Moskau - Deutschland in 35 Stunden (Foto: Knelz/.rufo)
Donnerstag, 04.08.2005
Busreisen nach Russland: Nur mit deutschem TÜV
Alexej Knelz, Moskau. Alte Fahrzeuge und schlechte Fernstraßen tragen Schuld an der hohen Zahl von Busunglücken in Russland. Reisende und Fahrer machen sich kaum Gedanken über Sicherheitsmängel. Eine Reportage.
Es ist einmal mehr ein heißer Tag in Moskau – das Quecksilber hat die 27-Gradmarke erreicht. Trotz sengender Hitze stehen Menschenmassen vor dem deutschen Konsulat am Leninskij Prospekt 95. Sie warten auf ihr Visum nach Deutschland und werfen ungeduldige Blicke auf die gegenüber liegende Straßenseite.
Dort parken mehrere Busse deutscher und russischer Reisefirmen und warten auf Kundschaft. Viele Russen lösen die Fahrkarte nach Deutschland sofort, nachdem sie ihren Pass mit dem Visum abgeholt haben.
Wartende Busreisende vor der Visastelle der deutschen Botschaft (Foto: Knelz/.rufo)
Sind Busreisen nach Russland unsicher?
Alexander, Busfahrer eines in Deutschland beheimateten Reiseunternehmens, ist Optimist. Er ist permanent auf Achse und hat keine Bedenken, was die Sicherheit von Busreisen angeht. Sein Bus werde in Deutschland nach europäischen Standards gewartet und geprüft, wie auch die anderen zwischen Deutschland und Russland verkehrenden Reisebusse, sagt er.
„Es gibt zwar ein paar Ein-Bus-Firmen, die bei Wartung und Ersatzteilen sparen“, erzählt Alexander, „das ist aber doch die Ausnahme“. Für die Unfälle macht der Fhrer mit 20 Jahren Erfahrung ohnehin nicht die Technik verantwortlich: „In den meisten Fällen ist es doch menschliches Versagen“, behauptet er.
Dies bestätigt auch Valeri, der einen Bus weiter Passagiere für die Fahrt nach Deutschland anwirbt: „Die meisten Busse haben eine deutsche TÜV-Plakette dran.“ Das gelte sowohl für deutsche wie auch für russische Reisebusse. Ohne deutsche Plakette dürften sie in Deutschland nur 80 Kilometer pro Stunde fahren, mit seien 100 Stundenkilometer erlaubt. „Es sind immer drei Fahrer pro Bus, die sich nach vier bis maximal viereinhalb Stunden Fahrt abwechseln“, fasst Valerij zusammen.
Innerrussische Linienbusse fahren teilweise von den Moskauer Bahnhöfen ab (Foto: Knelz/.rufo)
Warum viele Reisende noch immer den Bus gegenüber einem Billigflieger vorziehen, sei einfach zu erklären: „Wir haben nur eine Gepäckstückbegrenzung. Zwei Taschen darf der Reisende kostenlos mitnehmen. Wie viele Kilogramm er darin verstaut, ist sein Bier“, verkündet Valerij.
Bus statt Flugzeug wegen Unwissenheit
Wie es sich herausstellt, stimmt das nicht ganz. Im Schatten des Parkplatz-Wartehäuschens kauern zwischen ihrem Gepäck abreisebereite Russen mit deutschem Visum. Die Frage, warum sie angesichts der Low-Cost-Tarife von unter 130 Euro die Strecke nicht nach Deutschland fliegen, löst einen Schock unter den Wartenden aus. „Was? Wir zahlen ja 150 Euro hin und zurück für 35 Stunden langes Gerüttelwerden im Bus“, beschwert sich eine Frau. „Könnten sie mir die Telefonnummer dieser Fluggesellschaft sagen?“
Ein Mann mit Sonnenbrille kennt die Billigflieger, bevorzugt aber trotzdem den Bus: „Hier sind die Überlebenschancen größer“,
Auf innerrussischen Strecken brummen allerdings meist ausrangierte Lastesel – vom Platz vor dem Pawelezki-Bahnhof aus zum Beispiel nach Tambow, Woronesch, Lipezk oder gar ins rund 1.000 Kilometer von Moskau entfernte Wolgograd. Von drei Fahrern nicht die Rede – maximal zwei Mann lenken den Bus.
In einem blauen Bus, der aussieht wie ein umgebautes Stadtwerke-Fahrzeug, sitzt der Busfahrer Viktor. Er kommt aus Tambow, sein Vehikel ist in Wahrheit ein zwei Jahre alter Reisebus russischer Herstellung. Von Klimaanlage, Video oder WC wie in den Bussen vor dem Konsulat nicht die Spur. Mit seinem rollenden Erzeugnis aus Mitschurinsk ist Viktor unzufrieden: „Das Ding ist unzuverlässig. Ich würde lieber einen alten deutschen Bus fahren, die sind seltener kaputt“, sagt der Fahrer.
Nach der Fahrt robbt Viktor sich persönlich mit dem Schraubenschlüssel unter das Vehikel – einen Wartungsservice könne sich seine Firma nicht leisten. „Klar, die europäischen Reisebusse sind viel sicherer“, glaubt der Fahrer. Über den Straßenzustand in Russland, das Verkehrsrisiko Nummer Eins, will Viktor gar nicht erst reden.
Russische Straßen – manchmal wie offenes Gelände
Die Fernstraße Moskau – Minsk, über die auch alle Reisebusse von und nach Deutschland fahren, ist noch in realtiv guter Verfassung. Insgesamt aber sind die Straßenverhältnisse in Russland katastrophal. Fehlende Mittelstreifen und Fahrbahnrand-Markierungen, nicht asphaltierte Seitenstreifen, Schlaglöcher und unzureichende Beschilderung erhöhen das Unfall-Risiko enorm. Hinzu kommt, das der russische Asphalt glatter als der europäische ist, was den Bremsweg verlängert.
Während Viktor sich auf die Fahrt vorbereitet und versucht, einen betrunkenen und geldlosen Landsmann loszuwerden, der offenbar gratis nach Tambow will, ertönt am Pawelezki-Bahnhof eine Lautsprecher-Durchsage: „Mit der russischen Bahn fahren sie sicherer und komfortabler, als mit anderen Verkehrsmitteln“.
(ali/.rufo)
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