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Montag, 10.06.2002

Moskau brennt - wie auf Bestellung ?

Von Gisbert Mrozek, Moskau. Fast könnte man meinen, das russische Staatsfernsehen habe direkt zur Massenrandale am Kreml aufgerufen. Zumindest lieferte es die Regie- und Gebrauchsanweisung in Form eines Werbe-Clips: Ein wutentbrannter britischer Hooligan zertrümmert da mit einer Brechstange die Windschutzscheibe eines Autos. Werbetext: „Wir zeigen keine schlechten Filme.“ Dieser Eigenwerbe-Clip des Staatsfernsehens flimmerte ausgerechnet in der Halbzeit des Spiels Russland-Japan über die riesige Mattscheibe vor dem Kreml, vor der sich etwa 15.000 Fussballfans versammelt und zum Teil auch schon in Stimmung getrunken hatten.

Kurz danach kam es beim 0:1 zum Filmriss: Einige hundert der Fans zogen die vorsorglich mit gebrachten Stahlruten und Molotowcocktails hervor und setzten um, was ihnen das Staatsfernsehen soeben vorgespielt hatte. Das Staatsfernsehen, dessen stellvertretender Direktor seit dem Montag der vergangenen Woche übrigens der FSB-General Alexander Sdanowitsch ist, der bis dato noch das Amt des FSB-Pressesprechers bekleidet hatte.

Aus diesen stadtbekannten Tatsachen aber nun den Schluss zu ziehen, die Massenrandale am Kreml sei ein inszeniertes Geheimdienstspektakel gewesen, dass dann aus dem Ruder lief, ist vermutlich doch Kaffeesatzleserei. Aber es gibt schon einige Fakten und Zusammenhänge, die erheblich an der sozialarbeiterischen Interpretation der Ereignisse zweifeln lassen, nach der an diesem Sonntag die Enttäuschung, nationale Kränkung und Perspektivlosigkeit der verarmten russischen Jugendmassen einfach spontan in Wut umkippten. Zumindest hatten einige hundert Skins sich gründlich vorbereitet.

Es waren vermutlich dieselben polizeibekannten Glatzen, die im Laufe des vergangenen Jahres schon mehrfach Fussballspiele zu Strassenpogromen genutzt hatten. Umsomehr erstaunt, dass die Moskauer Miliz, die nach dem letzten Progrom, der zwei Todesopfer forderte, noch erklärt hatte, sie habe die Fans, Skins und Neonazis unter totaler Kontrolle, diesmal absolut unvorbereitet war. Als Ordnungshüter in der Menschenmenge vor dem Kreml waren nur 120 Milizionäre abgestellt. Wenn die eingegriffen hätten, wäre von ihnen nichts übriggeblieben, rechtfertigte sich anschliessend der Moskauer Polizeichef Wladimir Pronin für seine Tatenlosigkeit.

Das alles zusammengenommen sieht tatsächlich wieder einmal - russlandspezifisch - nach bodenloser Unfähigkeit oder nach abgrundtiefer Raffinesse aus: Als sollten hier die Rahmenbedingungen für eine kontrollierte soziale Explosion geschaffen werden. Kommunistenchef Genadij Sjuganow, der natürlich nicht zugegeben kann, dass soziale Probleme an ihm vorbei aufbrechen, lieferte auch sogleich den Verdacht, die Strassenschlacht vor den Kremlmauern sei direkt aus dem Kreml gelenkt worden. Präsidentenadministrations-Chef Alexander Woloschin habe schon mehrfach versucht, extremistische Unruhen selbst zu inszenieren, um dann in der Duma das Gesetz gegen den Extremismus durchzudrücken, mit dessen Hilfe schliesslich die KP verboten werden könnte.

Erstaunlicherweise sind Linke wie Liberale gegen das Gesetz, das gerade jetzt verhandelt wird. Es gebe eigentlich genug Paragrafen und auch genug Polizeikräfte. Wie auch der vergangene Sonntag beweist: Nur dass sie eben selten da sind, wo sie gebraucht werden und das tun, was sie eigentlich tun sollten.

Und dann gibt es noch eine neue zivilgesellschaftliche Gemeinsamkeit zwischen Moskau und Berlin, die die Szenerie vielleicht auf Dauer ändern könnte. Eine ganze Reihe von Geschäfts- und Restaurantbesitzern im verwüsteten Moskauer Zentrum haben angekündigt, auf Schadenersatz zu klagen. Schliesslich sind Miliz und Politik dafür da, ihre Scheiben und Geschäfte zu schützen, und nicht umgekehrt.

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