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Staatschef Kutschma versprach eine gewaltfreie Amtsübergabe (Foto: www.newsru.com)
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Montag, 15.11.2004

Ukraine: Putin am Scheideweg

Von Alexej Dubatow, Moskau. Wird Wladimir Putin den als pro-russisch geltenden ukrainischen Präsidentschafts- kandidaten Viktor Janukowitsch weiter unterstützen oder ihn vor der zweiten Wahlrunde fallen lassen? Die Frage steht nach dem jüngsten Überraschungsbesuch des russischen Präsidenten in der Ukraine im Raum.


Am vergangenen Freitag flog Putin mit einem Hubschrauber vom russischen Schwarzmeerbadeort Anapa zum Handelshafen Kawkas am Asowschen Meer, wo der ukrainische Präsident Leonid Kutschma auf ihn wartete. Von dort aus fuhren sie mit einer Fähre gemeinsam nach Kertsch auf der Krim.

Unerklärliche Geheimniskrämerei


Offizieller Anlass für den informellen Gipfel war die Wiederinbetriebnahme einer Eisenbahnfähre zwischen der russischen Halbinsel Taman und der Krim, die seit dem Zerfall der UdSSR stilllag. Niemand glaubte es. Denn Putin kam eine Woche vor der Stichwahl und einen Tag, nachdem bekannt wurde, dass der Oppositionsführer Viktor Juschtschenko die erste Wahlrunde gewonnen hatte.

Janukowitsch begrüßte die beiden auf der ukrainischen Seite, worauf die beiden Staatschef – ohne Kutschmas designierten Nachfolger – ein Kinderferienheim besuchten und dann in unbekannter Richtung entschwanden. Man erfuhr nicht einmal, wie lange Putin in der Ukraine blieb, geschweige denn, worüber unter Ausschluss der Presse an einem unbekannten Ort verhandlet wurde. Am Sonntag tauchte der russische Präsident in seiner Schwarzmeerresidenz bei Sotschi auf. Gerüchte, wonach er Kutschma dorthin mitgenommen haben soll, wurden in Kiew weder bestätigt, noch dementiert.

Gerüchteküche kocht über

Als Folge brodelte die Gerüchteküche. Wie der Sender Echo Moskaus unter Berufung auf Quellen im Kreml mitteilte, hatte Putins US-Kollege George Bush am Donnerstag wiederholt im Kreml angerufen und versucht, ihn von der weiteren Unterstützung Janukowitschs abzubringen. Kutschma hatte über seine telefonischen Verhandlungen mit Washington vor dem Abflug aus Kiew selbst erzählt und versichert, es werde „in jedem Fall“ keine Gewaltlösung geben. Daraus wurde messerscharf geschlossen, Putin stelle sich auf den Oppositionskandidaten um. Kutschma beharre dagegen darauf, Janukowitsch weiter zu stützen. Die Geheimniskrämerei deute auf ernste Differenzen hin.

Russische Experten sind gespalten. Die einen sagen, es habe für den Kreml keinen Sinn, im letzten Moment die Fronten zu wechseln und mit Juschtschenko anzubandeln. Dafür habe Putin auch nach dessen möglichem Sieg Zeit. In der vorwiegend russischsprachigen Ostukraine lag die Wahlbeteiligung in der ersten Runde mit 60 Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Wenn man Janukowitsch-Wähler dort animiere, so könnte der Premierminister seinen Rivalen überflügeln. Daran arbeitet jetzt das Team des skrupellosen Moskauer Polittechnologen Gleb Pawlowski, der Putins Wahlsieg im März 2000 sicherstellte. Andere Politprofis bezweifeln, dass es sinnvoll ist, weiter nur auf Janukowitsch zu setzen.

Juschtschenko hat bessere Chancen

Momentan sind Juschtschenkos Chancen eindeutig besser. Am Tag nach der Wahl hatte die Zentrale Wahlkommission in Kiew erklärt, Janukowitsch habe einen Vorsprung von sechs Prozent. Zehn Tage später hieß es, Juschtschenko habe 0,5 Prozent mehr Stimmen bekommen, als sein Gegner. In Wahrheit müssen es mindestens zwei Prozent sein, weil die Ergebnisse in drei Juschtschenko-freundlichen Wahlkreisen aus formalen Gründen nicht mitgezählt wurden. In der Hauptstadt Kiew war er souveräner Sieger. Die Sozialisten wollen ihn bei der Stichwahl unterstützen. Die Kommunisten bleiben neutral.

Janukowitsch unterstützen, Juschtschenko nicht vergrätzen

Bei Russland-Aktuell
• Das Wahldebakel von Kiew (10.11.2004)
• Unentschieden in der Ukraine (01.11.2004)
• Stichwahl in der Ukraine notwendig (01.11.2004)
Was sich Putin einfallen ließ, weiß man nicht. Fakt ist, dass er diesmal auf jede Wahlwerbung für den Kremlkandidaten verzichtete. Bei seinem Besuch in Kiew vor der ersten Wahlrunde hatte er Janukowitsch öffentlich als den besten ukrainischen Regierungschef aller Zeiten gelobt und Gastgeschenke wie das Versprechen einer doppelten Staatsbürgerschaft verteilt. Der ukrainische Wähler sei mit russischer Wahlwerbung überfüttert, sagte der Moskauer Politologe Sergej Markow, der Janukowitsch in der Ukraine Schützenhilfe leistet.

Moskau unterstütze Janukowitsch, bereite neuerdings aber auch einen „Ausweichflughafen“ vor, meint Markows Kollege Wjatscheslaw Nikonow. Das einzige greifbare Ergebnis des „Krim-Treffens“ blieb die Fernsehdebatte, die für Montag 20.00 Uhr Moksauer Zeit (18.00 deutscher Zeit) geplant war. Janukowitsch, der seine Teilnahme bisher abgelehnt hatte, sagte plötzlich zu.

Die beiden Rivalen tauschten schon vorab Erklärungen aus. Er habe nach seinem Sieg die Absicht, mit der russischen Gemeinde zusammenzuarbeiten, versprach der „Westler“ Juschtschenko. Der „Ostler“ Janukowitsch sagte dagegen, er werde den EU-Beitritt seines Landes untertsützen.


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