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Trauer um Markelow und Barburowa in Moskau bei bitterer Kälte. (Foto: newsru.com)
Trauer um Markelow und Barburowa in Moskau bei bitterer Kälte. (Foto: newsru.com)
Donnerstag, 21.01.2010

Mit Mundschutz zum Trauermarsch

Von Ulrich Heyden, Moskau. Etwa 1.000 Menschen gedachten in einem Trauermarsch dem Rechtsanwalt Stanislaw Markelow und der Journalistin Anastasija Baburowa. Viele trugen Mundschutz – aus Angst, fotografiert zu werden.

Trotz Kälte von minus 20 Grad beteiligten sich Dienstagabend mit 1.000 Teilnehmern überraschend viele und überwiegend junge Mensche in der Moskauer Innenstadt an zwei oppositionellen Trauerkundgebungen.

Antifaschisten, Anarchisten und Menschenrechtler waren zu der Aktion gekommen, mit der man dem Mord an dem Anwalt Stanislaw Markelow (34) und der Journalistin Anastasia Baburowa (25) gedachte. Markelow und Baburowa waren am 19. Januar 2009 im Zentrum von Moskau auf offener Straße von einem maskierten Killer erschossen wurden.

Viele der Demonstranten trugen einen Mundschutz. Die Aktivisten hatten Angst, fotografiert zu werden, denn russische Neonazis führen im Internet „schwarze Listen“ mit Fotos und Wohnadressen ihrer Gegner.

Im Gänsemarsch von einer Kundgebung zur nächsten


Buchstäblich in letzter Minute hatte die Stadtverwaltung nach wochenlangen Verhandlungen mit dem überparteilichen Aktionskomitee „19. Januar“ zwei Trauerkundgebungen genehmigt. Starke Polizeikräfte sorgten dafür, dass aus den Trauerkundgebungen keine Demonstration wurde.

Von der ersten zur zweiten Kundgebung mussten die Teilnehmer im Gänsemarsch auf dem Bürgersteig gehen. Den Veranstaltern wurde der Einsatz eines Lautsprecherwagens untersagt. Wer durch ein Megaphon Parolen rief oder ein Plakat hochhielt, wurde festgenommen.

Insgesamt 50 Demonstranten wurden auf Polizeiwachen verbracht. Dem Engagement des Menschenrechtsbeauftragten des russischen Präsidenten, Wladimir Lukin, war es zu verdanken, dass die Verhafteten noch vor Mitternacht wieder freigelassen wurden.

Radikale Parolen


Zu der öffentlichen Trauer hatten bekannte Künstler aufgerufen, unter anderem der Regisseur Jewgeni Mitta und der Rock-Musiker Andrej Makarewitsch („Maschina Wremini“).

Unter den Demonstranten waren bekannte Persönlichkeiten, wie der Vorsitzende der sozialliberalen Jabloko-Partei Sergej Mitrochin, der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Memorial Oleg Orlow und der linke Duma-Abgeordnete Oleg Schein von der Fraktion „Gerechtes Russland“.

Das Erscheinungsbild der Aktion prägten jedoch die vorwiegend jungen Teilnehmer mit Parolen wie „Der Faschismus kommt nicht durch!“ und „Die Faschisten töten – der Staat schützt sie!“ Später, beim Aufwärmen in einem Café, meinte Max, ein Geschichtsstudent, „das gibt es wohl nur in Russland, dass Antifa-Leute und Liberale zusammen demonstrieren.“

„Russland den Russen“


An der Uni gäbe es zwar noch nicht viele Nazis, meint Max, aber mit Parolen wie „Russland den Russen“ hätten die Neonazis oft die Mehrheiten auf ihrer Seite. Immer wieder komme es auch vor, dass Neonazis nach Punk-Konzerten Jagd auf junge Antifaschisten machen. „Nachts gehen wir nur in Gruppen nach Hause,“ erzählt der Geschichtsstudent.

Nach einem Bericht des Moskauer Sowa-Dokumentationszentrums wurden in Russland im letzten Jahr 60 Menschen bei Skinhead- und Neonazi-Überfällen getötet – darunter fünf Antifaschisten – und 306 verletzt. Der Großteil der Opfer sind Gastarbeiter aus Tadschikistan, Kirgistan, Armenien und Aserbaidschan.

Rache für verurteilte Neonazis?


Die russischen Sicherheitsbehörden haben ihre Ermittlungen gegen gewalttätige Skinhead-Gruppen verstärkt. Skinheads, die gemordet haben und volljährig sind, kommen heute nicht mehr so ohne weiteres als „Hooligans“ mit geringen Strafen davon.

Bei Russland-Aktuell
• Gedenkkundgebung: "Störenfriede" unter Polizeiaufsicht (20.01.2010)
• Bürgerrechtlerdemo zum Jahrestag des Markelow-Mords (18.01.2010)
• Rache: Russische Neonazis töteten Anwalt Markelow (05.11.2009)
• Politkowskaja und andere Märtyrer für den Rechtsstaat (07.10.2009)
• Medwedew gab oppositioneller Zeitung Interview (14.04.2009)
Auch im Mord-Fall Markelow/Baburowa gibt es jetzt erste Ermittlungserfolge und ein Strafverfahren. Im November letzten Jahres wurden der vermutliche Mörder und seine Helferin festgenommen.

Es handelt sich um den Historiker Nikita Tichonow, Mitglied der Organisation „Russische Lebensart“, und seine Freundin, die Journalistin Jewgenija Chasis, welche Markelow beschattet haben soll.

Bei der Durchsuchung der Wohnung wurde nach einem Bericht der Nowaja Gaseta ein ganzes Waffenarsenal gefunden. Nach der Verhaftung war Tichonow geständig, widerrief seine Aussage aber später. Seine Freundin Chasis bestreitet jede Tatbeteiligung.

Gut finanziertes Netzwerk


Einiges spricht dafür, dass Markelow und Baburowa von Neonazis ermordet wurden. „Markelow sorgte als Anwalt dafür, dass mehrere Neonazis für Jahre hinter Gitter verschwanden“, meint Galina Koschewnikowa vom Sowa-Dokumentationszentrum.

Sicher ist die Täterschaft von Neonazis aber nicht, denn Markelow war auch als Anwalt bei Menschenrechtsfällen in Tschetschenien tätig. Außerdem verteidigte er Umweltschützer.

Doch die Nowaja Gaseta, für welche die ermordete Anastasia Baburowa gearbeitet hatte, ist sich sicher, dass hinter dem Doppelmord Rechtsradikale stecken. Die Täter könnten sich auf ein „gut finanziertes“ rechtsradikales Netzwerk stützen, meint die Zeitung.


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