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Dr. Bajan, alias Nikolai Fomin, eine Leitfigur der Berliner Russenszene. Egal mit wem er gerade unterwegs ist – es steppt der Bär. (Foto: Braindrain)
Dr. Bajan, alias Nikolai Fomin, eine Leitfigur der Berliner Russenszene. Egal mit wem er gerade unterwegs ist – es steppt der Bär. (Foto: Braindrain)
Montag, 31.01.2011

Russland rockt Deutschland II: Speedfolk und Volxpunk

Berlin. In Teil II unseres Berichts über die russische Musikszene in Deutschland geht es von der „Russendisko“ weiter in die tiefsten Gefilde der verrücktesten Musikrichtungen, die man/frau sich nur vorstellen kann.

Die „Russendisko“ begeisterte die Deutschen und inzwischen tourt das Konzept erfolgreich durch ganz Europa. Diese Abende waren zudem ein ideales Sprungbrett für russischstämmige Bands aus dem „Heimatland Berlin“.

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• Rockin Advent Teil 2 – Die Russen stürmen den Laden (07.12.2010)
• Rotfront – Emigrantski Raggamuffin in München (10.02.2010)
„Heimatland Berlin“, wie sie ihre Gegend um den Prenzlauer Berg inzwischen nannten, war für sie die Bühne des Lebens. Kaminer und Gurshy präsentierten die Kollegen auf einer Reihe von CDs, dem „Russendisko-Mix“, und die Szene traf auf offene Ohren. Sie kennen sich eh alle untereinander, die „Russen vom Prenzlauer Berg“. Jeder spielt mal mit jedem, und die Kiste bleibt rund.

Balalaika und Ska


Wobei man durchaus zwischen zwei Stilrichtungen der zeitgenössischen russischen Rockmusik unterscheiden kann. Die eine setzt auf die Tradition mit Punkeinflüssen aufgepeppt, eben „Balalaika-Polka-Speedfolk“, stilistisch mit einem genialen Minimalismus ausstaffiert.

Die andere, meist naturgemäß in größerer Besetzung antretende, hat den Ska in den Vordergrund gestellt. Die traditionellen Instrumente Balalaika, Bajan, Fiedel und ein loses Mundwerk wurden kurzerhand mit Bläsersätzen aufgestylt. Im Grunde macht das aber auch gar keinen wirklichen Unterschied, denn es kennt ja sowieso jeder jeden.

Krawall und Wunderheiler


Das größte Musiker-Kollektiv ist wohl Juri Gurshys „Rotfront“. Es hat mittlerweile schon gut 40 Musiker aller Couleur gesehen, die zwar nicht immer gleichzeitig auftreten, aber jederzeit füreinander da sind. Als Navigator im Zeitgeist steuert er seinen Kahn sicher durch den angesagten Musikgeschmack.

„Wodka-Hits nonstop“, das zieht immer. Schrill, schräg, laut – das perfekte Gelingen einer jeden Party. Wo „Rotfront“ mehr auf „Krawall und Remmidemmi“ setzt, tobt sich ein illustrer Wunderheiler eher hausbacken in der Szene aus.

Zügellose Saufausmusik von Dr. Bajan


„Dr. Bajan“ alias Nikolaj Fomin schart die gesamte „Speedfolk“-Gemeinde um sein Knopfakkordeon. Der Doktor ist auch wirklich einer, wenn auch der Physik. Das merkt man auch an seinem Spiel auf dem Bajan, das sämtliche physikalischen Regeln der Geschwindigkeit in Frage stellt.

Seine diversen Bands, allen voran „Braindrain“, versuchen auf ihren mehr oder minder traditionellen Instrumenten wacker mitzuhalten. Das Ergebnis: zügellose Saufausmusik, die die russische Volksmusik in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt, „Smoke on the Wodka“ eben.

Bloody Kalinka und Apparatschik


Ach, eine Sängerin darf’s auch noch sein? Kein Problem, wechseln wir eben zu einem Side-Project von Kolja Fomin, „Bloody Kalinka“. Das Gebräu ist ebenfalls eine Ursuppe aus gelebter Berliner Anarchie der 90er.

Frauenpower aus St. Petersburg. Iva Nova, russische Amazonen an der Bühnenfront, die Männerherzen zum schmelzen bringen. (Foto: Iva Nova)
Frauenpower aus St. Petersburg. Iva Nova, russische Amazonen an der Bühnenfront, die Männerherzen zum schmelzen bringen. (Foto: Iva Nova)
Und wenn „Dr. Bajan“ mal eben Zeit hat, schaut er auch gerne mal zur Visite bei „Apparatschik“ vorbei. Purer Volxpunk, die Silvesterpartys schon bald legendär. Wollen wir nun einen Schwenk in die Fraktion mit den Bläsersätzen machen – dieser einmaligen Melange aus Ska, Punk und überspitzter Traditionsmusik.

Rotzfreche Tanzmusik auf hohem Niveau


Auch hier gibt es Beispiele zur Genüge. Neben der bereits erwähnten „Rotfront“ treiben in diesem Genre natürlich auch etliche Bands mit russischen Wurzeln ihr Unwesen, auch außerhalb Berlins.

In der Donaumetropole Wien geben z.B. „Russkaja“ den Ton an (RUS-SKA-JA, kapiert?). Ganz andere, weil ruhigere, Töne schlägt wiederum der Barde des „Autorenliedes Pawel Gaida an.

Aber dem nicht genug: Inzwischen geben viele russische Bands während ihrer Tourneen im „Westen“ Auftritte in den hiesigen Clubs. Sie haben dadurch die Szene gehörig bereichert. Und wieder ist es vorwiegend ein Gebräu aus Ska, Punk, Polka und Jazz-Rock, rotzfreche Tanzmusik auf sehr hohem Niveau.

Prädikat tanzbar


Anarchisch zwar, aber ekstatisch und vor allem einfach ehrlich. Und immer wieder mogelt sich einmal die Tradition dazwischen – Prädikat tanzbar. Lebendige Musik, die exakt den Zeitgeist widerspiegelt, den Aufbruch. Beispiele gefällig? Zur Genüge!

Als da wären, die klassischen bekannten Rockbands aus den Clubs und Kellern Moskaus und, noch viel mehr, St. Petersburgs. Die allbekannten Kultklassiker Tequilla Jazz, Hajdamaky, Dobroj Notschy und Markscheider Kunst. Dazu Frauenpower aus Piter von Iva Nova.

Auktyon, Moskaus Jazz-Rock-Botschafter auf großer Fahrt in der „brave new world“. Der Sprung über den großen Teich ist mehr als geglückt. (Foto: Auktyon)
Auktyon, Moskaus Jazz-Rock-Botschafter auf großer Fahrt in der „brave new world“. Der Sprung über den großen Teich ist mehr als geglückt. (Foto: Auktyon)
Wir haben Ganovenjazz und Odessa-Beats von La Minor, aber auch schlichten Pop von Dwa Samoljota oder Pep-See. Sehr zu empfehlen auch ein Ausflug in die neurussische Avantgarde, sowie zu russischem Crossover und Core.

Die beiden Brüder Kristowski aus Moskau z.B. pflegen mit ihrer Band Uma2rman die gewagte Grätsche der gediegenen Cocktail-Musik bis hin zu den Krawallgitarren für den Soundtrack des berühmtesten russischen Blockbusters „Wächter der Nacht“.

Auktyon in anderen Gefilden


Spitfire hingegen setzen mehr auf die Tanzmusik. Das beweist auch das Ska-Jazz-Review-Projekt als musikalisch intellektuelle Erweiterung der Band. Und zum Schluss noch ein besonderer Geheimtipp. Der heißt Auktyon und tingelt inzwischen in ganz anderen Gefilden.

Leonid Fjodorow und Wladimir Wolkow, auch schon bei Leningrad bzw. Polkownik zu Gange, kamen nach San Francisco und begannen eine Kooperation mit John Medeski, Marc Ribot und Ches Smith.

Allesamt alte Haudegen der dortigen Szene. Das Ergebnis ist ein psychedelischer Exkurs in die tiefsten Winkel der anspruchsvollen Jazzrock-Musik.

Vermutlich wurden jetzt viele, die es verdient hätten, schlichtweg vergessen. Von dem her: hinfahren, umschauen, anhören. So werden Überraschungen entdeckt.



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