Menschenandrang bei der Trauerfeier für Anna Politkowskaja (Foto: Warschawtschik/.rufo)
Dienstag, 10.10.2006
Tausende bei Trauerfeier für Anna Politkowskaja
Moskau. Das Wetter war entsprechend dem Anlass trübe. Dennoch waren Tausende zum Trojekurow-Friedhof gekommen, um Abschied von Anna Politkowskaja zu nehmen. Hohe Politiker waren nicht unter den Trauergästen.
In Moskau nahmen mehrere Tausend Menschen die Gelegenheit wahr, einen letzten Blick auf Anna Politkowskaja zu werfen. Auch in anderen russischen Großstädten gedachten die Menschen der streitbaren Journalistin. In Petersburg beispielsweise nahmen etwa 100 Menschen an einer zuvor nicht genehmigten Trauerveranstaltung teil. Während die Polizei in Petersburg ein Auge zudrückte, muss sich im westsibirischen Kurgan ein Menschenrechtler für die Organisation einer Trauer-Kundgebung verantworten – die Behörden hatten die Veranstaltung nicht erlaubt.
Viele „Kollegen“ unter den Trauergästen
„Sie war eine Menschenrechtlerin und Journalistin im wahrsten Sinne des Wortes, eine Heldin Russlands“, sagte der Kreml-Beauftragte für Menschenrechte, Wladimir Lukin, auf der Beerdigung in Moskau. Unter den Trauergästen waren dementsprechend in erster Linie Journalisten und Menschenrechtler. Aufmerksame Beobachter entdeckten aber auch US-Botschafter William Burns, den Schriftsteller Viktor Jerofejew und Luschkows Pressesprecher Sergej Zoi. Der Moskauer Oberbürgermeister selbst blieb der Trauerfeier wie der Großteil der russischen Politprominenz fern.
Anna Politkowskaja war nicht besonders beliebt bei Russlands Offiziellen. Die Journalistin hatte stets Menschenrechtsverletzungen in Russland angeprangert und sich damit viele einflussreiche Feinde geschaffen. Besonders über die Auswüchse des Tschetschenienkrieges hatte sie immer wieder berichtet und dabei sowohl die föderalen als auch die separatistischen Kräfte scharf wegen der Missachtung von Recht und Gesetz kritisiert.
Spekulationen um ihren Tod
Seit die regierungskritische Journalistin am Samstag im Treppenhaus ihres Wohnhauses von bislang Unbekannten erschossen wurde, ranken sich daher wilde Spekulationen um die Hintermänner des Anschlags. Klar ist, dass der Auftragsmord im Zusammenhang mit ihrer professionellen Tätigkeit stand. Doch die Polizei hat bisher noch keine heiße Spur.
Die „Nowaja Gaseta“, bei der Politkowskaja arbeitete, hat eigene Ermittlungen angekündigt. Für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen hat das Blatt immerhin 25 Mio. Rubel (740.000 Euro) Belohnung ausgesetzt. In der Sondernummer, die zum Tod von Politkowskaja gedruckt wurde, formulieren ihre ehemaligen Kollegen zwei Tatversionen:
„Wir wissen heute nicht, wer sie tötete und warum. Wir können lediglich zwei Hauptversionen offerieren. Entweder war es ein Racheakt von Ramsan Kadyrow, über dessen Tätigkeit sie oft schrieb und redete. Oder es war eine Tat derjenigen, die wollen, dass der Verdacht auf den derzeitigen tschetschenischen Premierminister fällt, da dieser nach Erreichen des 30. Lebensjahres auf den Posten des Präsidenten Anspruch erheben kann.“
Putin: Politkowskajas Tod schadet der Obrigkeit
Ob sich die Liste der Verdächtigen tatsächlich auf diese zwei Gruppen einengen lässt, muss allerdings bezweifelt werden, denn Politkowskaja hatte sich durch ihre engagierte, ehrliche, wenn auch nicht immer objektive Berichterstattung viele Feinde gemacht. Die Aufgabe der Polizei ist entsprechend schwer, vor allem da sie unter absolutem Erfolgsdruck steht.
Präsident Wladimir Putin versprach nämlich in einer ersten Reaktion aus Dresden die Verantwortlichen „dieses abscheulichen Verbrechens“ zu finden. „Dieser Mord fügt der regierenden Obrigkeit weit mehr Schaden zu als ihre (Politkowskajas) Publikationen“, sagte Putin in einer Stellungnahme. Westliche Politiker hatten den Mord als Rückschlag für Demokratie in Russland gewertet und mehr Pressefreiheit angemahnt.
(-ab/.rufo)
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