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Juri Kalendarjows Klangskulpturen wirken ungewöhnlich, sind aber überaus effektiv. (Foto: Barbarian Art Gallery)
Juri Kalendarjows Klangskulpturen wirken ungewöhnlich, sind aber überaus effektiv. (Foto: Barbarian Art Gallery)
Freitag, 18.03.2011

Russische Objektkunst, die durch den Körper geht

Zürich. In der „Barbarian Art Galery“ in Zürich gibt es derzeit eine Ausstellung der besonderen Art. Der russische Klangobjekt-Künstler Juri Kalendarjow stellt seine „Musikinstrumente“ aus. Der gute Ton macht die Musik…

Zugegeben, es mag sich beim ersten Hinsehen, beziehungsweise -Hören, etwas schräg anmaßen, was der Klangskulpturen-Performer Yuri Kalendarev da treibt. Wenn man sich jedoch genauer damit befasst, ist es Kunst, ganz große Kunst sogar. Kunst mit einer ungeahnten Philosophie, die durch den gesamten Körper strömt.

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Der Klang des Objekts, der ins Bewusstsein dringt


Als ich Juri Kalendarjows Skulpturen das erste mal „hörte“, kam mir spontan Mickey Harts Soundtrack zu Sir Francis Fords Meisterwerk „Apocalypse now“, einem der größten Antikriegsfilme überhaupt, in den Sinn. Klangwelten für die Psyche.

Percussion, die sich tief eingräbt, ja richtiggehend hineinwühlt in das Innere des „Betrachters“. Unvergesslich ist die klangliche Untermalung während des Napalm-Angriffs der Amerikaner auf den Vietkong, die groteske Szenerie in der versteckten Tempelanlage des weltentrückten Colonel Kurtz.

Gratwanderung zwischen Chaos und Kunst


Und auch die klingenden Objekte von Juri Kalendarjow bringen Töne hervor, die irgendwo zwischen Apokalypse und Apotheose einzuordnen sind. Sicherlich, es mag im ersten Moment nach willkürlichem Chaos klingen, und doch ist es durchdacht, wenn der Künstler seine Objekte zum Leben erweckt.

Wenn er mit dem Cellobogen und Paukenschlegeln an vermeintlich verbeulten Bronzeplatten herumhantiert und der Raum in eine transzendentale Schwingung gerät, dann ist Juri Kalendarjow in seinem Element. Der Ort vibriert…

Von der Migration ins Elementare


1947 im vom Krieg gebeutelten Leningrad geboren und dort aufgewachsen, absolvierte Kalendarjow die dortige traditionelle Bildhauerschule. Ab den 60er Jahren beschäftigte er sich bevorzugt mit Granit und Licht.

Stilistisch wandte er sich den russischen Nonkonformisten zu, einer (wenn auch nicht gern gesehenen) Gegenbewegung zum sozialistischen Realismus.

1976 hatte er die Nase voll von der Sowjetunion und emigrierte nach Israel. Von da aus konnte Juri Kalendarjow seine Träume realisieren. Nur drei Jahre später zog er weiter in die Toskana. Er gründete eine Werkstatt und war in seinem Element. Die berühmten Marmorsteinbrüche von Carrara lagen quasi vor seiner Haustür.

Wann und wo
Bis 12.April 2011 – Zürich, Barbarian Art Gallery, Bleicherweg 33
Mo. – Fr. 11.00 bis 15.00 Uhr und 16.00 bis 19.00 Uhr, Sa. 12.00 bis 16.00 Uhr

Altes Prinzip mit neuer Wirkung


Und ausgerechnet am Fuß dieser Steinbrüche sollte er sein neues Betätigungsfeld entdecken – Klangskulpturen aus gehämmertem Metall. Er experimentierte mit Klängen, das Prinzip war ähnlich wie die tibetischen Klangschalen, bei denen mittels leichter Berührung und Bewegung Schwingungen erzeugt werden.

Seit den 90er Jahren bearbeitet Juri Kalendarjow nun schon wuchtige Bronzeplatten mit Feuer und Hammer, solange bis der Ton sitzt. Ganz in der Tradition der (ursprünglich in St. Petersburg ansässigen) Klangkörperschmiede Paiste, deren Becken und Cymbals inzwischen als legendär bei Rock- und Jazzmusikern rund um den Globus gelten.

Die Überraschung ist garantiert bei den Objekten, die Musik machen. (Foto: Jürg Vollmer)
Die Überraschung ist garantiert bei den Objekten, die Musik machen. (Foto: Jürg Vollmer)

Wenn der Raum zum Ton wird


Kalendarjow streichelt seine Objekte, er kitzelt sie und kratzt sie. Die Schwingungen der an Stahlseilen aufgehängten Metallkörper erzeugen sehr schnell physisch spürbare Tieffrequenzen. Spürbar mit dem Bauch „oder hinter dem Hirn“ betont der Künstler. Es ist die physische und psychische Wirkung, auf die er abzielt.

Seine Objekte wispern erst verhalten, dann kichern und kreischen sie. Solange, bis der Raum von einem tiefen Grollen, Fauchen und Donnern erfüllt ist. Mit einem kräftigen Paukenschlag, einem gewaltigen Beben gleich, setzt Juri Kalendarjow schließlich seiner Performance ein Ende von titanischem Ausmaß.

Krönender Abschluss mit dem Meister selbst


Zur Finissage am 12. April wird der Meister daselbst zugegen sein. Juri Kalendarjow schreitet zur Tat und wird eine Performance auf seinen Objekten, die ja eigentlich Instrumente sind, zum Besten geben. Begleitet wird er dabei von dem legendären Schweizer Percussionisten Pierre Favre.

Und ein Anliegen hätten wir noch an die Besucher, die bereits jetzt an den Kunstwerken teilhaben können: Bitte streicheln sie die Objekte nur. Sie werden auch so überrascht und beeindruckt sein. Nur ersparen Sie nach Möglichkeit den anderen Ausstellungsgästen den finalen Donnerschlag…



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