Sie leben mit und von ihren Rentieren. Die Nomaden auf Jamal und ihr Hab und Gut. (Foto: ARTE)
Freitag, 04.02.2011
TV-Tipp: In der Polarschule der Nomadenkinder
Straßburg. Auch Nomadenkinder gehen in die Schule, selbst in der russischen Polarregion. Die 360°-Geo-Reportage am 5. Februar 2011 bei ARTE begleitet den Alltag des auf der Halbinsel Jamal lebenden Volk der Nenzen.
Am äußersten Nordwestrand von Sibirien beginnt die unwirtliche Polarregion. Wie ein Finger ragt die Halbinsel Jamal nördlich des Ural in das Nordpolarmeer. Die Temperaturen sinken im Winter auf bis zu über 50 Grad unter den Gefrierpunkt und im Sommer klettert das Thermometer kaum höher als 15 Grad darüber. Die sibirische Tundra scheint auf den ersten Blick unbewohnbar.
Wann und wo
ARTE - 5. Februar 2011, 19.30 Uhr
Unwirtlich, aber bevölkert
Und dennoch leben etwa 15.000 Menschen in dieser Region, auf einer Fläche eineinhalb Mal so groß wie Österreich. Überwiegend gehören sie zum Volk der Nenzen, Ureinwohner der Tundra, die sich die Sprache und Gebräuche ihrer Vorväter erhalten haben. Eingeborene, wie man sie nur noch ganz selten auf unserem Planeten findet.
Früher wurde dieses indigene Volk als Samojeden bezeichnet, was übersetzt soviel wie „Selbst-Esser“ gleichkommt. Eigentlich trifft es für die Selbstversorger auch zu, inzwischen einigte man sich jedoch auf den Begriff Nenzen, was „Menschen“ bedeutet. Rund 6.000 dieser Nenzen sind allerdings tatsächlich autark und ziehen mit ihren Rentierherden durch die Tundra von Jamal.
Auch Nomadenkinder gehen in die Schule
Sie sind die letzten echten Nomaden auf unserer Erde, die ganzjährig diese Wirtschafts- und Lebensweise pflegen. Aber auch Nomaden haben Kinder, die in den Unterricht gehen müssen. Deshalb kommt jeden August der Hubschrauber, um die 600 schulpflichtigen Kinder der Rentierzüchter nach Jar-Sale zu bringen – der einzigen größeren Siedlung auf Jamal.
Abiturklasse an der Polarschule der Nenzen. Ein Drittel der Schüler schafft ein Hochschulstudium. (Foto: ARTE)
Hier stehen die Schule und das Internat, in dem die Schüler während der nächsten Monate leben werden. Sie sind den größten Teil des Jahres von ihren Eltern getrennt, die bei den Herden bleiben. Um die Kinder kümmert sich während dieser Zeit Ludmila Tschudy. Die 45 Jahre alte Nenzin begleitet die Nomaden alljährlich auf ihrem Weg, bevor sie zu Beginn des Schuljahres wieder in die Siedlung zieht.
Erdgas – Fluch oder Segen?
Aber Ludmila Tschudy fällt noch etwas ganz Spezielles auf. Nämlich, dass die Nomaden immer öfter an den Spuren des Raubbaus ihrer Natur vorbei ziehen müssen. Seitdem in der Tundra verstärkt Rohstoffe ungeahnter Größe abgebaut werden, hat sich Jamal verändert. Die Flächen leiden unter der Überweidung, und wo sich die Natur wieder erholen müsste, wird der Boden überdeckt von riesigen Industrieanlagen.
Die größten Gasvorkommen auf der Welt fordern ihren Preis. Aber was haben die Ureinwohner davon? Die Schulkinder, die in Jar-Sale ihr Abitur machen, mögen davon irgendwann einmal profitieren. Doch was mag aus den Lebensformen ihrer rentierzüchtenden Eltern werden?
Filmemacher mit Russlandkompetenz
Der Autor dieser Erstausstrahlung, der gebürtige Ostpreuße Wolfgang Mertin, begann seine Arbeit 1963 beim Deutschen Fernsehfunk Berlin. Ab 1974 war Mertin als Moskau-Korrespondent für das DDR-Fernsehen in Russland und seit 1990 wirkt er als freier Autor für ARTE und die ARD-Regionalsender, die im Osten Deutschlands beheimatet sind.
Seine Arbeiten sprechen eine ehrliche Sprache und vermögen einen klischeefreien Blick auf Russland zu vermitteln. Mertins Aufmerksamkeit gilt nicht den Bildern aus Reiseprospekten, sondern widmet sich in erster Linie den Menschen Russlands.
Er begleitete eine Zirkusschule im Waldai, filmte die Lachszähler auf Kamtschatka und verbrachte den Winter mit Fischern am zugefrorenen Baikalsee. Oder eben nun auf Jamal…
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