Metropolit Kyrill ist die Zielscheibe vieler Negativberichte (Foto: Korotajew/.rufo)
Montag, 25.09.2006
Orthodoxe Kirche: Das Kreuz mit der Presse
Karsten Packeiser, Moskau. Erneut steht die russische Kirche in den Negativschlagzeilen: „Unter den neuen Bischöfen gibt es nur einen ohne nicht-traditionelle sexuelle Orientierung“, berichtet das größte Moskauer Boulevardblatt.
Belege für seine Artikel über Skandale, Intrigen und illegale Geschäfte aus dem Innenleben der Russischen Orthodoxen Kirche und speziell dem kirchlichen Außenamt liefert Sergej Bytschkow, Enthüllungsreporter des „Moskowski Komsomolez“, in der Regel nicht. Orthodoxe Kreise sehen eine „kirchenfeindliche Lobby“ am Werk.
Rufmord-Prozess wegen Spitzelvorwurf
Die Reporter des „Moskauer Komsomolzen“ stehen seit längerem auf einer schwarzen Liste feindlich gesonnener Presseleute, die zu kirchlichen Anlassen nicht mehr akkreditiert werden. Inzwischen ist der jahrelange Kleinkrieg zwischen der orthodoxen Kirche und dem Boulevardblatt eskaliert. Nach einer Serie feindseliger Pamphlete bezeichnete der Sprecher des kirchlichen Außenamtes, Wsewolod Tschaplin, den Autor Bytschkow in einer Radio-Talkshow als Spitzel des sowjetischen Geheimdienstes KGB sowie als einen „seelisch kranken Mann“. Der Journalist, in der Vergangenheit selbst um Kraftausdrucke nicht verlegen, klagte wegen Rufmord.
Das Patriarchat versuche nun, seinen ärgsten Kritiker mundtot zu machen, vermutet ein Moskauer Burgerrechtler. „Bytschkow ist der letzte, der sich noch traut, solche Dinge über die Kirchenhierarchie zu schreiben.“ Auf den ersten Blick hat die orthodoxe Kirche in Russland freilich wenig Grund, sich über eine schlechte Presse zu beschweren.
Über alle wichtigen kirchlichen Ereignisse berichtet das Fernsehen ausführlich und zumeist wohlwollend. Doch wenn es um Themen wie Religionsunterricht und die Einstellung von Militärgeistlichen geht, zeigt die Hauptstadtpresse den Anliegen der Kirche oft die kalte Schulter. „Ich träume davon, dass der Patriarch eine Abteilung für Gegenpropaganda einrichtet und mich zu deren Leiter ernennt“, scherzt der bekannte orthodoxe Publizist Andrej Kurajew.
Nur drei Menschen, mit denen man reden kann
Vielerorts schottet sich die Kirche vorerst selbst vor den Medien ab - aus Furcht, berechtigt oder unberechtigt in die Negativschlagzeilen zu geraten. Selbst der Orthodoxie gegenüber durchaus loyale Journalisten verzweifeln zuweilen an der starren Bürokratie des Moskauer Patriarchats. „Es kann doch nicht sein, dass es in der gesamten Kirchenverwaltung nur drei Menschen gibt, mit denen man jederzeit vernünftig reden kann und die operativ auf Anfragen antworten“, klagt die Redakteurin einer Moskauer Internetzeitung.
„Dass die russische Kirche krank ist, hat ja schon Dostojewski im 19. Jahrhundert gesagt“, meint Mark Smirnow, Chefredakteur der Religionsbeilage der liberalen Moskauer Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“. Die Kirche zu kritisieren, sei völlig gerechtfertigt. Wenn sie von einigen Autoren jedoch permanent „mit Dreck überschüttet“ werde, sei das nicht mehr akzeptabel, so Smirnow. „Das ist kein Journalismus mehr, was da passiert.“
Ein Teil der für das Patriarchat negativen Presseberichte könnte indes auch anders motiviert sein. So steht die konsequent kirchenkritische Webseite „Portal-Credo“ einer vom Moskauer Patriarchat abgespaltenen orthodoxen Splitter-Kirche nahe. Und der „Moskauer Komsomolze“ kritisiert seit Jahren auffallend einseitig den Leiter des kirchlichen Außenamtes, Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad.
In vielen Berichten wird er wegen seiner Beteiligung an den umstrittenen kommerziellen Projekten des Patriarchats während der 90er Jahre abwertend als „Zigaretten-Metropolit“ beschimpft. Andere Bischöfe dagegen erscheinen ausschließlich in positivem Licht. Dass das einflussreiche Boulevard-Blatt nur eine Waffe im kircheninternen Machtkampf ist, weist die Redaktion freilich vehement zurück.
(epd)
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