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Putin und Medwedew: Das Tandem soll zusammenhalten, was nicht zusammengehört (Foto: TV)
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Sonntag, 12.06.2011

Volksfront: Wasch mir den Pelz, mach mich nicht nass

Thomas Fasbender, Moskau. Die Restauration ist vollendet, die Vertikale aufgerichtet und die Macht gefestigt. Doch Stabilität ist trügerisch, wie Treibsand. Der nächste Schritt kann der letzte sein.

Unmerklich gerät die Tektonik in den Fundamenten der russischen Gesellschaft ins Rutschen. Die Nervosität der Mächtigen zeigt die Schieflage an. Die jüngsten Rochaden innerhalb der Wirtschafts- und Politikerelite, die Friktionen im Tandem – alles sichere Zeichen, dass es bald ein Ende hat mit dem "Weiter so".

Und dann noch die Ausrufung der Allrussischen Volksfront im Mai - eine großherzige Einladung der Kremlpartei an alle gesellschaftlichen Kräfte, parteilos oder parteilich, im Verein die Zukunft zu stemmen.

Und Putins Wunsch ist Befehl, zu Hunderten strömen die Organisationen herbei: Automobilisten und Sportler, Frauengruppen, Pädagogen, die Jugend, Unternehmerverbände und Angelvereine aus der Provinz.

Volksfront: alles nur Taktik?


Jetzt wird gerätselt; ist alles nur Taktik, um der Kremlpartei bei den Wahlen die Verfassungsmehrheit zu sichern? Halten wir also spekulativ dagegen: Was wäre, wenn die Volksfront mehr ist als ein bloßer Schachzug?

Was ist sie überhaupt für ein Konstrukt: Historisch gesehen verbindet sich mit dem Wort der Schulterschluss von Kommunisten und Sozialdemokraten: Leon Blum oder die Frente Popular in den 30er Jahren, die Zwangsehe der linken deutschen Parteien drei Jahre vor Gründung der DDR.

Bei Russland-Aktuell
• Putin will Wahlen mit einer „Volksfront“ gewinnen (09.05.2011)
• Medwedew wenig euphorisch über Putins neue Volksfront (12.05.2011)
• „Frage-2012“: Parteitag von ER bestimmt den Kandidaten (19.05.2011)
• Putins Volksfront bei Moskaus Bürgermeister einquartiert (25.05.2011)
• Medwedew: Präsident kann auch Partei-Vertreter sein (13.05.2011)

Volksfront-Vorbild: Franco oder seine Gegner?


Bezeichnenderweise verortet keiner der russischen Kommentatoren den Putinschen Vorschlag in dieser Tradition. Ganz andere Namen fallen bei der Suche nach den Vorbildern: die Falange Espagnola des General Franco, Mussolinis Fascisti.

Die Analogien haben ihren festen Grund. In ihm wurzelt die Verachtung für blutarme demokratische Prozesse und ewig nörgelnde Bürgerrechtler, wurzelt die Aura der Gewalt als Stilmittel der Politik, die Ästhetik von Macht und Männlichkeit.

Klare Worte, mitunter am Rand der Gossensprache, ein fester Blick und nackte Oberkörper. Für viele ein verführerisches Aroma.

Putin auf dem Weg zum Duce?


Erst die gelenkte Demokratie, jetzt eine korporatistische Volksfront - meißeln die Politingenieure im Weißen Haus an einer Ersatzideologie, einem russischen Neofaschismus? Ist Putin auf dem Weg vom Restaurator zum Duce?

Das Psychogramm des Mannes ist noch lange nicht gezeichnet. Vielleicht wird er kein Diktator und kein Autokrat, vielleicht ist er wirklich jener Demokrat, für den er sich hält – getreu dem griechischen Urwort: Dēmokratía. Die Macht des Volkes. Putins Traum ist jedenfalls, Staat und Volk in Deckung zu bringen.

Es ist schließlich diese Macht, die er gesucht und gefunden hat. Die Vollmacht seines Volkes. Und er weiß, wie man sie gewinnt. Wahlen kann man nicht trauen; wenn der Präsident es ehrlich meint, fälschen trotzdem die Gouverneure. Daher der hohe Stellenwert von Meinungsumfragen. Das Stimmungsbild im Volk wird peinlich genau registriert, Mehrheiten in der Duma kann man bestellen.

Bei Russland-Aktuell
• Eine neue Theorie über die politische Zukunft Putins (06.07.2007)

Der grösste Feind ist der im eigenen Lager


Sein größter Feind aber sitzt im eigenen Lager: die Korruption. Nirgends blüht sie so leuchtend wie in Gesellschaften mit undurchsichtigen Entscheidungswegen, Strukturen von undefinierbarer Legitimation und unterdrückter Kritik.

Der Riss, der durchs Land geht, trennt horizontal: oben der korrumpierte Staat und seine Höflinge, unten das Volk, in dem es zu gären beginnt. Irgendwann fühlen sich selbst die gläubigsten Parteigänger um ihren Teil gebracht.

Putin hat, will er das Heft über die kommenden Jahre hin in der Hand behalten, kaum Optionen. Eine Volksfront, unter deren Dach die Böcke Gärtner spielen, gehört nicht dazu.

Fortschritt im Gleichschritt gibt es nicht


Diese neue Volksfront ist die Allianz gegen das Chaos der offenen Gesellschaft, ein Versuch, das heraufziehende Unwetter durch gemeinsames Blasen an den Horizont zu bannen. Aber Fortschritt im Gleichschritt gibt es nicht, und die gelenkte Modernisierung als kollektiver Akt der gesellschaftlichen Kräfte ist eine Illusion.

Die Alternative der Falken – noch mehr Vertikale, noch mehr Silowiki – führt gleichfalls nicht zum Ziel. Am Siedepunkt wird aus Stabilität Stillstand.

Verändern und entwickeln, um erhalten zu können


In Wirklichkeit hat Putin nur eine einzige Option, Volk und Vollmacht nicht zu verlieren: loslassen, öffnen. Russland erträgt eine konfliktreichere, kreativere Gesellschaftsform, auch wenn das keine Demokratie nach westlichem Zuschnitt wird.

Doch ein solcher Schritt bringt eben Einschnitte und Veränderung – gerade den Gewinnlern der jüngsten Vergangenheit. "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass", das hat noch nie funktioniert.



Russische Übersetzungen >>>


Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf
Russland-Aktuell präsent.



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