Eine der wenigen damals veröffentlichten Illustrationen aus einem (west-) deutschen Buch zum Thema „Belagerung Leningrads“ aus dem Jahr 1968. (Foto: Barth/.rufo)
Dienstag, 27.09.2011
Diskussion: Die Wahrnehmung der Leningrader Blockade
Hamburg. Die Belagerung Leningrads jährt sich zum 70. Mal. Das Gedenken versteht sich von selbst. Nur, wer (ge-) denkt wie? Eine Podiumsdiskussion will klären, warum die Wahrnehmung des Geschehens äußerst different ist.
Rückblick: Am 8. September 1941 schloss sich die Zange der vorrückenden deutschen Wehrmachtstruppen um die Stadt an der Newa. Leningrad war von der Außenwelt abgeschnitten und seinem weiteren Schicksal preisgegeben.
Nowgorod war gefallen, Moskau noch weit weg und Leningrad als Eckpfeiler an der Ostfront ein wichtiges strategisches Ziel für weitere militärische Operationen. Die Einnahme der Stadt erwies sich aus verschiedenen Gründen als unmöglich, Aushungern war die Losung.
Das Ende vom Lied: fast 900 Tage Belagerung und über eine Million erfrorene, verhungerte und von Luftangriffen und Artilleriebeschuss getötete Zivilisten. An der Front vor Leningrad ließen weitere hunderttausende Armeeangehörige ihr Leben.
Differente Wahrnehmung von Ost und West
Leningrad wurde daraufhin von der sowjetischen Propaganda zur „Heldenstadt“ heroisiert. Dementsprechend ist natürlich auch die Anteilnahme des geschichtlichen Ereignisses im eigenen Land. Nicht nur im heutigen St. Petersburg; dort sicherlich konzentrierter, aber nein: auch im restlichen Russland.
Um ein Bild vom Wissen der deutschen Bevölkerung zu bekommen, lag es nahe, sich mit Menschen aller Altersgruppen über das Thema zu unterhalten. Das Ergebnis der Gespräche mit Passanten auf der Straße war verblüffend: Selbst unter der Generation der über Siebzigjährigen konnte nicht einmal eine Hand voll mit dem Begriff etwas anzufangen.
Von den jüngeren ganz zu schweigen. Selbst der Autor dieses Artikels kann sich erinnern, dass dieses Thema nie Gegenstand seines Geschichtsunterrichts war.
Der „aufgeklärte“ deutsche Osten
Ein Anruf im Osten Deutschlands sollte die verfahrene Situation wieder gerade rücken. Und tatsächlich: Hier war das Thema omnipräsent. Jeder, der vor dem Fall der Mauer 1989 die Schule besuchte, wurde von den stolzen Heldentaten des „Großen Bruders“ in Kenntnis gesetzt.
Wann und wo:
05.10.2011, 19.00 Uhr – Berlin Landesvertretung der Freien und Hansestadt Hamburg Jägerstraße 1-3, 10117 Berlin
Und doch muss konstatiert werden: Insgesamt betrachtet, spielt die Belagerung Leningrads im Geschichtsverständnis der Deutschen eine ungleich geringfügigere Rolle gegenüber dem Desaster von Stalingrad, mit dem der Wahn von der Eroberung des Ostens ein jähes Ende fand.
Zwei Historiker diskutieren das Thema
Im Gespräch mit Dr. Jörg Ganzenmüller, Historiker an der Universität Jena, und Andrea Zemskov-Züge, Historikerin aus Berlin, soll der Stellenwert der Betrachtung der Belagerung Leningrads in Ost und West hinterfragt werden. Moderiert wird der Abend von Dr. Manfred Sapper, Zeitschrift „OSTEUROPA“.
Ausschnitte aus dem 2005 veröffentlichten Dokumentarfilm „Blokada“ des russischen Regisseurs Sergej Loznitsa veranschaulichen, begleitend zu der Podiumsdiskussion, durch bewegte Bilder das Ausmaß der Tragödie der Jahre 1941 bis 1944. Der Film geht bewusst den Weg der Dokumentation, fernab vom sowjetischen Heldenpathos.
Außerdem wird das gerade erschienene Sonderheft der Zeitschrift „OSTEUROPA“ zur Leningrader Blockade mit dem Titel „Die Leningrader Blockade. Der Krieg, die Stadt und der Tod“ bei dieser Veranstaltung vorgestellt. Selbstverständlich kann das Werk vor Ort erworben werden.
Im Anschluss an die Diskussion sind die Teilnehmer herzlich eingeladen, die Gespräche bei einem Glas Wein fortzuführen.
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