Früher war Rekord der Markenname des ersten sowjetischen Fernsehers. Heute werden unter dem Label ein paar Lampen hergestellt (Foto: Ballin/.rufo)
Mittwoch, 28.07.2010
Fernsehwerk: In die Röhre gucken statt Rekorde feiern
André Ballin, Alexandrow. Fernseher aus Alexandrow ermöglichten einst den Sowjetbürgern den (ideologisch vorbestimmten) Blick in die große weite Welt. Heute ist die Kleinstadt tiefe Provinz und das Fernsehwerk dicht.
Der Bahnsteig am Morgen ist voll, die Passagiere drängen sich in die „Elektritschkas“, wie die Nahverkehrszüge in Russland genannt werden. Die Fahrt von Alexandrow nach Moskau dauert knapp drei Stunden. Am Abend fahren sie nach der Arbeit die drei Stunden wieder nach Hause zurück.
Erste Station für Dissidenten
101 Kilometer liegt Alexandrow von Moskau entfernt. Zu Sowjetzeiten war das weit genug, um Dissidenten und andere unliebsame Personen aus der Hauptstadt abzuschieben. Heute ist es nah genug, um nach Moskau zur Arbeit zu fahren, und weit genug, um tiefste Provinz zu sein.
Vom Aufschwung ist in Alexandrow nichts zu spüren. Arbeit zu finden, ist schwer in der rund 60.000 Einwohner zählenden Kleinstadt. Und so erinnern sich viele mit Bedauern an die Vergangenheit.
Nicht an Iwan den Schrecklichen, der Alexandrow im 16. Jahrhundert für sieben Jahre zur russischen Hauptstadt machte. Nein, sie erinnern sich an die Zeit, als es in Alexandrow noch brummte - vor allem dank dem Radiowerk.
Erster Fernseher in der Sowjetunion
Zu Sowjetzeiten war Alexandrow eine Industriestadt: Es gab einen wichtigen Eisenbahnknoten, ein paar Textilfabriken, ein Halbleiterwerk und seit 1932 auch das berühmte Radiowerk Nr.3.
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Alexandrow - Die Hauptstadt von Iwan dem Schrecklichen
Anfangs liefen hier Funkgeräte für die Rote Armee und Transistorradios vom Band. Ab den 50er Jahren kam dann auch die Produktion von Fernsehgeräten hinzu.
Der „Rekord“, so hieß das vor allem zu Anfangszeiten schwergewichtige Gerät, war der erste Fernseher in der Sowjetunion. Und der entwickelte sich schnell zum Verkaufsschlager, vor allem als Ende der 60er Jahre auch noch die Produktion von Farbfernsehern in der Fabrik eingerichtet wurde.
„Ende der 80er Jahre haben wir 28.000 Farbfernseher und 38.000 Schwarz-Weiß-Geräte pro Monat hergestellt“, erinnert sich der stellvertretende Werksdirektor Michail Lewaschow. Das entspricht einer Jahresproduktion von knapp 800.000 TV-Geräten. Daneben stellte das Werk auch Kontrollmonitore her.
Wichtigster Arbeitgeber in der Stadt
Zur Weltspitze habe die Produktion in den 50er Jahren gehört, meint Lewaschow. Aber auch in den 80er Jahren seien die Fernseher jenseits der sowjetischen Grenzen noch beliebt gewesen. „Chinesen, Koreaner und Mongolen haben die Fernseher gern gekauft“, erzählt er.
Zur Spitzenzeit haben in der Fabrik 12.000 Angestellte gearbeitet. Das Werk war damit der bedeutendste Arbeitgeber in der Stadt. In Alexandrow sei sogar eine Filiale eines Moskauer Instituts für Radiotechnik eingerichtet worden, damit die Fabrik Nachwuchs-Kader bekomme, berichtet Wassili Budanow.
Militär als Auftraggeber
Budanow war Abteilungsleiter in einem „Spezialkonstruktionsbüro“ des Radiowerks, das für das sowjetische Militär arbeitete. Zu Sowjetzeiten gab es keinen Betrieb, der nicht teilweise für das Militär gearbeitet habe, sagt er.
Als im Radiowerk zur Zeit der Perestroika die Belegschaft den Direktor selbst wählen konnte, spaltete sich das Konstruktionsbüro von der Fabrik ab. Mit 250 Mitarbeitern existiert es heute mehr schlecht als recht, doch immerhin: Es existiert.
Das Radiowerk hingegen ist pleite gegangen. Seit 1997 stehen die Fabrikhallen leer.
Der Elektronikproduzent Vestel hat sich in Alexandrow niedergelassen. Doch die Produktion ist weit geringer als zu früheren Zeiten (Foto: Ballin/.rufo)
System der Roten Direktoren
Die Fabrik sei absichtlich in den Ruin getrieben worden, ist Budanow sicher. „Man hätte das Werk ohne größeren Aufwand auf moderne Technik umrüsten können“, sagt er. Seinen Angaben nach waren Italienier, Japaner und Koreaner bereit, das Werk zu übernehmen, doch am Ende scheiterten die Gespräche.
Lewaschow gibt dem Direktor die Schuld. Dieser habe das Tafelsilber verscheuert, sich selbst bereichert und die Produktion ruiniert. Heute lebe er in Moskau. „Im Prinzip ist aber das System der Roten Direktoren schuld am Ruin der Fabrik.“ Wäre es nicht jener Direktor gewesen, hätte sich ein anderer unter den gleichen Umständen ebenso bereichert, sagt er.
Kleine Reste einer großen Produktion
Vom Radiowerk gibt es nur noch ein paar kleine Ableger. Neben dem Büro ist dies vor allem ein Lampenproduzent, der sich das Label „Rekord“ gesichert hat. Statt Fernseher gibt es dort Leuchter in allen Variationen zu kaufen.
Seit kurzem stellt auch der türkische Elektronikproduzent Vestel Fernseher in Alexandrow her. Doch nur wenige haben hier einen neuen Job gefunden. Die übrigen arbeiten als Händler in der Stadt, erzählt Budanow. Oder sie fahren mit der Elektritschka nach Moskau zur Arbeit.
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