Österreich zu kommen. Trafen sich zwei Bekannte, fing das Gespräch immer mit einem „Ah, du auch noch hier“ an.

Ich als Westler, der gerade in der anderen Richtung „rübergemacht“ hatte, wurde natürlich permanent in Gespräche über Politik, Chancen und Lebensstandards verwickelt.

Erste Montags-Demos


In Leipzig gab es gerade die ersten Montags-Demonstrationen. Thomas konnte und wollte sich als SED-Mitglied da nicht blicken lassen. Auch mir riet er ab hinzugehen: Zu leicht könnte ich als „BRD-Provokateur“ überführt oder sonst wie zwischen die Fronten geraten – mit den entsprechenden Folgen für meinen Gastgeber.

Lieber schlugen wir der Stasi ein harmloses Schnippchen, in dem ich mir unter Vorlage meines westdeutschen Presseausweises und der Legende, für die Lokalzeitung meines Heimatortes einen Bericht zu planen, eine Akkreditierung zur gerade laufenden Leipziger Herbstmesse erschwindelte.

Messe-PK: Saftige Weintrauben und dürre Zahlen


Also auf zur Pressekonferenz der sowjetischen Delegation – „da gibt’s immer was Feines zu essen“, so Thomas. Das Feinste waren dann „in diesem Jahr noch nicht gesehene“ Weintrauben, die die DDR-Kollegen deshalb gerne vom Tisch in ihre Aktentaschen plumpsen ließen.

Der Nachrichtenwert der Veranstaltung beschränkte sich auf die (mir inzwischen entfallene, man verzeihe) Zahl der Ladas, Wolga-Limousinen und RAF-Kleinbusse, die die UdSSR im nächsten Jahr in die DDR liefern würde.

Kleiner Ost-West-Dialog unter Journalistik-Studenten


Mit Thomas führte ich dann noch spontan eine von seinem Freund Fred moderierte und protokollierte Kneipen-Diskussion über Medien, Journalismus und gegenseitige Vorurteile in beiden deutschen Staaten. Fred wollte dies in der Übungszeitung der Leipziger Journalistikstudenten veröffentlichen. Es kamen dabei so radikale Vorschläge wie „Studenten-und Praktikantenaustausch“ zur Sprache.

Am Tag nach jener September-Nacht, als die Ungarn die jubelnden DDR-Bürger ausreisen ließen, fuhr ich in einem fast leeren Zug von Leipzig nach Nürnberg – zurück in die Berechenbarkeit westlicher Verhältnisse. Ein sichtlich verunsicherter Thomas verabschiedete mich am Bahnhof. Was würde jetzt hier werden? Die Grenzkontrollen waren dennoch wie üblich streng und gründlich – es hätte ja jemand fliehen können.

Die SED-Inquisitoren sehen noch einmal rot


Wie es Thomas weiter erging, erfuhr ich erst geraume Zeit später: Obwohl ich den Eindruck hatte, dass mich mein durch viel Parteiarbeit geschulter Gesprächspartner beim „Bier-Dialog von Leipzig“ rhetorisch locker übertrumpft hatte, sahen die Zensoren an der Sektion Journalistik rot: Jungkommunist Thomas wurde herbeizitiert und bekam vorgeworfen, dem „Klassenfeind ins offene Messer gelaufen“ zu sein. Und schlimmer noch: Er habe diesem sogar „Unterschlupf gewährt“- schließlich hatte ich bei ihm gewohnt.

Rettung durch Staats-Kollaps


Wäre alles so weiter gegangen wie in den 40 DDR-Jahren zuvor, hätte Thomas hiermit wohl seine Dissertation und seine Karriere abschreiben können. Bevor ihm allerdings irgendetwas passieren konnte, kollabierte sein Staat: Der kränkliche Honecker trat ab, die Mauer ging auf, in der SED wollte plötzlich keiner mehr Betonkopf, sondern alle nur noch Reformer sein.

Und nicht Thomas musste gehen, sondern die Zensoren. Er ist dann aber weder Kommunist noch Journalist geblieben – sondern wurde ein erfolgreicher Topmanager in der Industrie.



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